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Matthew Simmons: Kassandras Bruder

Mit der schonungslosen Kritik in seinem Buch hat sich der Texaner als oberster Warner in Sachen Ölversorgung etabliert.

Von Dirk Rheker
01.11.2005

Manchmal runzelt er die Stirn ohne erkennbaren Anlass. Der Blick der schmalen Augen schaltet dann um auf unfokussierte mittlere Distanz. In solchen Momenten sieht Matthew («Matt») Simmons aus wie einer, der sich in den niederträchtigen Alltag verlaufen hat. Und der sich – in vager Erinnerung an den Blick aus seinem Büro im 50. Stock des Bank of America Building in Houston – fragt, was er da eigentlich zu schaffen habe. Simmons, der erfolgreiche Chairman der Simmons & Company International. Ölmilliardär, Dealmacher, Investment-Banker. Mit Büros in Houston, Boston, London und Aberdeen. Mit einer internationalen Klientel und Investitionen im Wert von 58 Milliarden Dollar. Absolvent der Harvard Business School. Ehemals Mitglied der Expertengruppe zu Energiefragen unter Vizepräsident Dick Cheney.

Der untersetzte Mann mit den weichen Bewegungen und dem geschäftlichen Killerinstinkt der JR Ewings dieser Welt dealt in einer Branche, die nicht erst seit der unsäglichen Seifenoper aus dem benachbarten Dallas den Ruf hat, von Machos in Cowboystiefeln und riesigen Stetson-Hüten beherrscht zu werden.

So weit das Klischee. Doch da ist auch noch Matt Simmons, der Buchautor. Warner und Intellektueller. Der in seinem Werk «Twilight in the Desert: The coming Saudi Oil Shock and the World Economy» zum Schluss kommt, dass Saudi-Arabien wahrscheinlich weniger Ölreserven besitze als angenommen. Und damit einen Sturm der Verunsicherung, ja Panik ausgelöst hat, der bis hinein ins Weisse Haus fegte. Garant für sprudelndes Öl war für George W. Bush und seine Leute nämlich bisher eben jener Wüstenstaat. Die engen Beziehungen der Bushs zum saudi-arabischen Königshaus sind so berühmt wie berüchtigt. Und bis dato ebenso verlässlich. Und jetzt sollen die Scheichs die Kapazitäten aus politischen Gründen plötzlich zu hoch angesetzt haben? Und im Al-Ghawar-Ölfeld, dem grössten der Welt, inzwischen immer mehr Wasser in den zerklüfteten Kalkstein pumpen, damit das Öl überhaupt noch fliesst?

Mit seiner schonungslosen Analyse katapultierte sich Simmons an die Spitze der Pessimisten, die einen unmittelbar bevorstehenden Oil-Peak voraussagen. Ist er deshalb ein Nestbeschmutzer? Keineswegs, verteidigt er sich. Er sei weder ein verkappter Öko noch ein politischer Revoluzzer. Im Gegenteil: Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Beraterteam um Cheney unterstütze er die Regierung. Natürlich hat er gemerkt, wie nervös sie in Washington geworden sind. Aber der Präsident, so findet Simmons, dränge ja mit der ganzen Autorität seines Amtes darauf, neue Energiequellen zu erschliessen, in Alaska etwa. Oder auf den Ausbau der Kernenergie. Oder darauf, den Güterfernverkehr wieder stärker auf die Bahn zu verlegen. Und das sei gut so, sagt Simmons. Die bevorstehende Versorgungskrise zwinge zu einer resoluten Veränderung des Energiekonsums. Sonst droht die wirtschaftliche Vormachtstellung der USA zu kippen. Denn mit China sitzt der «einzig verbliebenen Supermacht» ein Konkurrent im Nacken, der bald mindestens ebenso durstig nach dem schwarzen Gold sein dürfte wie der notorische Energieverschwender USA.

Eine Horrorzahl rüttelt besonders wach: 200 bis 250 Dollar pro Barrel hält Simmons für einen realistischen Ölpreis – und zwar schon «in den kommenden Jahren». Derzeit pumpen private und staatliche Ölkonzerne täglich gut 84 Millionen Barrel Rohöl aus dem Boden. Das ist so viel wie nie zuvor – und reicht gerade, um die Nachfrage zu decken. Sämtlichen Prognosen gemäss wächst das Verlangen nach Öl aber noch gewaltig, auf geschätzte 121 Millionen Barrel im Jahr 2030. So viel, glauben die Kritiker des ungetrübten Wachstumsdenkens, gebe die Erde niemals her. «Seit 1970», sagt Simmons, «haben wir jedes Jahr mehr Öl verbraucht als neu gefunden.»

Zur Klarstellung: Simmons bewegt sich in einem Geschäftsumfeld, dessen moralische Koordinaten weniger mit Gut oder Schlecht denn eher mit Plus und Minus zu tun haben. Ein Moralapostel ist er nicht. Auch wenn die Gutmenschen dieser Welt diesen Mann gerade zum Kronzeugen für ihre Sache machen wollen. Was Wunder, dass man da gelegentlich verirrt wirkt oder die Stirn runzelt. Er hat nicht mehr getan als gründlich recherchiert. Und die Versorgungsengpässe aufgezeigt, die insbesondere auf die US-Wirtschaft und die Bürger der USA in kurzer Frist zukommen werden. Nüchtern und pragmatisch. Gerade das macht ihn aber so wirkungsvoll: Wenn Simmons vorrechnet, dass sich der Benzinpreis in den USA in Kürze verdreifachen dürfte, wird auch dem letzten autoverliebten Zweifler der Ernst der Lage klar.

Mitte Oktober verteidigte Simmons seine Thesen wieder einmal im Petroleum Club of Houston, den Oberkörper ruhig, die Sprache der Hände gemessen, nur die Füsse führten unterm Tisch einen Stepptanz auf. Energie, die raus will und sich doch nicht zeigen darf? Vielleicht ist das so: Wer im Ölgeschäft mit Milliarden jongliert, befindet sich eben jederzeit im tiefroten Drehzahlbereich. Hier wird mit der Zukunft gehandelt, mit politischer Macht und Aufstieg und Fall von Wirtschaftsimperien. Und Simmons hat Dinge zu sagen, wie es sich hier in Texas noch niemand getraut hat. Da zappelt man eben vor Anspannung mit den Füssen – und gibt sich obenrum cool. War bei Dallas-Fiesling JR Ewing ja auch immer so.

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