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Luftfahrtmesse 
In Farnborough reden alle über einen Jet, den es gar nicht gibt

Boeing
Boeing: Das neue Modell des Flugzeugherstellers könnte NMA 797 heissen.Quelle: Keystone

Bei der Luftfahrtmesse in Farnborough sorgt Boeing mit einem Phantom-Flugzeug für Furore: Das Modell, das NMA 797 heissen könnte, hätte auch für Passagiere Vorteile.

Von Gerhard Hegmann und Gesche Wüpper («Die Welt»)
17.07.2018

Bei Flugschauen bestaunen Besucher normalerweise Flugzeuge am Himmel und auf dem Rollfeld. Doch bei der am Montag in Farnborough bei London begonnenden Luftfahrtmesse wird vor allem ein Modell für Gesprächsstoff sorgen, das es noch gar nicht gibt. «New Midmarket Airplane», kurz NMA, heisst das Flugzeug, über das man bei Boeing intensiv nachdenkt und redet. Es ist ein Jet, an der Schnittstelle zwischen Modellen mit einem Mittelgang und Grossraumjets mit zwei Gängen und zwei Triebwerken, für etwa 225 bis 270 Passagiere.

Kurz vor Beginn der Schau gab Boeing-Chef Dennis Muilenburg bekannt, dass der Konzern erst im kommenden Jahr eine Entscheidung treffen werde, ob das neue Modell gebaut wird. Zuvor war in Branchenkreisen spekuliert worden, dass Boeing schon in Farnborough den Startschuss geben könnte. Die Modell-Bezeichnung 797 hatte sich der Flugzeugkonzern bereits schützen lassen, fand die Fachzeitschrift «Flight Global» heraus. Weil der Bau eines komplett neuen Flugzeugs grob zehn Milliarden Dollar kostet und Entwickler über Jahre bindet, ist es keine leichte Entscheidung für die Amerikaner.

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Die Flugzeughersteller haben ohnehin gerade genügend Arbeit und Sorgen. Das fängt mit dem Ausbau der Produktion an während Triebwerke fehlen. Hinzu kommen die Unsicherheiten durch den Brexit und die Handelspolitik des US-Präsidenten. Erzrivale Airbus lässt sogar durchklingen, dass er nicht daran glaubt, dass dieses Flugzeug jemals abhebt.

Dennis Muilenburg
Dennis Muilenburg: Chef des weltgrössten Flugzeugherstellers Boeing.
Quelle: Hindustan Times/Getty Images

Das neue Modell könnte ab 2025 geliefert werden

Boeing selbst wiegelt immer wieder ab. Man werde keine überstürzte Entscheidung treffen, sagte Verkaufschef Ihssane Mounir kürzlich der Luftfahrtjournalisten-Vereinigung AJPAE in Paris. «Für uns ist es wichtig, es richtig zu machen.» Für den Boeing-Manager ist es die erste Luftfahrtmesse, bei der er auf den neuen Airbus-Verkaufschef Eric Schulz trifft. Daher wird auch mit Spannung erwartet, wer die meisten Aufträge auf der Luftfahrtmesse verkündet.

Boeing-Verkaufschef Mounir stellte jedenfalls klar, dass die Entscheidung zum NMA-Modell so rechtzeitig getroffen wird, damit das Flugzeug ab 2025 ausgeliefert werden könne. Das wären noch mehr als sechs Jahre für Entwicklung und Zulassung. Bei komplett neuen Flugzeugen kommt es jedoch fast immer zu Verzögerungen.

Boeing selbst hat nach Angaben von Verkaufschef Mounir bereits mit 60 Airlines diskutiert, welche Merkmale das NMA-Modell haben und welche Märkte es bedienen soll. Es geht um die Reichweite – voraussichtlich 5000 nautische Meilen (9260 Kilometer) und mehr Platz in der Kabine. Spekuliert wird über einen leicht ovalen Rumpfquerschnitt. Das Ziel ist der Komfort eines Jets mit zwei Mittelgängen zu Kosten eines Flugzeugs mit nur einem Mittelgang, heißt es bei Boeing. Sowohl das Konzept als auch das digitale Technologien umfassende Produktionssystem wären revolutionär.

Mögliche Kunden brauchen Planungssicherheit

Der Markt könnte gewaltig sein. In den nächsten 20 Jahren liege der Bedarf im sogenannten Middle-of-the-Market-Segment nach konservativen Schätzungen bei 4000 bis 5000 Jets, meint Mounir. Bei einer Umfrage, die die Fachzeitschrift «Aviation Week» jüngst zusammen mit Bank of America Merrill Lynch unter 200 Airlines durchführte, äusserten sich 82 Prozent interessiert an dem NMA-Modell. Allerdings ergab die Umfrage auch, dass sich ihre Bedürfnisse von dem vorläufigen Entwurf Boeings unterscheiden.

Triebwerkshersteller und andere Zulieferer drängen auf eine schnelle Entscheidung. Denn sie müssen planen, da sie bereits jetzt durch den starken Ausbau der Produktion von Airbus und Boeing an ihre Grenzen kommen. Beim deutschen Kabinenausrüster Diehl hiess es jüngst, dass man sich um NMA-Aufträge bewerben werde – falls es eine Entscheidung gibt.

Die Fluggesellschaften als potenzielle Kunden brauchen ebenfalls Planungssicherheit. Als Erstkunde wird die US-Airline Delta gehandelt. Delta könne das Modell jedoch nicht bestellen, solange der Vorstand von Boeing nicht grünes Licht für den Start des Programms gegeben habe, erklärte Delta-Chef Ed Bastian kürzlich. Delta wäre daran interessiert, dann zwei ältere Boeing-Modelle zu ersetzen: Die 757 mit 234 Sitzplätzen und die 767 mit 208 bis 261 Plätzen. Beide Modelle werden für die zivile
Fluggesellschaften nicht mehr produziert.

Delta-Chef Ed Bastian
Delta-Chef Ed Bastian.
Quelle: Dustin Downing/Getty Images

Schnelleres Einsteigen und einfacherer Service

Mit einer Boeing 797 würde der US-Flugzeughersteller die Lücke wieder auffüllen, die er mit der Einstellung des 757-Modells vor 15 Jahren hinterlassen hat. Airbus hat das erkannt und verkauft sein Modell A321 Neo LR (Long Range) in diesem Segment äusserst erfolgreich. Boeing versuchte mit seiner 737 Max 10 einen Ausgleich zu schaffen. Die A321 und das Boeing 737-Modell sind aber Flugzeuge mit nur einem Mittelgang. Da dauert es beim Ein- und Aussteigen für die Passagiere länger, und der Service an Bord ist auch schwieriger. Ein Grossraumjet kann viel komfortabler sein.

Boeing
Eine Boeing 757 im Einsatz von Delta Airlines.
Quelle: Keystone

Mit dem neuen NMA-Modell will Boeing nach Angaben seines Verkaufschefs ein massgeschneidertes Flugzeug für Märkte mit hoher Verkehrsdichte präsentieren. Das werde von den bisherigen Modellen nicht optimal abgedeckt. Darunter versteht Mounir Mittelstreckenjets mit nur einem Mittelgang, die für Langstrecken genutzt werden, oder Langstreckenjets mit zwei Mittelgängen, die für Routen mit Flugzeiten von zwei, drei Stunden verwendet werden. Es ist eine indirekte Kritik an Airbus. Denn der europäische Rivale sieht sich am unteren Ende des mittleren Marktsegments mit dem A32neo und am oberen Ende mit dem A321LR (für Long Range) und dem A330neo bereits bestens aufgestellt.

Wenn Boeing ein neues Modell platziere, werde Airbus entscheiden, wie zu reagieren sei, sagt Airbus-Verkaufschef Eric Schulz. Änderungen an den Modellen der Europäer, etwa bei der Reichweite, könnten innerhalb von 18 Monaten bis zwei Jahren umgesetzt werden. Dagegen dauere die Entwicklung eines neuen Modells bei Boeing mehrere Jahre.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» mit dem Titel: «In Farnborough warten alle auf Boeings Phantom-Flugzeug».