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Karstadt: Wie eine OP am offenen Herzen

Experten geben dem angeschlagenen Warenhausriesen Karstadt durchaus noch eine Chance.Keystone

Morgen tagt - erstmals seit dem Besitzerwechsel - der Karstadt-Aufsichtsrat. Während Eigentümer Benko schweigt, sehen Experten Chancen für das Modell Warenhaus - und auch für Karstadt. Eine Analyse.

Veröffentlicht 10.09.2014

Sie ist eine Operation am offenen Herzen - die Sanierung von Karstadt. Solange der Patient lebt, gibt es Hoffnung. Aber das Risiko ist hoch, dass es letztlich nur ein Herumdoktern an Symptomen ist. Karstadt häuft Verluste an, es fehlen die Kunden, die lieber im Internet, bei Fachhändlern, Discountern oder Einkaufszentren shoppen gehen.

Dennoch sehen Experten Chancen für das Modell Warenhaus - und auch für Karstadt, wenn auch nicht in dieser Grösse. Aber es müssten viele Hunderte Millionen Euro investiert werden, um dem Kaufhof -Rivalen ein frisches, zukunftsfähiges Konzept zu geben. Experten bezweifeln, dass der neue Eigentümer - der österreichische Immobilien-Investor Rene Benko - das stemmen will oder kann. «Ich frage mich, wie Benko bei dem wohl schwierigsten Thema im deutschen Einzelhandel in der Lage sein will, das Ruder herumzureissen», sagt Gerrit Heinemann, Professor für BWL, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein.

Benko schweigt sich aus

Der Österreicher übernahm die angeschlagene Warenhauskette im August vom glücklosen Investor Nicolas Berggruen für den symbolischen Preis von einem Euro. Über seine Therapie für Karstadt schweigt er sich bislang jedoch aus. Am Donnerstag kommt nun der Aufsichtsrat des Konzerns zu seiner ersten Sitzung nach dem Besitzerwechsel zusammen, um über die Sanierung und die Zukunft von 17'000 Mitarbeitern zu beraten.

AR-Chef Stephan Fanderl hat bereits «schmerzhafte Einschnitte» angekündigt und hinter die Überlebensfähigkeit von mehr als 20 Häusern ein Fragezeichen gesetzt. Acht neue Mitglieder hat Benko in den Aufsichtsrat entsandt, Experten erwarten deshalb von der Sitzung nicht den grossen Wurf. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Aufsichtsrat am Donnerstag schon mit einer konkreten Strategie und Schliessungsplänen aufwarten wird. Ich glaube eher, dass man sich im Hause und im Aufsichtsrat erstmal selbst finden muss», sagt Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung im Handel an der Fachhochschule Worms.

Rettung für Immobilien oder für Karstadt?

Noch rätseln die Experten, warum sich Benko überhaupt noch tiefer in das Abenteuer Karstadt stürzt. Seiner Immobilienfirma Signa Holding gehören bereits die Karstadt-Sporthäuser, das Berliner KaDeWe, das Hamburger Alsterhaus, das Münchener Oberpollinger sowie zahlreiche Karstadt-Immobilien. Experten vermuten, dass der Österreicher vor allem diese bisherigen Investments retten will.

«Benko geht es offensichtlich ganz konkret um das Immobiliengeschäft», sagt Heinemann. Denn wenn der Mieter Karstadt pleite ginge, müsste Benko den Immobilienwert von 1,1 Milliarden Euro abschreiben. «Eine Option wäre, dass Benko die Karstadt-Immobilien, die ihm selbst gehören, in Shopping-Center umwandelt», spekuliert der Experte. Aber bevor neue Mieter einziehen könnten, müsste Karstadt raus aus den Häusern. «Dies wäre folglich nur eine Lösung für Benko, nicht für Karstadt». Den weniger attraktiven Standorten drohe dann unweigerlich die Schliessung. Ein Sprecher der Signa Holding Benkos wollte sich dazu nicht äussern.

Experten sehen Chance

Ein anderer Weg für Benko wäre, Karstadt wieder fitzumachen. Zwar häufte der Konzern im Bilanzjahr 2012/13 einen Verlust von 131 Millionen Euro an und der Umsatz sank um neun Prozent auf 2,67 Milliarden Euro. Experten geben dem angeschlagenen Warenhausriesen aber durchaus noch eine Chance. «Karstadt als Ganzes in der jetzigen Form hat keine Zukunft. Aber wenn es gelingt, Standorte zu optimieren und ein funktionierendes Cross-Channel-System zu installieren, dann kann es mit einer geringeren Anzahl an Standorten auch wieder funktionieren», erklärt Kai Hudetz, Geschäftsführer beim IFH Institut für Handelsforschung.

Das würde jedoch viel Geld kosten - und das ist bei dem Konzern schon länger knapp. «Bei Karstadt gibt es einfach einen gewaltigen Investitionsbedarf.» Konkurrent Kaufhof habe das richtig gemacht: «Der Kaufhof profitiert davon, dass er Prozesse rechtzeitig optimiert hat, und frühzeitig wieder investiert hat», so Hudetz.

Sein Kollege Heinemann schätzt, dass bei Karstadt allein die Renovierung der Flächen eine Milliarde Euro verschlingen würde. «Um Karstadt wirklich zukunftsfähig zu machen und neu zu erfinden, bräuchte das Unternehmen neue Systeme für die Warenwirtschaft, für den E-Commerce, für die Kanalvernetzung, für Multi-Channel-Services wie Verfügbarkeitsabfragen oder Artikelreservierungen und so weiter. Alles in allem kämen wir auf mindestens 1,5 Milliarden Euro, die sicherlich auch die Möglichkeiten von Herrn Benko übersteigen dürften.»

Neuer Anlauf für Warenhais-Allianz?

In Branchenkreisen wird auch vermutet, Benko könnte einen neuen Anlauf unternehmen, eine «Warenhaus AG» mit Kaufhof zu schmieden. Benko habe bereits erste, lose Kontakte zu Metro-Grossaktionär Haniel aufgenommen. Bei Kaufhof wiegelt man ab. «Die Frage stellt sich nicht», sagt ein Sprecher.

Experte Funder sieht darin aber durchaus Sinn. «Der Vorteil einer Warenhausallianz besteht darin, dass die wirklich ertragshaltigen Häuser zusammengeführt werden und zudem eine Marktbereinigung um einen Wettbewerber eintritt.» Langfristig glaube er an ein Potenzial von 60 bis 70 zentral geführten Warenhäusern in Deutschland. Einzelne Standorte würde die Metro - falls möglich - sofort übernehmen, meint auch Michael Gerling, Geschäftsführer am EHI Retail Institute. «Aber das ganze Paket wird sich der Konzern nicht antun.»

«Bei Karstadt wird es sehr radikal zugehen»

Das Karstadt-Management hat bislang nur Schließungen angedeutet. Aber auch die sind nicht umsonst. «Es gibt im deutschen Einzelhandel keine Markteintrittsbarrieren, aber große Marktaustrittsbarrieren», erklärt Gerling. Das seien in erster Linie Mietverträge und das Thema Mitarbeiter, die Karstadt abfinden müsste. Laut Aufsichtsratsmitglied Arno Peukes fallen für Sozial- und fortlaufende Immobilienverträge zehn bis 15 Millionen Euro pro Haus an.

«Oft ist es wegen der hohen Aufwendungen für Einzelhändler günstiger, defizitäre Standorte weiterzubetreiben, als diese zu schliessen», erklärt Gerling. Bei Karstadt deute aber vieles darauf hin, dass die Zahlen regierten. «Ich glaube, dass es bei Karstadt sehr radikal zugehen wird, mit allen Variationsmöglichkeiten: Teilverkleinerung, Schließungen, komplette Umwandlung von Häusern und Sortimentskonzentration mit Partnerschaften.»

(reuters/ccr)

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