Der 15. Januar machte fast jedem Schweizer Unternehmen einen Strich durch die Rechnung: Als die Nationalbank sich von der 1.20 Euro-Untergrenze verabschiedete, schmälerte dies für 90 Prozent der Firmen den Gewinn.

Das fand die Beratungsfirma AlixPartners heraus, als sie Unternehmen aus sämtlichen Branchen befragte. Durchschnittlich 10 Prozent der Betriebsgewinnmarge lösten sich in Luft auf. Besonders hart traf es die kleineren Firmen.

Hohe Dunkelziffer

Der Währungsschock hat die Unternehmen Gewinn gekostet – dabei waren sie umtriebig: Fast jede Firma reagierte schnell auf das Ende des Mindestkurses. Sie justierten die Verkaufspreise, stoppten Neuanstellungen oder verhandelten mit Lieferanten über einen Euro-Rabatt. Viele wählten auch eine weniger harmlose Massnahme: Sie kündeten Mitarbeitern.

3520 Stellenverluste mit Kündigungen hat der Schweizerische Gewerkschaftsbund seit Mitte Januar gezählt. Das sind alles Fälle, wo die Firma Entlassungen mit dem starken Franken begründete. In der Aufzählung sind nur grosse Betriebe enthalten – die richtige Zahl liegt also deutlich höher.

Auch andere Branchen leiden

Dazu kommt: Meistens strichen die Firmenchefs Stellen, ohne Mitarbeiter auf die Strasse zu stellen; sie bauten also mit natürlichen Abgängen Personal ab. Insgesamt gingen so Tausende Jobs verloren. Rund 40'000 Arbeitsplätze wird das Mindestkurs-Ende die Schweiz bis Ende Jahr kosten – das schätzte im Juni der Leiter der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich, Jan-Egbert Sturm.

Und nicht nur in der Industrie wird zum Rotstift gegriffen: 2100 Stellen fielen laut den Gewerkschaften bereits allein bis Ende März im Gastgewerbe weg, den Jobverlust im Detailhandel in den drei Monaten beziffern sie auf 1900.

Glas Trösch: 140 Stellen fallen weg

Gemäss der AlixPartners-Umfrage baute rund ein Drittel der kleinen und mittleren Firmen Stellen ab, bei den Grossfirmen tat dies rund ein Sechstel: von Autozulieferern bis zu Werkzeugmaschinenbauern. Ein aktuelles Beispiel ist die Glasverarbeitungsfirma Glas Trösch, welche vier Schweizer Standorte schliesst. 140 Stellen gehen verloren.

Mit den vielen Hiobsbotschaften ist aber vielleicht bald Schluss: Laut der Umfrage haben die meisten Unternehmen ihren Stellenabbau bereits eingeleitet. Aufatmen kann die Schweiz aber trotzdem nicht.

Mit Verlagerungen einen Fünftel der Schweizer Jobs einsparen

Viele Firmen haben lediglich jene Arbeitsplätze gestrichen, auf die sie mit ihrer momentanen Firmenstruktur verzichten können. Doch sie haben Pläne, denen hierzulande weitere Stellen zum Opfer fallen werden.

Denn die Betriebe wollen demnach in den nächsten drei Jahren Aktivitäten im grossen Stil ins Ausland verlagern – und so total rund ein Fünftel der Schweizer Jobs einsparen.

Das ist zwar nicht nur wegen des starken Frankens: Es liegt auch daran, dass die Firmen ihr Geschäft globalisieren und immer mehr Kunden im Ausland haben.

Doch nun sind die Firmen unter Druck, ihre Kosten zu senken – der Verlagerungstrend beschleunigt sich. Der Franken ist zum Euro mit 1.08 zurzeit etwas schwächer. Ein Kurs von 1.20 Franken pro Euro ist aber nicht in Sicht.

Von der Wirtschaftslage abhängig

Ob die dramatische Prognose wirklich eintrifft, hängt vor allem von der Wirtschaftslage ab: Wenn die Schweizer Firmen wachsen, können sie neue Stellen schaffen – auch hierzulande. Mut machen an dieser Stelle die Zahlen der Industrieproduktion im August: Die Produktion ist auf den höchsten Stand seit dem Ende des Mindestkurses gestiegen, wie der Einkaufsmanagerindex zeigt. Allerdings sollten die August-Zahlen nicht überinterpretiert werden, schreiben die Ökonomen der Credit Suisse.

Düster sähe es für die Schweiz aus, wenn die Weltwirtschaft ins Trudeln geräte. Joost Geginat, Berater bei AlixPartners sagt: «Dann müssen die Unternehmen ihre Planung überdenken.»

Anzeige