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KKL: Zwischen Kultur und Kommerz

Am 12. August beginnt im Kultur- und Kongresszentrum Luzern das Lucerne Festival. Dort schwingt seit sechs Jahren Elisabeth Dalucas den Taktstock – mit viel Beifall.

Von Stefan Lüscher
31.07.2009

«Sie ist eine sympathische, aber konsequen­te, ja sogar hartnäckige Schnelldenkerin, die nicht nur abklärt und verhandelt, sondern auch handelt», sagt Anton Schwingruber, Regierungsrat des Kantons Luzern. «Eine aufgestellte, lebensfrohe Person. An Besprechungen ist sie konzentriert und fokus­siert, doch sie kann auch hartnäckig sein», so Marcel Perren, Direktor von ­Luzern Tourismus. Und Michael Haefliger, Intendant des Lucerne Festival, lobt: «Sie hat es in wenigen Jahren geschafft, aus ­einer relativ diffusen und verunsicherten Organisation mit vielen Wechseln in der Führung ein gefestigtes und erfolgreiches Unternehmen zu etablieren.»

Die derart Hochgelobte, Elisabeth Dalucas, leitet seit sechs Jahren das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Und hat damit weitaus mehr Sitzleder bewiesen, als einst in der Leuchtenstadt erwartet wurde. Denn 2003, als Dalucas übernahm, war es nicht allzu gut bestellt um das junge, weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen sorgende KKL. Nicht wegen des Gebäudes – der imposante, gleich neben dem Bahnhof am See gelegene Bau mit dem auskragenden Dach gilt als grandioser Wurf des Pariser Stararchitekten Jean Nouvel, und der unter Anleitung des berühmten New Yorker Akustikers Russell Johnson erstellte Konzertsaal ist Garant für ein unvergessliches Klangerlebnis. Dagegen haperte es mit der Führung des Hauses: Die Verluste aus dem Betrieb häuften sich, Politiker und Hoteliers murrten, die Chefs drückten sich im Zwölfmonatstakt die Klinke in die Hand, unter dem Personal rumorte es.

Verlustzone. Im März 2003 übernahm Dalucas, die Kunst­wissenschaften und Philosophie studiert sowie ein Nachdiplom in Kommunikation und Management absolviert hatte, die Leitung. Seit 2004 hat das KKL ohne Unterbruch mit Gewinn abgeschlossen. Dennoch nimmt die Baslerin ihre Vorgänger in Schutz: «Das KKL Luzern hat schon vorher gut gearbeitet, doch die Rahmenbedingungen waren schwierig.» Die schwierigen Rahmenbedingungen, das sind die Nutzungsrechte. Als 1994 in Luzern die Abstimmung über ein neues Kunst- und Kongresshaus anstand, war sich der bauwillige Stadtrat nicht sicher, ob das Volk dem immerhin gegen 200 ­Millionen Franken teuren Prachtsbau – schliesslich wurden 227 Millionen verbaut – zustimmen würde. Also griffen die Parlamentarier in die Trick­kiste und räumten einem Heer ortsan­sässiger kultureller Orga­nisationen aller möglichen Couleur das Recht ein, KKL-Säle an bestimmten Tagen für einen lächer­lich tiefen Preis zu nutzen.

Der Konzertsaal kostet einen Verein 2900 Franken, während sich der kommerzielle Preis auf bis zu 24  500 Franken beläuft. Die Differenz musste das KKL aus dem eigenen Sack berappen. Eine Hypothek, die aus dem laufenden Betrieb nicht zu finanzieren war. Das sah auch das Luzerner Stimmvolk ein; es segnete Ende 2003 eine Vorlage ab, wonach der jährliche Betriebsbeitrag der Stadt von 3,2 auf 4,2 Millionen erhöht wurde. Mit demselben Aufwasch wurden noch Schulden im Umfang von 18 Millionen getilgt. Damit war die Basis gelegt, das KKL aus der Verlustzone zu führen.

Als Elisabeth Dalucas den Arbeitsvertrag unterzeichnete, wusste sie allerdings noch nicht, dass die Abstimmung glatt über die Bühne gehen würde. Was hat die 48-Jährige dennoch bewogen, ihren krisen­sicheren Job als Direktorin des Museums zu Allerheiligen und Kulturbeauftragte der Stadt Schaffhausen zu künden und in die Zentralschweiz zu ziehen? «Dieses Haus, so war mir damals klar, hat ein enor­mes Entwicklungspotenzial, auch auf inhaltlicher Ebene.» Fasziniert hat Dalucas zudem, dass das KKL «kein Kulturtempel ist, sondern ein offenes Haus, wo sich Kultur mit dem täglichen Leben und mit kuli­narischem Genuss mischt, ja wo sich die Leute gerne treffen».

Nur hat es mit dem kulinarischen Genuss damals ziemlich gehapert. Dalucas: «Wir mussten erkennen, dass die ursprünglichen Gastronomiekonzepte in dieser Form nicht funktionieren können.» Für gegen zwei Millionen Franken wurden die Betriebe wieder auf Vordermann gebracht und Fremdcatering konsequent unterbunden. Heute geniesst das KKL speziell im Kongresswesen einen erstklassigen Ruf, die sechs Bars und Restaurants sind gut frequentiert. Das von einer Art Gitter umgebene «Red», einst von den Luzernern als Gefängniskantine belächelt, zählt zu den führenden Restaurants der Stadt.

Umsatzsprung. Die Tätigkeit von Elisabeth Dalucas nennt sich Kultur­management, ihr behagt Kulturvermittlung besser. Doch eigentlich ist Dalucas Chefin eines ausgewachsenen KMU. Das KKL ist eine sogenannte Public-Private Partnership. Besitzerin des Gebäudes ist eine Trägerstiftung, die auch die Aktien­mehrheit an der KKL Luzern Management (MAG) hält; diese wiederum betreibt das Kunst- und Kongresshaus, als Direktorin amtet Dalucas.

Die Managementgesellschaft, die im dritten Stock logiert – nicht gegen die atemberaubende Seeseite hin, sondern mit Blick über den Bahnhof –, ist über die letzten Jahre ausserordentlich stark gewachsen. Seit 2002 stieg der Umsatz um 75 Prozent auf 27,6 Millionen Franken (siehe «Das KKL in Kürze» im Anhang). Auch die Besucherströme schwollen stark an. Eher bescheiden dagegen die Zunahme beim Personalbestand; auf Vollpensen umgerechnet, wuchs dieser um lediglich 20 Prozent auf 172 Mitarbeitende. Dennoch wird in Politikerkreisen da und dort gemäkelt, die MAG sei aufgebläht. Eine Kritik, die Dalucas nicht akzeptiert. Gemessen am Umsatz, stehe der Personalbestand für ein Dienstleistungsunternehmen «in einer vernünftigen Relation».

Wertschöpfung. Obwohl Elisabeth Dalucas das KKL wie ein Unternehmen führen muss, ist die Zielsetzung letztlich eine andere. «Der Manager eines Unternehmens hat primär einen betriebswirtschaftlichen Fokus, muss also eine möglichst hohe Rentabilität erzielen», doziert die 48-Jährige. «Unser Auftrag dagegen ist es eher, eine möglichst hohe Wertschöpfung zugunsten der regionalen Wirtschaft zu generieren.» Und diese Wertschöpfung ist erklecklich. Gemäss einer Studie der Universität St.  Gallen hat das KKL 2001 für eine Wertschöpfung von 55 bis 57 Millionen Franken gesorgt. Heute dürfte dieser Betrag wohl gegen 70 Millionen streben. Das ist weitaus mehr, als die Honoratioren der Leuchtenstadt vor dem ersten Spatenstich des KKL in ihren kühnsten Träumen zu hoffen wagten.

Luzerns Politiker, Hoteliers und Gewerbler wissen denn auch, was sie an ihrem Kunst- und Kongresshaus haben. «Das KKL hat Luzern aus einem touristischen Dornröschenschlaf gerissen», schwärmt Hotelier Urs Karli, grösster Bettenanbieter im Ort. «Heute haben wir ein Kulturhaus, das zusätzlich noch Kongresse ­veranstaltet», sagt Beat Bächler, Geschäftsführer Luzern Incoming, und lässt etwas Unmut ­aufblitzen. Ihm behagt nicht, dass das Management auch im Kongresswesen einen hohen Qualitätsmassstab anlegt. An diesem Grundsatz will Dalucas allerdings nicht rütteln: ­«Meine oberste Maxime für das KKL ­heisst Qualität, ob es nun um Konzerte, Kongresse oder die Gastronomie geht.»

Das Streben nach höchster Qualität zieht sich bis in die Programmierung hinein. Von einigen Ausnahmen abgesehen, ist Dalucas für das Gesamtprogramm verantwortlich. Kaum etwas zu melden hat sie dagegen beim Aushängeschild des KKL, dem Lucerne Festival, das in diesem Jahr vom 12.  August bis zum 19.  September über die Bühne geht. Langjähriger Dirigent dieser renommierten Veranstaltung ist Michael Haefliger. Er gebietet über einen eigenen Mitarbeiterstab von 30 Leuten und ein Budget von 25 Mil­lionen Franken, also fast so viel, wie das KKL im Jahr an Umsatz erwirtschaftet. «Die Zusammenarbeit zwischen Lucerne Festival und KKL ist nach anfänglichen, kleineren Schwierigkeiten heute wirklich ausgezeichnet und basiert auf gegen­seitigem Respekt und Verständnis», gibt sich Haefliger höflich.

Leben und leben lassen, lautet die Devise. Zumal es den Kreisen rund ums KKL immer noch vergleichsweise gut läuft. Von der Wirtschaftskrise jedenfalls ist das KKL nur am Rande betroffen. Der lange zeitliche Vorlauf bei Buchungen für Konzerte und Kongresse verhindert einen heftigen Einbruch. Dafür macht sich die «neue Bescheidenheit» breit; statt geplanter 400 Kongressteilnehmer lädt ein Unternehmen schliesslich nur deren 350 ein, anstatt am Champagner wird an der Bar am Weiss­wein genippt. Für dieses Jahr dürfte der Umsatz geringer ausfallen, auch die Margen leiden. Elisabeth Dalucas mag nicht einmal ausschliessen, dass 2009 rote Zahlen anfallen – erstmals seit sie hinter dem Luzer­ner Bahnhof den Taktstock schwingt.

Geldspritze. Dafür ist der Buchungsstand für 2010 und 2011 sehr gut. Ja, Da­lucas macht sich auch langfristig wenig Sorgen – bis ins Jahr 2015. Gerade weil sie viel Effort darauf verwendet hat, für das KKL grosse Veranstaltungsblöcke zu ­sichern – mit Erfolg. «Dies gibt uns eine Grundauslastung, was uns wiederum ­Sicherheit verleiht», sagt die Kulturchefin, deren grosse Leidenschaft die Oper ist.

Nächster Fixpunkt ist 2010, das Zehn-Jahr-Jubiläum. Danach rückt 2015 ins Visier, dann müssen die Stimmbürger ­Luzerns über eine weitere Geldspritze befinden. Denn zu diesem Zeitpunkt werden erste grössere Ersatzinvestitionen fällig, und die dazu nötigen Mittel können «aus dem laufenden Betrieb des KKL nicht erwirtschaftet» werden, ist sich Dalucas sicher.

Weniger sicher ist, ob die Baslerin dann noch am Dirigentenpult des Innerschweizer Kultur- und Kongresszentrums stehen wird. «Ein Kulturhaus wie das KKL benötigt immer wieder Erneuerung, auch in der Leitung», sagt Dalucas. ­Momentan allerdings fühle sie sich wohl in ihrem Job; es sei eine spannende Zeit, ja eine Herausforderung, in der aktuellen Krise mit beschränkten Mitteln ein anspruchsvolles kulturelles Angebot zusammenzustellen. «Solange das so ist, so ­lange möchte ich bleiben.»

Und wenn «so lange» zu Ende ist? Elisabeth Dalucas hat einst für das neue Kongresszentrum Zürich gestimmt; sie wohnt mit ihrem Mann, einem Architekten, in Zürich, was in Luzern bis heute auf wenig Anklang stösst. Doch ein all­fälliges Angebot aus ihrem Wohnort würde sie wenig reizen: «Ich bin ‹wunderfitzig›. Fange ich eines Tages etwas Neues an, werde ich eher nicht nochmals ein Kultur- und Kongresszentrum führen.»

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