1. Home
  2. Unternehmen
  3. Horizon21: Der entzauberte Rainer-Marc Frey

 
Horizon21: Der entzauberte Rainer-Marc Frey

Vom Hedge-Fund-Pionier zum Private-Equity-Manager zum Banker zum Privatinvestor – die Strategiewechsel zeigen die Ratlosigkeit des einstigen Finanzwunderkinds.

Von Erik Nolmans
2010-05-20

In Pfäffikon SZ, dem Hedge-Fund-Zentrum der Schweiz am Zürichsee, reibt man sich die Augen: Was ist bloss los mit dem lokalen Helden, dem allseits bewunderten Branchenvorreiter Rainer-Marc Frey? Der Finanzzauberer, der einst die Trends im Business setzte und damit so schnell reich wurde wie kein anderer, gibt vornehmlich mit negativen Schlagzeilen zu reden.

Nun soll gar seine erst vor sechs Jahren gegründete Firma Horizon21 zerstückelt werden, wie der «Blick» meldete. Die Vermögensverwaltungsgesellschaft, die derzeit noch rund 80 Trader beschäftigt, soll fortan nur noch eines machen: das persönliche Vermögen des Rainer-Marc Frey und seiner engsten Partner verwalten. Vorbei die Zeiten, als die Truppe hochkarätiger Finanzprofis für viele Kunden nach Investitionschancen in alternativen Anlagen wie Private Equity suchte. Für die jetzt geplante Redimensionierung zu einem Family Office braucht es nur ­eine Handvoll Leute. Können einzelne Teile nicht durch Spin-offs weitergereicht werden, droht ein massiver Stellenabbau. Der Mann, der seine Karriere 2008 mit der Berufung in den Verwaltungsrat der Grossbank UBS krönte, wirft für seine ­eigene Firma das Handtuch.

Der Strategiewechsel ist nur die letzte Etappe in einem langen Schrumpfungsprozess. Gegründet 2004, beschäftigte Horizon21 mit rund 160 Leuten einst ­eine doppelt so hohe Belegschaft wie ­heute. Ein selbstbewusster Start war es, angemessen für den Mann, der nur ­wenige Jahre zuvor seine Vorgängerfirma, die Fund-of-Funds-Gesellschaft RMF, für 1,3 Milliarden Franken an die britische Man Group verkauft hatte (siehe Karriere-Barometer unten). Mit seinen Hedge-Fund-Strategien hatte sich Frey in der ­damaligen Finanzrezession gegen den ­Abwärtstrend gestemmt und für sich und seine Kunden trotz Baisse Gewinne realisiert. Frey persönlich löste aus dem Verkauf seiner nicht einmal zehn Jahre alten Firma eine halbe Milliarde Franken.

Mit viel Elan machte er sich nach kurzer Auszeit daran, die Erfolgsstory mit Horizon21 zu wiederholen. Wie schon bei RMF gelang es bald, potente Grosskunden zu gewinnen, allen voran den Rückversicherungsgiganten Swiss Re, der 2006 eine umfangreiche Partnerschaft mit ­Horizon21 einging.

Eins aufs Dach. Etwas aber sollte ­anders sein: Statt sich auf Hedge Funds zu konzentrieren, machte Horizon21 den Fächer auf für ein breites Spektrum von alternativen Investments, vom Rohstofffonds bis hin zu Insurance-linked Securities. Wer Frey nach 2004 als Hedge-Fund-Manager bezeichnete, bekam von der Pressestelle eins aufs Dach: Das treffe so, bitte schön, nicht mehr zu.

2007 zeigten erste Vorboten eine Wende im Glück von Rainer-Marc Frey: Im Herbst schloss er zwei Fonds und entliess einzelne Trader. Mit der Finanzkrise verschärften sich seine Probleme radikal.

Auf dem Höhepunkt der Krise im Herbst 2008 geriet Frey in einen Liquiditätsengpass – und musste sich mit Notverkäufen seiner Aktienpakete retten. Unter anderem stiess er seine UBS-Aktien ab, trotz einem daraus resultierenden Verlust von über vier Millionen Franken. Doch dies war nicht das einzige Ungemach: Weil er nur Wochen zuvor in den Verwaltungsrat der UBS gewählt worden war, sorgte der Verkauf für einen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Die Transaktion wurde als illoyal gegenüber der Bank gewertet. Einzelne Vertreter des Finanzplatzes, etwa Privatbanquier Jacques ­Rossier, forderten seinen Rücktritt als UBS-Verwaltungsrat. Als Frey sich später für den Verkauf entschuldigte und seine Aktion als «Fehler» bezeichnete, konnte er die Wogen wieder glätten. «Das Wichtigste war, dass ich die Krisenzeit vom Herbst 2008 überlebte. Viele andere haben Konkurs gemacht», erklärte er im Gespräch («Der Goldjunge ist gefordert», BILANZ 6/2009).

Hin und her. Doch auch mit der sich abzeichnenden Erholung im Jahr 2009 gewann Frey nicht recht an Boden. Im Gegenteil: Er manifestierte mit seinem strategischen Hin und Her Orientierungslosigkeit. So plante Frey, im Frühling 2009 den Bereich Wealth Management bei Horizon21 abzustossen. Es gab konkrete Gespräche mit Interessenten, wie Involvierte berichten. «In jener Zeit wurden verschiedene Optionen geprüft. Der Verkauf war eine davon», bestätigt Urs Wieser, Sprecher von Horizon21. Aus dem Verkauf wurde nichts.

Nur sechs Monate später verkündete Frey öffentlich, dass der Bereich, dessen Verkauf erwogen wurde, strategisch ausgebaut werden sollte – ein Schwenker um 180 Grad. Die «NZZ am Sonntag» liess er im September 2009 wissen, er könne sich vorstellen, «eine Bank oder einen Vermögensverwalter zu kaufen». Doch auch daraus wurde nichts.

Derweil bröckelte das Geschäft von Horizon21 weiter. Grosskunde Swiss Re zog sich zurück. Das Unternehmen wollte sich unter dem im Februar 2009 neu gewählten CEO Stefan Lippe konservativer positionieren und reduzierte das Business mit alternativen Anlagen. Horizon21 verlor auf einen Schlag massiv an Kundengeldern, hatte Swiss Re doch über drei Milliarden Franken eingebracht.

Auch sonst fuhr Frey das Geschäft herunter. So wurden grosse Teile des Bereichs Fund of Funds geschlossen, was rund ein Drittel des von Horizon21 verwalteten Vermögens betraf. Könne er dem Kunden ein Produkt nicht empfehlen, schliesse er es lieber: «Wir sind da sehr pragmatisch», so Frey. Eine Fondsschliessung bedeute nur, dass man die Anlagestrategie nicht mehr für sinnvoll halte.

Doch letztlich sind die Schliessungen ein Eingeständnis dafür, dass auch Frey nicht weiss, wo für die Kunden das Geld zu jenen guten Renditen angelegt werden kann, die seinen eigenen hohen Erwartungen entsprechen. Das Geschäft ist allerdings schwieriger geworden: Laut der Fachzeitschrift «Institutional Investor» sahen die Firmen im Fund-of-Funds-­Bereich in den letzten 18 Monaten ihre Assets um über 40 Prozent schrumpfen.

Für einen mittelgrossen Player wie Horizon21 ist die Positionierung im Markt dabei besonders schwierig. Es ­rächte sich auch, dass Horizon21 mit der Swiss Re und einer Handvoll institutioneller Investoren wie Pensionskassen im Grunde zu wenig breit abgestützt war.

Im Hintergrund. Wichtig in einer Branchenkrise ist eine starke Marke. ­Dazu wurde Horizon21 auch darum nicht, weil Frey selber lange zu weit weg vom Geschehen wirkte. Er und sein lang­jähriger Partner Adrian Gut, mit dem er schon RMF gegründet hatte, überliessen die operative Arbeit zum grossen Teil ­ihren CEO, die an der Front nicht den gleichen Anklang fanden wie Frey oder Gut.

Mit einem geschätzten Vermögen von über 700 Millionen Franken ist Frey selber seit je einer der grössten Kunden von Horizon21. Parallel dazu agiert er aber schon seit längerem in jener Rolle, für die er seine Horizon21 nun in ein ­neues Kleid stecken will: als privater ­Investor in ausgesuchten Firmen. Aktuelles Beispiel dafür ist sein Engagement bei der Zofinger Pharmafirma Siegfried, wo er gemeinsam mit Investoren wie Holcim-Grossaktionär Thomas Schmidheiny als Eigentümer auftritt. Beim Zürcher Handelshaus DKSH ist Frey schon seit 2008 Grossaktionär. Er hat sich mit zehn Prozent eingekauft, dafür rund 120 Millionen Franken bezahlt und Einsitz im Verwaltungsrat genommen. Da nur ein Bruchteil der DKSH-Aktien frei gehandelt werden, ist anhand des Kursverlaufes schwer zu verfolgen, ob sich das Investment für ihn ausbezahlt hat. Klar ist, dass DKSH operativ gut läuft.

Mit der Umwandlung seiner Horizon21 in ein Family Office will Frey offen­bar vermehrt Freiheit für derlei Investments gewinnen. Laut Reto Suter, CEO von Horizon21, müsse man so weder auf gesetzliche Auflagen noch auf die Interessen der Kunden Rücksicht nehmen.

Gewiss ist, dass die Rolle des Industrie­investors weniger Konfliktpotenzial bietet als jene des Traders. Vertraute gehen davon aus, dass Frey es auch spannender findet, als Privatinvestor und Grossaktionär direkt auf Tuchfühlung mit einer Firma und ihrem Management zu gehen, als sich mit anonymen Finanz­instrumenten herumzuschlagen, mit denen sich Horizon21 beschäftigt, etwa Wetterderivaten.

Frey schweigt. Wie es bei Horizon21 nun weitergehen soll, ist laut Firmensprecher Urs Wieser klar: «Horizon21 wird ein Private Investment Office und konzentriert sich auf die Anlagebedürfnisse der Gründer und Partner.» Dienstleistungen, die Horizon21 nicht weiter für Kunden anbieten will, sollen unter Leitung der schon heute für diese Geschäfts­bereiche verantwortlichen Mitarbeitenden als Spin-offs weitergeführt werden. Frey persönlich mochte weder zur Neuausrichtung von Horizon21 noch zu seiner Rolle als Privatinvestor Stellung nehmen. Frey wolle sich generell mehr aus der Öffentlichkeit zurücknehmen, so Sprecher Wieser. Dies sei einer der Gründe für den eingeschlagenen Weg in Richtung Private Investment Office. Ein Zeichen der Orientierungslosigkeit sei es nicht: «Rainer-Marc Frey denkt in Opportunitäten und handelt schnell und konsequent. Das war schon immer so.»

Frey hat einmal gesagt, dass «sämtliche guten Aktivitäten in meinem Leben aus der Krise ­heraus gekommen sind». Beispiele dafür gibt es in der Tat. So stand ihm sechs ­Jahre nach Gründung seiner RMF das Wasser bis zum Hals, als viele Kunden absprangen. Doch Frey hielt durch und krönte seine Beharrlichkeit 2002 mit dem ­Milliardenverkauf an Man.

Seither lebt Frey von der Legende. Um seinen Ruf aufzufrischen, benötigt er endlich eine Erfolgsmeldung aus jüngeren ­Tagen – doch darauf wartet die Branche seit Jahren vergebens. An seinem Ehrgeiz kann es nicht liegen: Vertraute beschreiben ihn als Mann, der sich in seinem Umfeld beweisen will. Und so fragt sich manch ein Kollege im Hedge-Fund-Paradies Pfäffikon, ob der drastische Abbau von Horizon21 nicht ein Signal dafür sei, was man eigentlich schon lange befürchtete: dass das einstige Finanzwunderkind seinen «magic touch» verloren habe.

Anzeige