In der Loge des Letzigrund-Stadions ist André Dosé im Element. Er schüttelt Hände, begrüsst Gäste, ein Spruch hier, ein Lob dort. Dosé ist Präsident des Grasshopper Clubs. Der frühere Swiss-Chef weiss, wie wichtig ein gepflegter Umgang mit der zahlungskräftigen Kundschaft ist. Dosé ist in erster Linie Präsident. Der Fan kommt später.

Präsident beim Stadtrivalen FC Zürich ist Ancillo Canepa. Canepa ist zuerst Fan und erst dann Präsident. Nein, diese ­Aussage mag er nicht. «Jeder Banker macht seinen Job, weil er Fan davon ist, sonst ist er im falschen Beruf. Fan sein ist Grundvoraussetzung.» Doch auch kühl rechnen wäre es. Das aber fehlte in den ­letzten Monaten beim Fussballclub.

Spieler Ludovic Magnin kam 2010 – ­offiziell ablösefrei – vom VfB Stuttgart zum FC Zürich. Ablösefrei? Für Berater, Agentur und Spieler soll eine Vermitt­lungs­gebühr von gut einer Million Franken ­geflossen sein, heisst es. Canepa ­widerspricht: «Aus der Luft gegriffen.» Überrissen auch, was der Altstar für das Ausklingen seiner Karriere jährlich kassiert: über eine halbe Million Franken. Meistens sass er auf der Bank, schliesslich trat er diesen Sommer zurück. Doch der Verteidiger a.D. kassiert weiter, sein Vertrag läuft noch ein ganzes Jahr.

300 000 Franken pro Tor

Noch waghalsiger ist das Investment in den Tunesier Yassine Chikhaoui. Sein Salär: über 700 000 Franken, dazu kommen weitere Zahlungen. Jedes seiner elf Tore für den FCZ ist mehr als 300 000 Franken wert. Seit Monaten ist der Physiotherapeut sein engster Vertrauter. Canepa hält gleichwohl am Dauerverletzten fest, verlängerte den Vertrag bis 2014. Der Präsident glaubt, dass der Stürmer schon bald wieder auflaufen wird. Riskant auch der Transfer von Spieler Pedro Enrique. Der Brasilianer wurde Anfang Jahr geholt, sitzt im kalten Zürich aber oft auf der Spielerbank. Pro Jahr erhält er fürs Warmhalten eine Viertelmillion.

Bei so hohen Personalkosten wird Geld schnell knapp. Neue Quellen wären anzuzapfen. Im Gegensatz zum Stadt­rivalen Dosé aber tut sich Canepa schwer mit der Wirtschaftsprominenz. Im Stadion sitzt er lieber mit Gattin Heliane rauchend auf der Tribüne oder rutscht auf der Spielerbank hin und her. Unten bei seinem Team fühlt er sich am wohlsten. Der Auftritt bei den Supportern sei Canepas Sache nicht, heisst es selbst bei seinen Freunden. Zwar versucht der ­Präsident, neue Sponsoren zu akquirieren, wenn irgendwie möglich macht er im Stadion aber einen Bogen um aktuelle und potenzielle Geldgeber. Die vergrault er eher mit seiner Pfeife in Dauerbetrieb.

Im Büro des Präsidenten brüteten der Verwaltungsrat um Canepa, Finanzchef Hans Ziegler und Vizepräsident Gregor Greber in zahlreichen Abendsitzungen über den Büchern. Sie erzählten keine schöne Story. Die Bilanz aus den Fugen, die Einnahmen drohten zu versiegen. Im Sommer machte Ziegler ein Finanzloch von gut zwei ­Millionen Franken bis Ende Saison aus. Canepa will die Zahlen nicht kommentieren und verweist auf den Geschäfts­bericht 2012. Im Oktober musste sich der Club zum dritten Mal in der Ära Canepa frisches Geld über eine Kapitalerhöhung besorgen. Sämtliche Altaktionäre zogen mit. Das brachte rettende 2,4 Millionen. Canepa: «Ich zeichnete Aktien im Umfang von einer Million Franken.»

Millionengarantie

Ein Commitment zum Verein, doch die Finanzlage beruhigte sich nicht – im Gegenteil. Das budgetierte Defizit für die laufende Saison soll sich bis im November annähernd verfünffacht haben. Im Umfeld wurde gar Artikel 725 des Obligationenrechts zitiert: ­Eröffnung oder Aufschub des Konkurses. Canepa präzisiert: «Der fehlende sportliche Erfolg hat zu einem markanten Einnahmenrückgang geführt. Hätten wir nichts unternommen, wäre die Fortführung möglicherweise gefährdet gewesen. Deshalb haben wir im Verwaltungsrat die nötigen Massnahmen beschlossen.» Jetzt aber sei die finanzielle Situation stabil. «Es wird im Geschäftsjahr 2012 kein Defizit geben.» Übersetzt heisst das: ­Canepa musste erneut mit der Privatschatulle ­garantieren. Von gut sieben Millionen Frischgeld ist die Rede. Der Präsident verweist auf die nächste GV.

FCZ-Vizepräsident Greber hatte andere Pläne. Der Finanzfachmann schlug eine Bereinigung der Altlasten vor, um den FCZ danach auf mehreren Schultern ­abzustützen. Canepa hielt dagegen – und setzte sich durch. Eine Implosion folgte. Greber und Ziegler demissionierten, Sportchef Fredy Bickel wechselte zu den Berner Young Boys, Trainer Rolf Fringer wurde bereits früher freigestellt. Zuletzt kursierten Gerüchte, wonach Canepas Frau Heliane in den Verwaltungsrat ­gewählt würde. «Kein Thema», sagt der Präsident. Sie gilt gleichwohl als zentral für den Club, denn sie ist die heim­liche Geldgeberin. Die Ex-Chefin von Nobel Biocare soll nach wie vor ein Aktienpaket im Wert von 13 Millionen am Implantatekonzern halten. Zudem bekam sie Optionen in Millionenhöhe zugeteilt. Weiter dürfte sie in den achtziger Jahren beim Verkauf der Medizinalfirma Schneider an den US-Konzern Pfizer partizipiert haben. Weder Ancillo noch Heliane Canepa wollten sich dazu äussern. Der Präsident denkt noch lange nicht ans Aufhören, ist voller Tatendrang. «Ich will das Schiff wieder in ruhige Gewässer führen.»

Es dürfte länger dauern. Der FCZ, Schweizer Meister 2009, überwintert heuer auf dem vorletzten Platz. Canepa macht die schlechte Peformance auf dem Feld fürs finanzielle Desaster verantwortlich. «Seit 18 Monaten sind wir sportlich erfolglos. Diesen Absturz haben wir nicht erwartet.» In seinem Büro, wo die AC Sports AG domiziliert ist, tischt er, aus allen Rohren schmauchend, Erklärungen für die Trübsal auf: Statt der angestrebten 10 000 verkaufte der Club bloss 6500 Saisonkarten, die Zuschauer blieben weg, die Transfereinnahmen versiegten, die Fanartikel blieben liegen. Im Meisterjahr 2009 verkaufte der FCZ an einem einzigen Wochenende Trikots, Bälle und Caps für 250 000 Franken, heute sind es an einem Wochenende 5000 Franken.

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