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Hotellerie: König der Berge

Der Deal um das Berner «Bellevue Palace» zeigt einmal mehr: Man setzt wieder auf renovierte Luxuspaläste, wie sie Wirtschaftspionier Franz Josef Bucher um 1900 für adelige und neureiche Gäste baute.

Von Silvia Pfenniger
09.05.2006

Nach dem «Palace» in Luzern und dem «Eden au Lac» in Zürich übernimmt das Unternehmen Victoria-Jungfrau AG nun auch das Berner «Bellevue Palace» vom Bund – allerdings bloss in Pacht. Tradition und Weltoffenheit zeichnen diese Häuser aus, die Hotelier Emanuel Berger, Delegierter des Verwaltungsrates der Victoria-Jungfrau AG, unter dem neuen Namen Victoria-Jungfrau Collection vereint. Von internationalen Hotelketten wie Hilton, Hyatt, Sheraton setzt er seine «unabhängige Collection» ausdrücklich ab. Und wie ihr «Stammhaus», das Interlakner «Victoria-Jungfrau», knüpft die Collection an die Glanzzeiten der Schweizer Hotellerie an.

Im Unterschied zu den legendären Hoteliers César Ritz, Alexander Seiler oder Johannes Badrutt ist der bedeutendste Schweizer Hotel- und Tourismuskönig, Franz Josef Bucher-Durrer, kaum mehr bekannt. Risikobereitschaft, eine Nase für lohnenswerte Investitionen und künftige Moden, Glück und Mutterwitz zeichneten auch den Innerschweizer aus. Der Kernser Bauernsohn hinterliess bei seinem Tod im Jahre 1906 zehn Luxushotels, sechs Bergbahnen und 14 Millionen Franken Vermögen.

In den USA wäre Buchers Karriere heute noch Vorbild, doch in seiner Heimat kennt man kaum noch seinen Namen. Franz Josef passte schon zu Lebzeiten nicht in den Rahmen eines durchschnittlichen Schweizers.

«Unser Franz-Sepp ist nichts wert zum Schaffen. Nur befehlen will er und alles anders haben, als wir es gewohnt sind. Aber zum Arbeiten ist er zu faul», klagte die Witwe Bucher über den 1834 geborenen Sohn. Er war als Raufer und Schläger gefürchtet und baute Sachen, die man nicht unbedingt brauchte – zum Beispiel ein elektrisches Läutwerk zwischen Stall und Hof. Erst im Alter von 30 Jahren verliess er Kerns. Und erschuf sich ein Reich, das zehn Luxushotels mit 2500 Betten und ein halbes Dutzend Bergbahnen umfasste.

1864 hatte er – das war der Anfang – mit seinem Partner Josef Durrer eine Sägerei- und Parkettfabrik gegründet. Dann baute er das Engelberger Sonnenberg-Hotel und verkaufte es nach einem Jahr mit Gewinn. 1873 eröffnete er das Grand Hotel auf dem Bürgenstock, es folgten eine Drahtseilbahn in Lugano, das Kraftwerk der Engelberger Aa, Bahnen auf den Bürgenstock und auf den San Salvatore. Nach der Trennung von seinem Partner – Durrer übernahm das Holzgeschäft – pachtete Bucher das Luzerner Hotel de l’Europe und das Basler Hotel Euler. In Lugano baute er ein Kloster zum Palace Hotel um, in Mailand ein vernachlässigtes Haus zum Luxushotel.

1895 kaufte er das Hotel Quirinal in Rom, und dann baute er das Hotel Palace in Luzern und das Hotel Semiramis in Kairo. 300 europäische Bauarbeiter setzte er dort ein und beschäftigte gleichzeitig 1000 Ägypter. Kurz vor der Eröffnung starb er in Ägypten. Er hinterliess 15 Kinder.

Manche von Buchers Taten hätten es an den heutigen Medienpranger geschafft. In Genua, wo er ein Hotel übernahm, vermisste er eine Strassenbahn. Also beschloss er, ein Tram zu bauen, und legte dabei selber Hand an. Das Werk glückte, und er verkaufte den Trambetrieb der Stadt Genua. Den Gewinn von einer Million Franken transportierte er in Noten gebündelt heim. Wie gewohnt fuhr er auf der Gotthardbahn in der dritten Klasse. Auf die Frage, warum er dritte Klasse fahre, soll er einst gesagt haben: «Weil es keine vierte gibt.» Stolz auf seine erste Million, ein Riesenvermögen in jener Zeit, zeigte er die Notenbündel freimütig in seiner Heimat – nicht zuletzt, um seine Kreditwürdigkeit handfest zu unterstreichen. Schliesslich liess er sich in seinem Kernser Garten mit dem Geld, seiner Frau und zwei Kindern fotografieren. Etwas später trug er die Million Franken nach Italien zurück – als Anzahlung für das Hotel Quirinal in Rom.

Ungewöhnlich waren seine Werbemethoden, die prompt angeprangert wurden. Trotz Kritik liess er zum Beispiel auf dem Stanserhorn einen gigantischen Scheinwerfer anbringen, um damit die Gäste vom Luzerner Quai auf den Berg zu locken, was ihm auch gelang. Für die Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 liess er ein Riesenrelief des Stanserhorns herstellen. Kein Wunder, dass sich auf dem Stanserhorn bald der Adel aus aller Welt ein Stelldichein gab. Animiert von so viel Erfolg, schreckte Bucher auch vor zweifelhaften Methoden nicht mehr zurück und fügte ins Plakat vom Stanserhorn mit einer geschickten Fotomontage auch noch die Berner Alpen ein.

Innert zweier Jahre baute Bucher das Luzerner «Palace», das dieses Jahr den 100. Geburtstag feiert. Am Luzerner Nationalquai direkt am Vierwaldstättersee kaufte er zum damals horrenden Quadratmeterpreis von 270 Franken über 3000 Quadratmeter sumpfigen Boden. Es zähle zu den reichsten und elegantesten Häusern der Welt, lobte die Presse an der glanzvollen Eröffnung das Hotel. Unübertroffen war seine luxuriöse Einrichtung: Auf 350 Betten kamen 120 Bade- und Toilettenzimmer. Bedeutend mehr als bei der Konkurrenz: Der «Schweizerhof» zählte 70 Bäder auf 400 Betten und das «National» 79 Bäder auf 450 Betten.

Obwohl das Luzerner «Palace» vorerst für grosse Einnahmen sorgte, wurde es zu einer der Hauptursachen für den späteren Ruin des Bucher-Durrer-Imperiums. Solange Bucher nur das Luzerner Hotel de l’Europe gepachtet hatte, florierte die Zusammenarbeit mit den Luzerner Hoteliers. Doch nun traf den Besitzer des feudalen «Palace» der blanke Neid der Konkurrenz. Hatten die anderen Hotels bisher Werbung für die Bucher-Hotels in Lugano, Mailand, Genua und Rom gemacht, wurden diese nun totgeschwiegen. Der Boykott reichte bis ins Berner Oberland, wie eine Beschwerde des «Palace» an die Direktion des «Victoria-Jungfrau» in Interlaken beweist.

Im Dorf Kerns, wo die Dorfbevölkerung ihren berühmten Sohn, der dort auch noch politisch tätig war, mit Neid verfolgte, bis er nach Luzern umzog, erzählt man sich folgende Anekdote: Als Bucher an die Himmelstüre poltert, will Petrus den ungestümen Neuankömmling nicht unbesehen hereinlassen. Da ruft Bucher: «Läck miär am Fiddllä, ich cha miär mys Himmelrych ai sälber buiwä!»

An Tatkraft und Mut mangelt es auch Hotelier Emanuel Berger nicht, der zusammen mit Ehefrau Rosmarie das damals extrem renovationsbedürftige «Victoria-Jungfrau» in Interlaken innert 36 Jahren zu einem der besten und vielmals mit Preisen ausgezeichneten Leading Hotels of the World führte. «Die Zeit ruft nach Kooperation», begründet Hotelier Emanuel Berger die Entwicklung zur Victoria-Jungfrau Collection, die er als Verwaltungsratsdelegierter leiten wird: «Mit der Leidenschaft, dem Gast das zu bieten, was er sich wünscht – ihn von Zwängen zu befreien –, das heisst, sich anzupassen, denn einmal kann der Wunsch eine äusserst raffinierte Speise, ein anderes Mal eine Bratwurst sein – die allerdings die beste unter ihresgleichen sein muss.»

Seit zwölf Jahren trifft er sich mit fünf Konkurrenten von The Leading Hotels of the World aus ganz Europa: «Ich kam zum Schluss, dass der Vergleich der Besten für das ‹Victoria-Jungfrau› gut wäre», begründet er dies, denn wie Franz Josef Bucher will er sich immer wieder an den Besten messen.

Literatur: «Drei geniale Obwaldner», diverse Autoren, Edition Magma / Brunner Verlag, Kriens, 199 Seiten, Fr. 78.–

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