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Fabrik der Multimillionäre

Die Milliardenfusion macht RMF und Man zum grössten Stern am Hedge-Fonds-Himmel. Himmlisch sollen auch die Perspektiven sein. Wirklich?

Veröffentlicht 31.01.2002
Nach jahrelangem Kopf-an-Kopf Rennen sind RMF und Man weltweit zur Nummer eins im Markt für alternative Investments fusioniert: die Management-Teams von RMF Investment Group (links) und Man Investment Products Schweiz (rechts) in Pfäffikon SZ.


«Es ging noch schneller, als wir gedacht hatten!» Das sagt einer, der in der schnellen Hedge-Fonds-Industrie zu den schnellsten gehört: Rainer-Marc Frey hat innerhalb von zehn Jahren seine RMF-Finanzboutique für alternative Anlagen von null an die Weltspitze katapultiert. Mit dem Verkauf seiner Firma an die englische Man-Gruppe wird der fusionierte Betrieb mit verwalteten Vermögen im Wert von rund 20 Milliarden Dollar zur Nummer eins in der weltweiten Hedge-Fonds-Industrie. Auch der Verkauf wurde in Rekordzeit abgewickelt. Am ersten Meeting hatte man sich bereits nach eineinhalb Stunden auf den Preis von 1,3 Milliarden Franken geeinigt. Bis der Milliardendeal auch im Detail stand, vergingen bloss zwei Monate.

«Innovation for Profit» heisst der Slogan, den die RMF auf die Luftballons zum Zehn-Jahre-Firmenjubiläum drucken liess. Kein leerer Werbespruch: Mit dem Verkauf streicht der Firmengründer selber einen Profit von knapp 500 Millionen Franken ein. Auch seine zehn Kollegen aus dem Managementkomitee werden über Nacht zu Multimillionären. Und die übrige 170-köpfige Belegschaft wird mit Anteilen von minimal 10 000 Franken bis hin zu siebenstelligen Beträgen beglückt. «Mit dem Deal haben wir gleich zwei, drei Gänge zugelegt und drei Jahre Vorsprung gegenüber der Konkurrenz gewonnen», sagt Frey.

Bei Man reibt man sich ebenfalls die Hände. «Wir hatten in unserer Entwicklung das Gleis der institutionellen Kunden etwas vernachlässigt – und RMF das Gleis der Vetriebskanäle», sagt Christoph Möller, CEO von Man Investment Products Schweiz. «Mit dem Merger ergänzen sich zwei Firmen, die bisher mit zwei verschiedenen Businessmodellen absolut komplementäre Bereiche verfolgten, auf ideale Weise.»

Jahrelang hatten sich die Teams der beiden Firmen in Pfäffikon SZ ein Kopf-an-Kopf Rennen geliefert: zum einen die kleine, aber feine Finanzboutique von Rainer-Marc Frey, zum andern, ein Steinwurf davon entfernt, die 1983 gegründete Man Investment Products mit ihrer 220-jährigen Muttergesellschaft im Rücken, die mit Rohstoffhandel im Britischen Empire angefangen hatte und dann über Risikomanagement im Handel und Engagements in Futures-Märkten schliesslich bei alternativen Finanzprodukten anlangte. Man kennt sich, spielt gegeneinander Fussball, isst und feiert zusammen – und verzichtet nach dem ungeschriebenen Gentlemen’s Agreement der Banken-Aussenseiter darauf, sich gegenseitig die besten Leute abzuwerben.

Müde Aktien – boomende Hedge-Fonds
Der Zusammenschluss der beiden Teams ist eine Konsequenz aus der rasanten Entwicklung im Markt für alternative Anlageprodukte. Angesichts der anhaltenden Börsenflaute lechzen die Anleger nach Anlagevehikeln, die auch bei sinkenden Kursen ansprechende Renditen erzielen. Besonders attraktiv sind Hedge-Fonds, die mit zweistelligen Wachstumsraten zulegen. Jetzt haben auch die Investment-Banken den fetten Braten gerochen. Sie bauen angesichts anderweitiger personeller Überkapazitäten und saftiger Profitpotenziale ihre Hedge-Fonds-Teams massiv aus.

Das schnelle Geld und das rasche Wachstum in der Hedge-Fonds-Industrie erinnern viele Beobachter fatal an die geplatzte Börsenblase der New Economy. Andreas Grünbichler, Professor am Institut für Banken und Finanzen der Uni St. Gallen, warnt: «Die Gefahr einer neuen Bubble ist nicht auszuschliessen, die Preise werden hochgepusht, und es könnte sein, dass überdurchschnittliche Risiken eingegangen werden.» Solche Befürchtungen werden geschürt durch den Druck, dem beispielsweise Pensionskassen ausgesetzt sind: Sie müssen laut Gesetz mindestens vier Prozent Rendite erzielen und setzen deshalb angesichts der Börsenflaute immer häufiger auf Anlageinstrumente wie Hedge-Fonds. «Kleine und mittlere Pensionskassen haben aber weder die Zeit noch die Mittel, die Risiken richtig abzuschätzen, die mit solchen Engagements verbunden sind», sagt Enzo Zinnà von der unabhängigen Beraterfirma Finance@Work. Bei Hedge-Fonds ist die Versuchung besonders gross, unkalkulierbare Risiken einzugehen, denn gerade die komplexesten Produkte bringen auch die grössten Erträge.

Bei RMF und Man sollen aufwändige, oft mehrmonatige Due-Diligence-Verfahren dafür sorgen, dass Kunden die Strategie eines Anlagevehikels auch wirklich verstehen. Und von der viel beschworenen Gefahr einer neuen Bubble hält man in Pfäffikon gar nichts. «Wer von einer spekulativen Blase durch Hedge-Fonds spricht, der hat unser Geschäft nicht verstanden», sagt RMF-Mitgründer Adrian Gut. «Im Gegensatz zum relativ homogenen Segment der IT-Aktien sind Hedge-Fonds äusserst heterogen und beruhen kaum auf identischen Strategien. Und wenn viele Hedge-Fonds-Manager ähnliche Strategien verfolgen, dann fallen auch die Erträge, die damit erzielt werden können.» Die Manager von RMF und Man sind überzeugt davon, dass die Zukunft der alternativen Anlagen erst richtig begonnen hat. «Weltweit ist die Börsenkapitalisierung von Hedge-Fonds noch sehr tief. Studien gehen davon aus, dass sich das Marktvolumen in den nächsten zehn Jahren verzehnfachen wird», sagt Rainer-Marc Frey. Und sein neuer Kollege Christoph Möller doppelt nach: «Die geografische Diversifikation der klassischen Anlagen funktioniert nicht mehr. Die Anleger müssen ihre Risiken streuen und zwangsläufig in Produkte wie Hedge-Fonds investieren, weil diese von der Börse wenig abhängig sind.»

Die Finanzindustrie für alternative Produkte ist salonfähig geworden und steht heute in einer Phase der Konsolidierung. Denn im explodierenden Markt werden Schnelligkeit und Grösse zu strategischen Erfolgsfaktoren. «Man muss rasch und pragmatisch entscheiden können», sagt Frey, «und die Strategie immer selber bestimmen.»

So war er bereits als junger Investment-Banker bei Salomon Brothers von sich aus aktiv geworden, arbeitete eigenständig Businesspläne zur Gründung von Salomon-Filialen in Zürich und Frankfurt aus und boxte diese in der Zentrale dann auch durch. Den Treasury-Skandal seines Arbeitgebers von 1991 nahm er als Anlass, um seinen sicheren Arbeitsplatz aufzugeben und mit 80 Prozent weniger Lohn selber Unternehmer zu werden. Gemeinsam mit Adrian Gut, den er von der Hochschule St. Gallen her kennt, wagte Frey 1992 den Sprung ins kalte Wasser und gründete die RMF.

Jahreslanges Warten auf ein Meeting
«Wir wurden belächelt – und viele sagten, dass wir einen Riesenfehler machen», sagt Gut heute. «Aber wir haben auf unsere Einschätzung vertraut, dass sich die Märkte irrational verhalten – und diese Irrationalitäten systematisch für alternative Finanzprodukte ausgewertet.» Dabei haben sich die RMF-Gründer nie als risikowütige Hasardeure verstanden, sondern als nüchterne Marktbeobachter: «Die RMF ist strategisch entstanden, und auch die weiteren Entwicklungsschritte beruhten immer auf einer nachvollziehbaren Strategie», betont Frey. Finanziert vom damaligen grössten amerikanischen Hedge-Fonds-Manager, Paloma Partners, lancierten die RMF-Leute Anfang der Neunzigerjahre eigene Fonds. Sie engagierten sich im Geschäft mit japanischen Warrants und Convertible Bonds, entwickelten derivative Anlagevehikel und gingen in der Asienkrise Mitte der Neunziger auch harte Zeiten durch: «Es war manchmal schmerzhaft, am Morgen ins Büro zu kommen und festzustellen, dass man in Asien wieder Geld verloren hat», erinnert sich Gut.

Auch die Kontaktaufnahme mit grossen institutionellen Anlegern gestaltete sich anfänglich überaus schwierig. «Wir mussten manchmal ein Jahr lang auf ein Meeting warten, um unsere Hedge-Fonds-Produkte vorzustellen. Und wurden dann mit dem Hinweis abgespeist, dass man angesichts von 30-prozentigen Renditen auf klassischen Anlagen keinen Grund sehe, sich mit der acht- bis zwölfprozentigen Performance unserer Hedge-Fonds zu begnügen.» Nach einjährigem Ringen vollzog die RMF 1997 einen Strategiewechsel, verzichtete auf das Management eigener Fonds und wurde zum «allumfassenden Lösungsanbieter» für alternative Produkte. Nachdem sich die Rentenanstalt als erster Grosskunde bei der RMF engagiert hatte, stiegen auch weitere grosse Institutionelle ein: Angetrieben von der platzenden Börsenblase der New Economy, suchten die Investoren verzweifelt nach neuen Anlageformen – was dazu führte, dass seit 1998 die von RMF verwalteten Vermögen von einer Milliarde auf gegenwärtig 8,5 Milliarden Dollar und bei Man im gleichen Zeitraum von 2,2 Milliarden auf 10,7 Milliarden Dollar explodierten. Heute gehören neun der zehn grössten Schweizer Versicherungen zu den Schlüsselkunden der RMF.

600 Milliarden Dollar weltweit
«Druck und Krisen haben uns immer zu Spitzenleistungen angespornt», sagt Frey. Das Debakel des LTCM-Hedge-Fonds, das der UBS 1998 einen Milliardenverlust bescherte und den obersten Bankgesellen, Mathis Cabiallavetta, den Chefsessel kostete, war für Frey «ein Anlass, erst recht aufs Gas zu gehen». Der Erfolg sollte ihm Recht geben. Das LTCM-Debakel wurde für die Hedge-Fonds-Branche zum reinigenden Fegefeuer. «Die Manager der Hedge-Fonds wurden offener, wir erhalten seither von ihnen täglich oder wöchentlich Positionslisten und fühlen uns seither bedeutend wohler», sagt Christoph Möller.

Sowohl Man Investment Products wie auch RMF führen je rund 4000 Hedge-Fonds-Manager in ihren Files aus aller Welt, von denen jeder seine ganz speziellen Produkte anbietet. Bereits sind weltweit gegen 600 Milliarden Dollar in Hedge-Fonds angelegt. Die Herausforderung besteht darin, im Heuhaufen die goldene Nadel zu finden. Sowohl bei RMF wie auch bei Man sind je über 50 hochspezialisierte Analysten aus den Bereichen Mathematik, Statistik, Jurisprudenz, Ökonomie, Physik und anderen Naturwissenschaften ausschliesslich damit beschäftigt, die Informationsflut der Fondsmanager qualitativ und quantitativ auszuwerten und zu überwachen. «Wir schauen im jährlichen Durchschnitt rund 150 Fondsmanager an, von denen wir dann vielleicht 4 oder 5 auswählen», erklärt der CEO von Man Investment Products. Voraussetzung für eine gute Auslese sind weltweite Beziehungsnetze und Manpower in einem Ausmass, wie es nur grosse Firmen aufbauen können.

«Der Erfolg in unserer Branche steht und fällt mit guten Leuten und transparenten Prozessen im Betrieb», sagt Frey. Aus diesem Grund wurde beim Firmenverkauf das zwölfköpfige Managementkomitee von RMF auch vertraglich für drei Jahre Engagement bei der fusionierten Firma verpflichtet. «Aber wir bleiben Unternehmer und behalten uns das Recht vor, unsere Strategien selber zu bestimmen», betont der bisherige RMF-Chef.

Auch nach der Fusion bleibt das Unternehmen voll auf Expansionskurs. Gegenwärtig sucht RMF 70 neue Mitarbeiter, bei Man sind sogar 75 Stellen zu besetzen. Vor allem für Akademiker ist das boomende Business der alternativen Produkte ein Eldorado: 70 Prozent der Mitarbeiter von RMF haben eine Hochschulausbildung. Hochschulabsolventen werden mit rund 85 000 Franken Anfangslohn geködert, der mit erfolgsorientierten Boni und Beteiligungen an der Firma in wenigen Jahren um ein Mehrfaches gesteigert werden kann. Die Arbeitszeiten sind bei 40 bis 45 Stunden pro Woche ansprechend, wobei aber hohe Flexibilität und 110-prozentiges Engagement erwartet werden.

Ein Ende des Booms ist trotz allen Warnungen noch nicht abzusehen. Denn in den Wachstumsprognosen sind die neuen Wetter- und Katastrophen-Derivate noch gar nicht berücksichtigt. «70 Prozent aller ökonomischen Entscheidungen haben eine Wetterkomponente», sagt Adrian Gut. Er ist davon überzeugt, dass in diesem Bereich ein gewaltiger Markt entstehen wird, denn die Nachfrage nach Absicherungsinstrumenten steigt mit jeder Naturkatastrophe an: ein riesiges Potenzial für die Industrie der alternativen Investments. «Die geschätzte jährliche Zunahme unserer Branche von 25 Prozent ist vermutlich viel zu tief», sagt der langjährige RMF-Mann, «das Wachstum wird bedeutend höher sein.» In Pfäffikon, dem Mekka der Hedge-Fonds, scheint das goldene Zeitalter erst richtig angebrochen zu sein.
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