BILANZ: Wird die Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika ein wirtschaftlicher Erfolg?

Andrew Jennings: Für die Fifa bestimmt. Sie hat ja schon bekanntgegeben, dass sie vor allem durch TV-Rechte und Sponsoring einen Überschuss von voraussichtlich mehr als einer Milliarde Franken erzielen wird.

Und für Südafrika?

Leider nicht. Die Südafrikaner bekommen die Ticketeinnahmen, doch die sind im Verleich mit der letzten WM dramatisch eingebrochen.

Warum ist das so? Wer hat das zu ­verantworten?

Die Fifa hat die Vermarktung exklusiv an die Agentur Match vergeben. Diese verlangt viel zu hohe Preise – für einen ­Inlandflug von Kapstadt nach Durban oder Johannesburg beispielsweise 755 Dollar. Die lokalen Airlines bieten diese Flüge aber für 300 bis 320 Dollar an. Die Hotelpreise gingen in Kapstadt bis auf 1300 Dollar für eine Nacht hoch. Nicht nur die Fans, sondern auch viele Firmen waren nicht bereit, diese hohen Preise zu zahlen, und fragen mich: Wie kommen wir an billigere Tickets?

Zur letzten WM in Deutschland kamen über eine Million ausländische ­Besucher. In Südafrika ging die Fifa ­ursprünglich von 450  000 Besuchern aus, jetzt werden Schätzungen ­von 125  000 herumgeboten.

Sicher ist nur, dass man den offiziellen Zahlen von Fifa und Match nicht trauen kann. Wir wissen nicht, was über die Parallelmärkte läuft, deshalb werden wir die genauen Zahlen immer erst am Spieltag kennen. Aber es werden deutlich weniger sein als die anvisierten 450  000 Besucher. Die grossen Fan-Nationen wie Deutschland, Holland, England, Dänemark und auch die Schweiz haben einen grossen Teil der zugeteilten Tickets wegen der hohen Preise des Gesamtpakets zurückgeschickt.

Werden wir leere Stadien sehen?

Laut südafrikanischen Medien versuchen die Organisatoren verzweifelt, Menschen aus Simbabwe, Malawi, Sambia, Angola und Namibia zu sehr günstigen Bedingungen ins Land zu holen. Sie wollen die Tickets jetzt praktisch verschenken. Südafrikaner, die vor einigen Monaten noch einen ordentlichen Preis für ein Ticket bezahlt haben, werden dann neben jemandem sitzen, der ein Zehntel oder gar nichts für dieselbe Platzkategorie bezahlt hat. Die Fifa machte in Südafrika auch beim Verkauf sehr viele Fehler, wie sie ja selbst zugab.

Welche?

Laut Generalsekretär Jérôme Valcke hat die Fifa beim Ticketverkauf viel gelernt. Das war aber kein Trainingslager. Tatsache ist: Die Fifa hätte wissen müssen, dass der Verkauf übers Internet in Südafrika nicht funktioniert. Die Mehrheit der Leute dort hat keinen Zugang zu Computern und keine Kreditkarte.

Ist das mangelnde Interesse der ausländischen Fans nur eine Frage der Preise? Die Berichte über Sicherheitsprobleme und über die Härten des südafrikanischen Winters wirken auch nicht gerade anziehend.

Die Weltmeisterschaft findet nur alle vier Jahre statt, die Qualifikation war hart. Ein richtiger Fan aus England, Deutschland, Holland, Dänemark oder der Schweiz will live dabei sein.

Welcher Europäer will denn im Winter nach Südafrika?

Ich spreche mit vielen Fans, doch keiner sagte zu mir: Da ist ja Winter. Es liegt eher daran, dass die Wirtschaftslage angespannt ist. Da können die Fans nicht zu ihrer Familie gehen und sagen: «Ich will mehr ausgeben als vor vier Jahren.» Da sagt ihre Frau: «Goodbye, aber komm nicht wieder.» Englische Fans geben das Geld lieber für einen neuen, riesigen Fernsehschirm aus. Der ist immer noch billiger und hält länger.

Während der Weltmeisterschaft 2006 kamen die Leute einfach ohne Ticket nach Deutschland.

Engländer zum Beispiel fanden schnell ­irgendeinen Kleinbus und fuhren los, das war einfach und billig.

Kann es nicht auch diesmal noch Spontanbesuche geben?

Meine Informanten aus dem Sekundärmarkt berichten: Warten wir die erste Runde ab. Wenn dein Team durchkommt, dann wird es auch billige Flugtickets geben, und Eintrittskarten gibt es immer. ­Allein die Fifa hält 200  000 bis 300  000 Tickets zurück, für Sondereinsätze.

Wäre ein Misserfolg in Südafrika – leere Stadien, schlechte Atmosphäre, Sicherheitsmängel – für Fifa-Präsident Blatter ein Problem bei seiner Wiederwahl im nächsten Jahr?

Seine letzten Auftritte zeigen, dass er sehr nervös ist.

Warum?

Mohammed Bin Hammam, der sehr einflussreiche Chef des asiatischen Fussballverbands, der Blatter früher die Stimmen aus Asien sicherte, hat sich zuammen mit dem koreanischen Milliardär Chung Mong-Joon aus der Hyundai-Dynastie gegen ihn gestellt. Bin Hammam ist wütend. Blatter hatte bei seiner Wahl 1998 gesagt, zwei Amtszeiten zu vier Jahren seien genug für einen Präsidenten. Jetzt ist er bereits zwölf Jahre im Amt und will nächstes Jahr noch einmal für vier Jahre wiedergewählt werden.

Das ist aber schon seit einigen Monaten bekannt.

Ja, aber wenn es Probleme gibt, hilft das den Blatter-Gegnern. Und Probleme gibt es bei einem derartigen Anlass immer, es ist nur eine Frage, wie gross sie sein werden. Allein schon der unprofessionelle ­Ticketverkauf bietet den Blatter-Gegnern sehr viel Munition. Wenn Asien und Afrika gegen ihn stimmen, wird es sehr eng.

Als vor vier Jahren Ihr Buch «Foul» erschien, in dem Sie die Fifa und Blatter scharf kritisierten, wollte Blatter Sie verklagen.

So weit ist es nie gekommen. Es gab eine einstweilige Verfügung, doch mein Verlag hat sofort dagegengehalten. Dann zog sich das Blatter-Lager zurück. Sie können das Buch heute normal in der Schweiz kaufen. Es wurde bereits in fünfzehn Sprachen übersetzt.

Andrew Jennings ist einer der renommier­testen investigativen ­Journalisten der Welt. Der 67-jährige Brite war als erster westlicher ­Journalist mit einem ­Fernsehteam in Tsche­tschenien, schrieb über Korruption bei Scotland Yard, den Doping-Schwindel an ­Olympia und 2006 in seinem Buch «Foul» über Korruption im ­Weltfussballverband ­Fifa.

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