Die Wirtschaftsprüfer waren ­einmal todlangweilige Institutionen. Aktentaschen, Regelbücher, Zahlenreihen, Krawattenträger, grau in grau. Doch – man glaubt es kaum – jetzt werden die Prüfkonzerne von einer Revolution erfasst, der Revolution der Digitalisierung. Marcel Stalder (45) ist einer der Revolutionäre. Als neuer CEO von EY Schweiz wird er die gesamte Organisation umkrempeln, alte Haudegen durch neue Dynamiker ersetzen, das Geschäft völlig neu fokussieren. Alles Richtung digital.

Stalder ist selbst so ein Dynamiker. Tesla-Fahrer, Netzwerker, Globaldenker. Ein Mann mit High-Speed-Antrieb. In 30 Jahren vom UBS-Stift zum Chef einer Prüfer-Landesgesellschaft mit 600 Millionen Franken Umsatz und 2425 Mitarbeitern, mit neuer Verantwortung im Führungsteam für Financial Services für die Grossregion Europa, Nahost, Indien und Afrika. Er studierte Betriebswirtschaft an der Hochschule Luzern, kam 1996 zu EY, legte das Examen zum Wirtschaftsprüfer in Oregon, USA, ab, kämpfte sich nach oben.

Besonders stolz ist er darauf, wie er 2013 das Finanzdienstleistungs­geschäft übernahm und die Einheit von 490 auf 850 Personen ausbaute: «Ein massives Wachstum in einem gesättigten Markt.» Er gilt als Mann für die Versicherungsbranche, und er weiss, dass man in globalen Prüfkonzernen nur Macht erringt, wenn man Landesgrenzen überwindet und die Teamgrösse steigert.

Ausnahmslos Männer

Mit seinem Antritt Anfang Juli wird er die Geschäftsleitung radikal umbauen und sie vor allem mit Koryphäen ihrer jeweiligen Fachrichtung verjüngen: mit den Prüfern Alessandro Miolo und Patrick Schwaller, den Beratern Matthias Bünte und Adrian Widmer, den Tax-Spezialisten Daniel Gentsch und Thomas Brotzer sowie mit M&A-Mann Stefan Rösch und Stefan Marc Schmid für ­People-Themen.

Sie sind in erster Linie Fachleute und weniger Führungspersönlichkeiten – ein bekanntes Schema bei Prüfkonzernen: Man steigt über die Fachkompetenz auf. Und sie sind Männer. Ja, ausnahmslos Männer, in der Geschäftsleitung wie im VR, da halfen auch alle Erklärungen zur vielgerühmten Vielfalt nichts.

«EY ruft die Unternehmen zum Handeln auf: Geschlechterparität auf Führungsebene trägt dazu bei, die anstehenden grossen wirtschaftlichen Umwälzungen erfolgreich zu bewältigen», erklärte der Prüfkonzern anlässlich der Publikation der Studie «Navigating disruption without gender diversity? Think again». Think again? Nun denn.

Stalders Vorgänger Bruno Chiomento, der ruhige Pol und Diplomat im Hause, wird Schweizer VR-Präsident. Und auch der Verwaltungsrat wird erneuert, unter anderem mit dem Steuerfachmann Philip Robinson oder Andreas Blumer, dem langjährigen Lead Auditor der UBS.

Zukunftsshow im Hallenstadion

Am 23. September will Stalder alle Schweizer Mitarbeiter ins Hallenstadion nach Oerlikon einladen, auch Kunden. Dann möchte er vor rund 3000 Leuten etwas über die Zukunft erzählen. Er wird mit Stift und Präsentationsfolien seine Ideen vorstellen, die er im kleinen Kreis bereits vorgetragen hat. Dass er rund 50 CEOs persönlich befragt habe, wie sie sich die digitale Zukunft dächten. Und dass er EY Schweiz eine neue ­Strategie verpassen will.

Im Gespräch zeigt Marcel Stalder auf, wie Unternehmen früher ihre Kunden erreichten: Schweizer Berge, Kirche, Häuschen und die Bankfiliale im Dorf. «Das war eine produktzentrierte Welt», erklärt er, Mitarbeiter hätten ihre Produkte in ihren Markt gepusht, «mit vielen manuellen Prozessen und einem markenbasierten Wettbewerb.» Stalder erklärt, wie dieses Biotop durch Daten­ökosysteme ersetzt wird, die viele Bedürfnisse der Kunden gleichzeitig ­erfassen und befriedigen können. Sein Modell des Marktes im Jahr 2025 basiert darauf, dass Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen bestimmte Bedürfnisse entwickeln, vom Bedürfnis des Jugendlichen nach Mobilität (Velo, Auto) über das Wohnbedürfnis und die Vorsorge der jungen Familie bis zum prägenden Gesundheitsthema der Alten.

Massgeschneidertes Angebot

«Im Zentrum steht der Kunde mit ­seinem Smartphone», sagt Stalder, «und der Kunde der Zukunft wird alles mit ­diesem Smartphone angehen.» Die Frage für die Unternehmen wird daher sein: «Wie kreiere ich die ­Anziehungskraft, dass die Kunden bei mir landen?» Um das Bedürfnis Fahren herum müssten verschiedene Industrien ihre Produkte und Dienstleistungen bündeln, um diesen Kunden über den Smartphone-Kanal ein massgeschneidertes Angebot zu machen: Fahrlehrer, Automobilin­dustrie, die Leasingindustrie, Versicherungen. «Diese bilden zusammen ein Ökosystem», sagt er, «und dafür brauchen sie Plattformen.»

Das werde die Struktur der Unternehmen verändern: «Eine Versicherung wird dann im Frontoffice über App-Schnittstellen, ein Kontakt-Center und ein Datenanalyse-Center operieren, und im Backoffice werden Finanz-, Risiko- und Kapitalmanagement integriert werden.» Die Industrien würden sich themenorientiert gruppieren, sein «System 2025» wird teilweise «robotisiert» sein.

Das Erweckungserlebnis

«Jeder CEO weiss, dass zwischen dieser alten und der neuen Welt eine fundamentale Transformation passieren muss», sagt Stalder. Strategien und Geschäftsmodelle würden sich ändern, auch für die Prüfkonzerne. Wirtschaftsprüfer würden die Kosten mit Robotern senken, somit auch die Preise. Stalder glaubt sogar, dass der Posten des Konzern-Finanzchefs zugunsten einer integrierten Funktion verschwinden werde. EY-Prüfer sollen künftig auf eine Industrie fokussiert sein, EY soll strategische Lösungen anbieten, und dies auf Regionen konzentriert.

Als digitales Erweckungserlebnis nennt Stalder den Versicherungskonzern Mobiliar. Ausgerechnet die behäbige Mobiliar, die älteste private Versicherungsgesellschaft der Schweiz, kaufte sich im Frühling 50 Prozent an der Internetfirma Scout24 Schweiz, die Online-Marktplätze wie AutoScout24, ImmoScout24 oder Anibis betreibt. Dort werden andere Kennzahlen betrachtet als in einem Versicherungskonzern: 26 Millionen Visits im Monat, das ist die Kennzahl von Scout24 in der Schweiz. Was will die Mobiliar damit?

Versicherungsvertreter werden verschwinden

Es ist so einfach wie brutal: Der Beruf des Versicherungsvertreters wird weitgehend verschwinden. Policen werden bereits heute und mit rasantem Wachstum im Internet verkauft. Die Kunden schliessen jetzt schon in wenigen Minuten über ein Online-Formular eine Autoversicherung ab. Bald werden auch Vorsorgeprodukte so vertrieben – über die Website der Versicherung, vor allem aber über Online-Marktplätze und angebliche Vergleichsportale, die in Wirklichkeit verdeckte Marketingmaschinen sind.

Roboter ersetzen Telefonberater. Marktexperten rechnen mit einer radikalen Umwälzung in der Branche: Die Beratung auf dem Sofa im Wohnzimmer des Kunden ist passé, der gesamte Vertrieb wird digitalisiert. Wer schneller ist, gewinnt. Das ist bitter für Tausende von Vertriebsvertretern, aber eine Chance für Internet-Worker.

Eine PwC-Studie zeigt: Bereits 22 Prozent der Versicherten favorisieren den Abschluss über das Internet, rund 70 Prozent informieren sich online, bevor sie offline abschliessen. «Analytics und Big Data werden in den kommenden Jahren das Geschäftsmodell komplett wandeln», erklärt PwC, «der ‹Chief Data Officer› wird zur neuen Schlüsselperson.»

Genau um Big Data geht es der Mobiliar. Denn die 26 Millionen Besucher hinterlassen auf den Scout-Portalen jeden Monat mehrere hundert Millionen Einzeldaten, aus denen sich ihre Bedürfnisse und Pläne ablesen lassen.

Schürfen im Datensteinbruch

In diesem Wissen steckt das neue Gold. Einige Erkenntnis-Synergien liegen auf der Hand: Wer auf Scout24 ein neues Auto sucht, wird wohl bald eine neue Versicherungspolice für das Fahrzeug abschliessen. Aber es braucht auch intelligente Software-Lösungen, um aus dem riesigen Meer unstrukturierter Daten die werthaltigen Informationen herauszuschürfen. Sie müssen die Daten inde­xieren, strukturieren, filtern und analysieren. Und mit selbstlernender Software entdecken Analytiker sogar wertvolle Antworten, nach denen man gar nicht ­gesucht hat.

Wie ihre Kunden müssen sich auch deren Prüfer und Berater verändern – hin zu Faktencheckern und Datenberatern. Alle Prüfgesellschaften haben bereits in Einzelsegmenten ihre digitale Expertise ausgebaut, zum Beispiel in der Abwehr von Cybercrime und in der Aufklärung von Wirtschaftskriminalität. Sie konkurrieren auf diesem Feld nun mit Beratungskonzernen wie Accenture, Alix- Partners oder Stroz Friedberg.

Die Big Four, wie PwC, Deloitte, EY und KPMG genannt werden, wachsen. Sie beschäftigen weltweit rund 819'000 Mitarbeiter. Allein in der Wirtschafts­prüfung setzen sie global 46 Milliarden Dollar um. Besonders weit im strategischen Umbau ist Deloitte. Wie EY hat auch Deloitte mit Simon Owen in der Schweiz einen neuen CEO. Der Umsatz der Landesgesellschaft hat sich in den vergangenen sechs Jahren mehr als verdoppelt, und die Mitarbeiterzahl ist rasant auf fast 1500 gestiegen. Deloitte hat unter den Big Four heute das grösste Advisory-Geschäft.

Späte Krisenfolgen

Der Grund dafür ist historisch darin zu suchen, dass es Deloitte nach dem Kollaps des Prüfkonzerns Andersen nicht ­gelang, die Advisory-Sparte lukrativ zu verkaufen – wegen der Gefahr von Interessenkonflikten.

Auch KPMG digitalisiert ihre Dienstleistungen mit Datenanalysewerkzeugen – beispielsweise zur Bewertung von Reputations- und Prozessrisiken mit Echtzeit-Analysen und Stimmungskorrelationen in sozialen Medien oder der Optimierung der Compliance in Steuerfragen mit einer analysegestützten «Tax Intelligence»-Lösung. KPMG investiert auch massiv in strategische globale Allianzen mit führenden Anbietern von Technologien zur digitalen Transformation.

Gefragte Datenspezialisten

Man kann den Anbruch der neuen Zeit an den Jobportalen der Big Four ablesen. Sie suchen einen «Senior Consultant Master Data Management», einen «Legal Data Compliance», einen «Consultant Data Analytics & SAP HANA», einen «Manager Cyber Defense Services» oder einen «Certified Information Systems Security Professional». Die gefragten Datenspezialisten sollen sich in Analysesystemen wie den Business Intelligence Tools auskennen, sie sollen in offenen Internetquellen («open source») recherchieren oder Netze untersuchen, über die unsere Daten fliessen.

Sogar Leute aus der Geheimdienstwelt sind gefragt. Gesucht wird zum Beispiel explizit ein Analyst mit Zertifikat vom NSA/CSS Threat Operations Center (NTOC), einer zentralen Einheit der US-Nachrichtendienste zur Echtzeit-Analyse von Cyberattacken. Und es ist keine Frage, dass diese Teams internationale Einheiten sein müssen. Denn viele der gefragten Ausbildungen können in der Schweiz gar nicht erworben werden. Solche Dienste verändern daher auch das Innenbild der Prüfkonzerne: Graue Buchhalter-Typen werden von Multikulti-Nerds verdrängt.

Marcel Stalder von EY jedenfalls sieht den Aufbruch in eine intelligente Welt: «Wir werden nicht nur ein Smart Home haben. Wir werden Smart Cities erleben. Am Ende einen Smart Planet.»

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