Bruder Jakob ist der älteste unter den Mönchen, 88 ist er schon. Ein Leben lang hatte er als Bauernknechtlein in der Ostschweiz geschuftet, bevor er die schwarze Kutte der Benediktiner überzog. Bruder Jakob geht schwer gebückt, aber er arbeitet im Kloster weiterhin mit. Er ist für das Federvieh zuständig. Bruder Hühnerzüchter.

Bruder Jakob erzählt gerne Geschichten, besonders wenn Fremde im Refektorium mit am Tisch sitzen. Das aber ist schwierig, denn während des Essens gilt bei den Benediktinern striktes Silentium. Nur die Tischlesung ist zu hören, sonst gilt Punkt 38/5 aus den Regeln des heiligen Benediktus: «Es herrsche grösste Stille. Kein Flüstern und kein Laut seien zu hören, nur die Stimme des Lesers.»

Für Fachmänner: «Et summum fiat silentium, ut nullius mussitatio vel vox nisi solius legentis ibi audiatur.»

Wir sind im Kloster Disentis. Hier sind wir Männer unter uns, und wir müssen dies nicht lange begründen. Einmal im Jahr fahren wir für eine knappe Woche hin, meist zu viert oder zu fünft, eine Woche zusammen mit den 28 Mönchen des Konvents. Es ist schön hier, weil es so ruhig und geordnet ist und die Meetings und Business-Lunches so weit weg, auf der Landkarte wie im Kopf.

Gebetet und gesungen wird mit zäher Ausdauer, fast sechs Stunden am Tag. Wer von uns Besuchern nicht mitbeten mag, kann auch nur zuhören, wenn die Mönche die Lobpsalmen, den Hymnus, den Versikel, das Canticum und die Litanei zum Besten geben. So oder so stellt sich diese kontemplative Meditationsvorstufe ein, eine Art fliessende Entschlackung für das Gehirn. Man muss kein Frömmler sein, kein Kirchgänger, nicht einmal Katholik, um herzufahren und ein paar grundsätzliche und geistige Gedanken in den Kopf zu bekommen.

Benediktus von Nursia (480–547), Sohn aus stinkreichem Hause, wusste genau, dass man die Mannsbilder in einem Kloster nur mit klarer Firmenorganisation und Firmenkultur zusammenhalten kann. Er war bekennender Strukturalist. Seine «Regula Benedicti», 73 Grundsätze der klösterlichen Unternehmensführung, bilden eines der ersten grossen Bücher zum Thema Corporate Governance.

Auch unsere Werktage sind klar und stets gleich strukturiert: 5.30 Uhr Vigil- und Laudes-Stundengebet im Kirchenchor, 6.45 Uhr Morgenessen, 7.30 Uhr Konventamt in der Klosterkirche, 8.30 Uhr heilige Messe in der Marienkirche, 11.45 Uhr Hores-Stundengebet im Kirchenchor, 12.30 Uhr Mittagessen, 18.00 Uhr Vesper-Stundengebet im Kirchenchor, 19.00 Uhr Abendessen, 20.00 Uhr Komplet-Stundengebet in der Marienkirche.

Dazwischen haben wir Zeit zum Lesen, zum Denken, Spazieren, zum Arbeiten im Klostergarten, Diskutieren mit den Mönchen, zum Philosophieren mit Abt Daniel und Altabt Pankraz. Und wenn die Welt uns doch mal ruft: Unsere Klosterzellen haben Internetanschluss.

Abends nach dem Komplet ist wieder allgemeine Schweigepflicht auf den Gängen. Dann ziehen wir uns mit unseren mitgeführten Wein- und Zigarrenkisten in eine Klosterstube zurück und halten uns an die Regel 40/6 des heiligen Benedikt. «Licet legamus vinum omnino monachorum non esse, sed quia nostris temporibus id monachis persuaderi non potest, saltem vel hoc consentiamus ut non usque ad satietatem bibamus.»

Ist schon lange her, die Matur, also auf Deutsch: «Zwar lesen wir, Wein passe nicht für Mönche. Aber da sich die Mönche heutzutage davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermass zu trinken.»

Manchmal darf man doch während des Essens reden. An Namenstagen von grossen Heiligen und Namenstagen von Klosterbrüdern ist das Silentium aufgehoben. Dann kann Bruder Jakob, unser Hühnerzüchter, im Refektorium seine Geschichten erzählen. Meine liebste geht so: Wenn die Mönche Ferien machen, leihen sie sich eines der Autos der Abtei. Oft fahren sie ins Südtirol, ins Benediktinerkloster Muri-Gries. Auf dem Hinweg fahren sie in Zivil, auf dem Rückweg tragen sie alle ihre Kutten. Warum? – Ein Auto voller schwarzer Kuttenmönche winkt jeder Zöllner durch, ohne in den Kofferraum mit den Weinkartons zu schauen.

Benediktiner sind für ihre Gastfreundschaft bekannt. Wer ein paar Tage mit ihnen verbringen möchte, wird gerne aufgenommen. E-Mail genügt als Erstkontakt. Ein kleines Risiko allerdings bleibt, das Risiko, das in Disentis unter anderem einen bekannten Werber und einen Geschäftsführer ereilte. Auch sie fuhren erst nur für ein paar Tage ins Kloster – und sind als Mönche bis heute geblieben.

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