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Analyse 
Goji und Co.: Was Superfood verspricht und hält

Goji und Co.: Was Superfood verspricht und hält
Chia-Pudding mit Goji-Beeren: Wie gesund ist das Essen wirklich?  CC/Flickr

Immer neue Superfoods sollen Essende immer gesünder machen. Normale Lebensmittel können mit diesen Versprechen nicht mithalten. Was Experten zum Trend sagen.

Von Caroline Freigang
05.09.2016

«Du bist, was du isst» ist vielen heute das persönliche Motto. Um ihren Körpern Gutes zu tun, setzen Konsumenten auf sogennante Superfoods. Die stolzen Preise stecken sie weg – versprechen die Pulver, getrockneten Beeren oder Essenzen doch einen Mehrwert zur herkömmlichen Nahrung. Vom Hype um die Superfoods wollen viele ein Scheibchen abhaben: Chia-Pudding, Matcha-Drinks oder Goji-Beeren sind aus Cafés und Supermärkten, aus Hochglanz-Magazinen und Lifestyle-Blogs nicht mehr wegzudenken.

Auch in der Schweiz hat der Trend längst Einzug gehalten: McDonald’s Schweiz lancierte zuletzt einen Quinoa-Burger. Migros und Coop bauen ihr Sortiment mit Superfoods stetig aus – beide berichten von gesteigerter Nachfrage nach Chia-Samen & Co. Bereits seit Frühjahr letzten Jahres führt die Migros Chia-Samen im Sortiment, später folgten Goji-Beeren und Quinoa-Müsliflocken. Coop und Migros bieten seit kurzem sogar frische Goji-Beeren an.

In Bern öffnete mit dem Berliner Startup nu3 Anfang August ein ganzer Supermarkt für Superfoods seine Tore. Bei allem Jubel um die Lebensmittel mit Superkräften bleibt die Frage: Sind Quinoa und Co. tatächlich magisch – oder steckt dahinter eine zauberhafte Marketing-Show?

Experten widersprechen dem Zauber

Nachgesagt wird den Superfoods viel: Chia-Samen sollen den Blutzuckerspiegel regulieren, das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko senken. Gojibeeren und Moringa gelten als Anti-Aging-Wundermittel.

Angepriesen werden die Superfoods vor allem, weil ihnen ein hohes antioxidatives Potenzial nachgesagt wird. Das heisst, sie sollen freie Radikale im Körper neutralisieren. Diese Fähigkeit der Superfoods zweifelt Stéphanie Hochstrasser von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) an: «Superfoods sind nicht besser im Kampf gegen freie Radikale als ‹gewöhnliche› einheimische Produkte.»

Dies bestätigt auch Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen im deutschen Konsumentenmagazin Öko-Test: Das besonders grosse antioxidative Potenzial der Superfoods lasse sich zwar im Reagenzglas messen. Die bei der Messung ablaufende Reaktion finde so im menschlichen Körper aber gar nicht statt, sagt Clausen.

Super ist das Marketing

Superfoods werden ausserdem wegen ihrer angeblich hohen Nährstoffdichte gelobt: «Häufig reicht schon der Verzehr kleiner Mengen um den täglichen Bedarf bestimmter Vitamine und Mineralien zu decken», so Martin Hobler, Managing Director bei nu3 zu handelszeitung.ch. Dass dies jedoch zu gesundheitlichen Vorteilen für den Konsumenten führt, bezweifelt Hochstrasser von der SGE. «Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht gibt es nichts, was die Superfoods ‹super› macht», so die Ernährungsexpertin.

Manche der als Superfood deklarierten Produkte hätten zwar eine relativ hohe Konzentration einzelner Nährstoffe im Vergleich zu anderen Lebensmitteln. Dies mache sie aber noch lange nicht unersetzlich oder zum Schlüssel einer ausgewogenen Ernährung, so Hochstrasser. 15 Gramm Chia-Samen liefern beispielsweise 2,7 Gramm der als gesund angepriesenen Alpha-Linolsäure (eine Omega-3-Fettsäure) und 5,5 Gramm Nahrungsfasern. Herkömmliche Leinsamen kommen derweil auf 2,55 Gramm Alpha-Linolsäure und 5,52 Gramm Nahrungsfasern – die Werte liegen also kaum merklich unter jenen des angeblichen Superfoods. Super ist Hochstrasser zufolge bei den Superfoods vor allem das Marketing.

Quinoa ist so gut wie Roggen

Dabei ist das, was hinter dem allgegenwärtigen Schlagwort steht, gar nicht definiert. «Der Begriff Superfood hat nichts mit einem geprüften Label zu tun», sagt Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz zu handelszeitung.ch. Die als Superfood deklarierten Nahrungsmittel seien in der Regel zwar gesund. Sie böten aber nichts, was traditionelle und in unseren Breitengraden produzierte Lebensmittel nicht auch könnten. Roggen sei genauso gut wie Quinoa, Himbeeren eine Alternative zu Gojibeeren.

Dazu kommt, dass Superfoods wegen ihrer langen Transportwege oft nicht frisch zu uns kommen, sondern in Form von Pulvern, Säften oder Tabletten. Häufig sind unsere lokalen Alternativen zudem günstiger. Für Walpen sind auch die Gesundheitsversprechen problematisch, die mit der Werbung für die Superfoods mitschwingen. Denn diese können oft nicht eingehalten werden. Im Gegenteil: Superfoods können sogar schädlich sein.

Belastete Produkte

Der deutsche Öko-Test liess zuletzt 22 Superfoods im Labor untersuchen – mit verheerendem Resultat. Zwei Drittel der Produkte fielen mit «ungenügend» oder «mangelhaft» durch den Test. Viele Produkte waren mit grösseren Mengen von Mineralöl, Cadmium, Blei oder PAK belastet. In Goji-Beeren fanden die Tester gar Enterobakterien, die zu Durchfallerkrankungen führen können. Fazit der Ökotester: «Superfoods sind überflüssig». Normale Lebensmittel versorgten uns mit allen Nährstoffen, die wir brauchen.

Einen Schritt weiter ging Ernährungsexperte Udo Pollmer und bezeichnete die Goji-Beere als lebensgefährlich. Bei Patienten, die blutverdünnende Pillen eingenommen hatten, seien nach dem Konsum eines Goji-Saftes innere Blutungen aufgetreten. Ausserdem schädigten die Beeren die Leber und könnten bei Allergikern einen anaphylaktischen Schock auslösen, sagte er Anfang April im Deutschlandradio.

Auch Superfood-Pionier Nu3 warnt auf seiner Webseite vor der Einnahme von Goji-Beeren zusammen mit gewissen blutverdünnenden Medikamenten. Weiteren Vorurteilen will das Label mit klaren Angaben entgegenwirken: Ihre Produkte würden sowohl «im Ernteland sowie auch in Deutschland» nach «knallharten Kriterien auf Qualität und Geschmack geprüft».

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