Bilanz: Herr Nicklaus, nach unseren Recherchen gibt es seriöse Investoren, darunter zwei Firmen aus den USA, die eine Übernahme der Esec erwägen. Steigen mit dem neuen Mehrheitsbesitzer Victory die Chancen, dass die Esec wieder auf eigene Beine kommt?

Karl Nicklaus: Mir sind ebenfalls Namen von Investoren bekannt, die einen Kauf ernsthaft prüfen. Die Banken für eine solche Transaktion wären definiert. Trotzdem ist es verfrüht, von einem Neuanfang für die Esec zu sprechen.

Weshalb?

Was die neuen Besitzer mit der Unaxis vorhaben, ist bis jetzt völlig unklar. Ich habe Victory-Partner Ronny Pecik Mitte Februar persönlich zu einem Gespräch getroffen. Dabei habe ich ihm gesagt, dass ich bereit wäre, einen Beitrag zu leisten, damit die Esec wieder zur alten Stärke zurückfindet. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich frage mich, ob sich die Victory-Leute bewusst sind, was für ein Unternehmen sie mit der Unaxis erworben haben. Das Führen einer Hightech-Firma hat mit einem klassischen Industrieunternehmen wenig gemeinsam.

Kommt der Wert der Esec erst wieder zum Tragen, wenn sie unabhängig von der Unaxis agieren kann?

Gelingt es den neuen Besitzern, die Dynamik eines Hightech-Unternehmens rasch zu verstehen und die nötigen Führungsstrukturen zu etablieren, hat Esec durchaus Chancen, wieder erfolgreich zu sein. Die bisherigen Massnahmen haben keinen Erfolg gebracht, weil sie am Kern der Sache vorbeizielten: Ich denke an die Dekotierung, die Zentralisierung der Finanzen und an die fünf neuen Chefs in vier Jahren.

Wie stark wurde die Substanz von Esec durch solche Fehlentscheide beschädigt?

Technologisch ist das Unternehmen noch immer weltweit führend. Die Esec hat gute Chancen, die Marktanteile wieder zu steigern. Oberstes Ziel muss es jetzt sein, das Vertrauen bei den Kunden und Mitarbeitern zurückzugewinnen. Das ist eine sehr anspruchsvolle Managementaufgabe und verlangt vor allem eine kompetente und zuverlässige Führung.

Wenn nun ein Interessent für Esec kommt, der einen langjährigen Leistungsausweis auf dem Gebiet mitbringt, könnten Sie sich dann ein Engagement vorstellen?

Ausschliessen möchte ich das nicht. Wichtig ist für die Esec jetzt, dass sie unter ein Dach kommt, das Kontinuität in der Führung garantiert. Und natürlich geht es auch um den Standort Schweiz. In dieser Beziehung denke ich auch ein bisschen als Patriot.

Mit knapp 500 Arbeitsplätzen ist die Esec der grösste Arbeitgeber des Unaxis-Konzerns in der Schweiz.

Die Esec ist für den Standort Schweiz deshalb enorm wichtig, weil wir bei uns nur wenige grössere Hightech-Firmen haben. Es gab Jahre, da die Esec die halbe Klasse von ETH-Maschineningenieuren einstellte. Für den beruflichen Einstieg in die Praxis sind Unternehmen wie Unaxis, Esec oder ABB von grosser Bedeutung. Deshalb muss diesen Unternehmen Sorge getragen werden.

In ihrer Verzweiflung wollte die alte Unaxis-Führung zum Schluss den gesamten Halbleiterbereich – und damit auch die Esec – in einem einzigen Paket verkaufen. Dazu ist es zum Glück nicht mehr gekommen.

Der Unaxis-Verwaltungsrat meinte, man könne die schwierigsten Hightech-Aktivitäten in einer einzigen Halbleiterdivision vereinen und dabei erst noch Synergien erzielen. Dieses Konzept zeugte von Unverständnis und Hilflosigkeit, was von vielen Mitarbeitern und Fachleuten genau so wahrgenommen wurde. Der Motivation der Belegschaft war dies nicht besonders förderlich.

Auch das Engagement der Victory-Gruppe hat der Unaxis-Verwaltungsrat lange Zeit falsch eingeschätzt.

enn ich Ihre Frage richtig verstanden habe, zielt sie auf die Einschätzug eines allfälligen Besitzerwechsels: Der Kurszerfall der Unaxis-Aktien hat erwartungsgemäss neue Investoren angelockt. Vor allem solche, die aktiv auf die Unternehmensführung einwirken wollen. Ihag, die bisherige Hauptaktionärin, hat bestimmt schon im Jahr 2004 mit der Gefahr einer fremden Übernahme rechnen müssen. Heute, da wir das Resultat kennen, liegt es mir fern, den damaligen Beweggründen der Ihag weiter nachzuspüren.

Wie beurteilen Sie rückblickend den Verkauf der Esec, die Sie über 30 Jahre lang aufgebaut haben, an den Unaxis-Konzern?

Auch wenn der Verkaufspreis aus heutiger Sicht hoch erscheint: Er war für die damalige Zeit absolut fair und lag rund 30 Prozent unter dem Börsenwert. Die einzige Alternative wäre ein Verkauf in die USA gewesen. Als potenter Schweizer Technologiekonzern war die Unaxis deshalb eine nahe liegende Käuferin. Leider ist es schief gelaufen. Ich bin enttäuscht, und es tut mir Leid für die Mitarbeiter der Esec.

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