Erneut setzen die UBS-Chefs das Messer tief ins Fleisch – 2000 Jobs werden gestrichen. Die Meldung von Anfang Oktober ist ein weiteres Glied in der Kette von Hiobsbotschaften für das Personal. Nach mehreren Abbaurunden hat inzwischen jeder dritte Investment Banker der UBS seinen Job verloren. Die Mitarbeiter der UBS dürfen sich daher in die Kohorten von Kollegen anderer Banken einreihen – Zehntausende Stellen sind seit Beginn der Finanzkrise 2007 weggefallen (siehe Tabelle Seite 34).

Derzeit beobachte er «das schlimmste Umfeld für Bankerjobs seit dreissig Jahren» sagt Shaun Springer, CEO des britischen Personalvermittlers Napier Scott. In London und New York finde ein Grossteil des Abbaus statt, und ausgestanden sei die Sache mitnichten: «Wir steuern weiter voll in den Sturm», sagt Springer. Frühestens Ende 2009 erwartet er eine Verbesserung der Lage.

KATERSTIMMUNG. Wer noch einen Job hat, ist kleinlaut geworden. Bei den Salären müssen Einbussen von 40 bis 50 Prozent in Kauf genommen werden. Sogar in der Schweiz, das als Private-Banking-Drehscheibe von der Krise im Investment Banking weniger betroffen ist, sind die Anfangsgehälter für Banker laut Personalvertretern um rund 20 Prozent gesunken. Katerstimmung für alle also? Nicht ganz. In der Reihe von Negativbotschaften geht unter, dass einzelne Banker von der Krise wenig bis gar nichts zu spüren bekommen. Sogar bei der UBS.

So wirft die Schweizer Bank derzeit nicht nur Leute hinaus, sondern stellt auch einzelne neu an. Etwa Jeffrey Mayer, der neu Co-Chef des Bereichs Fixed Income wird. Kürzlich wurde ihm, der vorher den gleichen Bereich als Co-Chef bei Bear Stearns geleitet hatte, vom US-Bankgiganten JP Morgan Chase – falls er zu diesem wechseln würde – ein Gehalt von 27 Millionen Dollar angeboten, wie das Londoner Branchenblatt «Financial News» berichtete. Mayer lehnte ab – und wechselte stattdessen zur UBS. In der Branche heisst es, diese habe ihm gar noch mehr geboten. Die Bank will dazu keine Stellung nehmen: «Wir kommentieren individuelle Verträge nicht», sagt UBS-Sprecher Andreas Kern.

GEZIELTE FLEDDEREI. Fixed Income ist jener Bereich, in dem die Milliardenverluste mit zweitklassigen Hypotheken und komplizierten Verbriefungen zum grossen Teil anfielen. Mayer ist bereits der fünfte Chef des Segments innerhalb von nur eineinhalb Jahren (siehe «Jobkarussell» auf Seite 36).

Nicht nur Jeffrey Mayer ist ein gefragter Mann. Auch bei der Pleitebank Lehman Brothers mussten sich die paar Dutzend Topleute unter den Tausenden von Mitarbeitern keine Sorgen machen und kamen im Handumdrehen bei anderen Banken zu komfortablen Bedingungen unter. Jene Gruppe von Lehman-Bankern, die das Glück hatte, im US-Investment-Banking-Geschäft des Geldinstituts tätig zu sein, konnte ebenfalls frohlocken – die britische Barclays Bank fledderte den Lehman-Leichnam und übernahm gezielt dieses Stück integral. Ein weiteres Stück – das europäische Aktiengeschäft – sicherte sich der japanische Finanzkonzern Nomura.

Krisenzeit ist Gründerzeit, sagen sich auch die von der Krise verschonten Banken aus dem Nahen Osten – und nutzen die Gelegenheit, westliche Investment Banker mit Topgehältern zu ködern. Ein Beispiel ist die bisher relativ unbedeutende Global Bank Corporation aus Bahrain. Diese Investmentbank lancierte jüngst ein neues Einstellungsprogramm und bietet nun zum Einstieg ein Gehaltspaket in Höhe von zwei Millionen Dollar. «Die derzeitige Markt­situation bietet einen guten Zeitpunkt, um Mitarbeiter zu gewinnen», liess sich CEO Mark Hanson in der Presse zitieren.

Im Investment Banking trennt sich die Spreu vom Weizen – und das in einer Konsequenz, wie sie in den Boomjahren nie zu beobachten war. «Die obersten fünf Prozent werden weiterhin problemlos einen Job bekommen. Weitere zehn Prozent werden vielleicht etwas weniger gute Bedingungen erhalten. Worüber ich mir indes Sorgen mache, sind die restlichen 85 Prozent», sagt Anthony Faulkner vom Londoner Personalvermittler Whitehead Mann.

KAUM WENIGER LEUTE. In dasselbe Horn bläst auch der Schweizer Investment Banker Martin Kesselring, Managing Director und zuständig für das Investment Banking bei Morgan Stanley Schweiz. Dieses Jahr zeichne sich die Arbeitsmarkt­situation durch eine «besonders ausgeprägte Differenzierung» aus. Investment Banking ist von jeher ein Geschäft, das stark auf Personen und deren Kontakte in der Business Community baut. In der Krise ist dieser Aspekt offenbar noch wichtiger geworden – nur die Banker mit den besten Beziehungen sind gefragt, der aufgeblähte Bestand an Mittelmass kann abdanken.

Nicht nur von oben nach unten sind die Arbeitsplatzchancen unterschiedlich, sondern auch je nach Geschäftsbereichen. So fällt auf, dass viele Banken trotz grossen Abbauprogrammen kaum weniger Leute auf der Payroll haben als vor der Krise. Die Credit Suisse etwa hat zwar in mehreren Schritten 1300 Investment Banker abgebaut, weist aber heute sogar noch mehr Mitarbeiter auf als zu Beginn der Krise – und dies notabene nicht nur für die Gesamtbank, sondern auch für den Bereich Investment Banking: 20  500 Leute arbeiten Ende des zweiten Quartals 2008 unter Paul Calello, Chef der CS Investment Bank – 1200 mehr als vor einem Jahr. Hunderten von Bankern, die Calello in Krisenbereichen wie etwa den strukturierten Produkten entlassen oder abgebaut hat, stehen nun Hunderte neue Mitarbeiter gegen­über, die in anderen Bereichen, wie den gut laufenden Prime Services oder dem Segment Rohstoffe, aufgebaut wurden.

Mehr Leute auf der Lohnliste als zu Beginn der Branchenkrise hat auch die Deutsche Bank. Beschäftigte der Bankgigant aus Frankfurt im Sommer 2007 noch 75  100 Mitarbeiter, so waren es per Ende Juli 2008 über 5000 Angestellte mehr. Dem Abbau von 1050 Stellen im Investment Banking – vor allem in den USA – stand ein weltweiter Aufbau von Jobs im Vermögensverwaltungsgeschäft gegenüber.

Auffallend ist generell, wie stark sich die Krise auf die Zentren New York und London konzentriert, den Rest der Welt indes fast gänzlich verschont. Während in Kontinentaleuropa die Anzahl Stellen stagnierte, nahm sie in Asien und im Nahen Osten sogar weiter zu. Morgan Stanley etwa hat allein in Dubai Dutzende von Mitarbeitern neu eingestellt, und zwar auch im Investment Banking. Bei der von der Krise besonders stark getroffenen US-Bank Merrill Lynch sind heute in den USA 4000 Leute weniger auf der Lohnliste aufgeführt, in den übrigen Regionen der Welt sind es aber gesamthaft nur 300 Stellen weniger.

Die geografische Differenzierung wirkte sich bisher auch positiv auf die Schweiz aus. Vor allem dank der nach wie vor wachsenden Stellung des Private Banking ist die Zahl der gestrichenen Stellen hierzulande begrenzt geblieben. Per Ende 2007 zählte die Bankbranche in der Schweiz rund 108  000 Vollzeitstellen, im Sommer 2008 – nach mehreren Krisenmonaten – waren es sogar 1300 mehr. 5500 Abgänge standen dabei 6800 Neueinstellungen gegenüber. Auch wenn sich die Krise in den letzten Wochen nochmals verschärft hat, so wird nicht mit einem Einbruch gerechnet. Die Bankiervereinigung geht davon aus, dass in der Schweiz Ende 2008 etwa gleich viele Leute im Banking arbeiten werden wie Ende letzten Jahres. Mehr als ein Drittel der Schweizer Bankinstitute wollen ihre Beschäftigung in der zweiten Jahreshälfte weiter ausbauen – und Chancen im Retail sowie im Private Banking nutzen. Nur acht Prozent der befragten Banken – vor allem kleinere Regional- und Sparkassen – rechnen mit einer Abnahme der Beschäftigung.

INEXISTENTER ARBEITSMARKT. Bei jenen Schweizer Bankern, die das Pech haben, in den Problemsektoren tätig zu sein, ist die Krise aber auch hierzulande spürbar. Im Investment Banking in der Schweiz seien die Arbeitsplatzwechsel praktisch vollständig zum Erliegen gekommen, sagt Nino Giuralarocca vom Headhunting-Unternehmen Ambition HR Consulting in Zürich: «Die Leute, die noch einen Job haben, bleiben sitzen und warten ab.» Geändert haben sich auch die Voraussetzungen bei den Vertragsverhandlungen. Garantierte Boni, wie sie zu Boomzeiten immer häufiger versprochen wurden, gibt es nicht mehr. Versuchten sich in der Vergangenheit viele Investment Banker bei Hedge Funds, so haben auch hier die Möglichkeiten, einen neuen Job zu finden, abgenommen, denn die Hedge Funds sind in der Krise fast gleich stark unter die Räder gekommen wie die Investmentbanken.

In Bezug auf die Löhne in der Schweiz lässt sich derzeit eine Zweiteilung beobachten (siehe auch «Lohn 2009» auf Seite 64). Im Private Banking sind die Löhne stabil, in den restlichen Sparten unter Druck. Laut Headhuntern wird im Private Banking einem 35-jährigen Banker ohne Führungsaufgaben im Schnitt 150  000 bis 300  000 Franken angeboten, für überdurchschnittlich gute Kundenvermögen aber auch 500  000 oder mehr. Im Asset Management lag der Lohn mit 150  000 bis 180  000 Franken im Schnitt schon vorher deutlich tiefer. Nun müssen hier Abstriche um bis zu zehn Prozent gemacht werden. Im Investment Banking beträgt das Grundsalär 150  000 bis 200  000 Franken. Für erfahrene Leute sind die Löhne wenig verändert, für Einsteiger aber um bis zu 20 Prozent niedriger. Grosse Abstriche müssen beim Bonus gemacht werden: Wie in den USA werden hier Reduktionen bis zu 50 Prozent erwartet. Dies ist umso schmerzhafter, als die variable Komponente einen Grossteil des Salärs in dieser Sparte ausmacht.

Generell habe er eine stark erhöhte Verunsicherung in der Branche festgestellt, sagt Giuralarocca. «Die Leute sind wie paralysiert», hat auch Peter Vonlanthen, Geschäftsführer des Kaufmännischen Verbandes Zürich, beobachtet. Auch wenn Massenentlassungen in der Schweiz bisher ausblieben, so getrauten sich viele Mitarbeiter im Banking heute nicht mehr, ihre Meinung zu sagen – aus Angst um den Job. Die Krise in der Schweiz ist derzeit auch eine Krise in den Köpfen.

Die Skepsis über die Zukunftsaussichten der Branche ist aber durchaus begründet, wenn man die Gesamtlage im weltweiten Banking betrachtet. Gut möglich nämlich, dass sich die Lage in der Finanzwelt in Zukunft noch erheblich verschlechtern wird. Bisher hat die Finanzkrise weltweit rund 70  000 Jobs gekostet. Weitere Abgänge werden mit einer zeitlichen Verzögerung kommen, das zeigt das Beispiel der letzten grossen Branchenkrise nach dem Platzen der Internetblase 2001. Damals waren innerhalb von zwei Jahren 90  000 Jobs weggefallen. In der Schweiz selber gingen über 7000 Bankenjobs verloren.

Weltweit dürfte die Zahl der Bankenjobs diesmal deutlich stärker abnehmen als bei der Krise 2001. Die Bank­zusam­menschlüsse der allerjüngsten Zeit, etwa der Bank of America mit Merrill Lynch, JP Morgan Chase mit Bear Stearns, der Commerzbank mit der Dresdner Bank oder von Lloyds TSB mit HBOS, haben Doppelspurigkeiten beim Personal zur Folge, die weiter abgebaut werden dürften. Zudem erreichen Nachwellen der Fehlspekulationen nun auch verschärft Europa, wie dies die jüngsten Probleme von Instituten wie etwa dem Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate zeigen.

Einzelne Banken wie die UBS schrumpfen bewusst ihre Geschäftsfelder, nicht zuletzt wegen der verschärften Vorschriften der Regulatoren. Der Kuchen wird zudem insgesamt kleiner: Eine Studie von Boston Consulting geht davon aus, dass sich bis 2010 die Profite im Investment Banking halbieren werden.

Für die Schweiz entscheidend ist, ob sich das Private Banking wie bisher unversehrt durch die Krise retten kann. Der Abfluss von Kundengeldern in Milliardenhöhe bei der UBS zeigt, dass die Geschäftsfelder nicht voneinander unberührt fungieren. Zudem hat der Markt nun auch begonnen, reine Privatbanken wie Julius Bär kritischer zu betrachten, und bestraft sie mit rückläufigen Aktienkursen. Kein Wunder: Sollten die Börsen der Welt auf längere Zeit gedrückt bleiben, nehmen auch die Handelschancen und Erträge im Private Banking ab. Für die Schweiz kommt erschwerend hinzu, dass mit der Finanzkrise die Aufsicht über die Finanzindustrie und der Druck nach vermehrter Transparenz noch verstärkt wurden. Das Bankgeheimnis wird vor diesem Hintergrund in Zukunft eher noch schwieriger zu verteidigen sein.

BOOMENDER OSTEN. Daher müssen auch die Schweizer Banken vermehrt auf die boomenden Märkte im Osten setzen. Dort indes sehen sie sich einer erheblichen Konkurrenz gegenüber, hat sich doch im Rahmen der Krise der Konzentrationsprozess noch verstärkt. Durch Zusammenschlüsse sind grössere und potentere Konglomerate entstanden, die alle als Universalbanken auftreten und im wachsenden Vermögensverwaltungsgeschäft ausbauen wollen.

Die Schweiz dürfte mehr Zeit benötigen als die boomenden Regionen Asiens und des Nahen Ostens, bis sie zu neuen, zusätzlichen Jobchancen kommen wird. Die Erfahrung aus früheren Krisen zeigt, dass zwar immer eine Erholung stattfindet, sie zeigt aber auch, dass es recht lange dauern kann, bis Verluste wettgemacht sind (siehe Grafik links). So erreichte die Zahl der Bankenjobs nach der Internetblase von 2001 erst im Jahre 2004 – also mit fast dreijähriger Verzögerung – den Tiefpunkt. Bis die Arbeitsplatzzahlen wieder gleich hoch waren wie vor der Krise, dauerte es nochmals drei Jahre, womit insgesamt sechs Jahre vergingen, bis der Rückgang auf dem Schweizer Arbeitsmarkt vollständig kompensiert war. Gut möglich also, dass sich die Banker auch diesmal auf mehrere schwierige Jahre gefasst machen müssen.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesem Artikel.

Anzeige