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Europa-Park Rust: Nie vom Gas gehen

Er ist der Freizeitpark der Schweizer – liegt aber im badischen Rust. Wie die bodenständige Eigentümerfamilie Mack ihren Europa-Park zu einer einzigartigen Erfolgsgeschichte gemacht hat.

Von Dirk Ruschmann
28.09.2006

Kein Mann wird hier gestehen, dass ihm flau ist in der Magengegend – zumal beim Anblick der fröhlich quiekenden Kinder in den vorderen Reihen. Aber wem es hier oben nicht doch ein wenig mulmig zumute wird, der fühlt vermutlich überhaupt nichts mehr. In 73 Metern Höhe auf einer schmalen Stahlschiene, unten der betonierte Parkplatz, windumweht und gehalten von einem schmächtigen Bauchbügel; da braucht man entweder kindliches Urvertrauen in die Technik, oder man stellt sich unweigerlich die Sinnfrage.

An der Spitze des Lifthügels wartet eine Fahrt, oder besser ein Sturzflug in die Tiefe, der den „Silver Star“ auf 130 Stundenkilometer beschleunigt. Für einige Sekunden fühlt man Schwerelosigkeit, schwebt zwischen Sitz und Bügel, spürt im Tal den Druck des vierfachen Körpergewichts und rast auf den nächsten Berg zu. Die heldenhaftesten Achterbahnfans drängen in die vordere Reihe, dabei ist es hinten am schlimmsten: Während die ersten Wagen langsam in die Abfahrt hineinbeschleunigen, werden die hinteren Fahrgäste regelrecht über die Kuppe katapultiert und heben schon dort mit ihrem Hosenboden von der Sitzfläche ab.

Mit dem „Silver Star“, 18 Millionen Euro teuer und im März 2002 eröffnet, hat der Europa-Park die höchste Achterbahn Europas. Superlative verkaufen sich immer gut. Aber schon vor diesem „Hyper Coaster“ ging es steil aufwärts im badischen Rust. Seit der Gründung im Sommer 1975 hat sich der Park zum grössten saisonalen Freizeitpark der Welt aufgeschwungen. Im vergangenen Jahr kamen fast vier Millionen Menschen, die parkeigenen Hotels verbuchten 400 000 Übernachtungen. Die Besucherzahl ist 2005 um ein Fünftel gestiegen, mit diesem Wachstum hat Rust alle grossen europäischen Parks abgehängt. Das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ wählte ihn unter die zehn besten Themenparks der Welt.

Franz Mack, der unternehmungslustige Senior der Eignerfamilie, hatte zusammen mit Sohn Roland die Eingebung, einen Freizeitpark zu gründen, in luftiger Höhe - auf dem Rückflug nach einem Disneyland-Besuch.

„Der Pleitegeier kreist über Rust“, mutmasste die „Badische Zeitung“ kurz vor der Eröffnung. „Für meinen Vater war es damals ein ziemliches Wagnis“, erinnert sich Roland Mack. Im Dreiländereck bei Rust, wo es keine grossen Städte gibt, trat er gegen die früher gestarteten Parks Phantasialand bei Köln und Holiday Park (nahe Mannheim) an. Tatsächlich drohte aber nie die Pleite, ganz im Gegenteil: Der Park expandierte ständig, bis heute dürften die Macks 450 Millionen Euro investiert haben, davon „kein einziger Cent öffentliche Subvention“, darauf legt Roland Mack Wert.

Im ersten Betriebsjahr 1975, der Eintritt kostete umgerechnet drei Euro, gab es 15 Attraktionen, geruhsame Fahrgeschäfte wie Westerneisenbahn oder „Mississippidampfer“. Die Anlagen hatten bereits transportfertig im nahen Waldkirch gelagert. Hier steht das Werk der „Mack Spezial-Fabrik“, gegründet 1791. Die Macks hatten jahrhundertlange Erfahrung im Bau von Fahrzeugen für Schausteller, Wohnwagen, Festzelten und mobilen Fahrgeschäften. Mit dem Park kam für Mack Rides, wie die Firma inzwischen heisst, eine neue Produktpalette: erdverbundene Achterbahnen, die heute für 95 Prozent des Geschäfts stehen. Ähnlich hoch ist auch der Exportanteil. Die Waldkircher Firma macht mit 100 Mitarbeitern rund 20 Millionen Euro Umsatz, entwickelt und baut die meisten Bahnen im Europa-Park selbst, verkauft die berühmte „Wilde Maus“ an fahrende Schausteller und dient mit ihrem Know-How als Problemlöser in Freizeitparks auf der ganzen Welt.

In den ersten Jahren gab es immer mal wieder Streit. Schon vor der Park-Eröffnung witterte der vormalige Besitzer des Schlosses Balthasar, einer ehemaligen Wasserburg aus dem Mittelalter, einen „Dauerrummelplatz inmitten eines denkmalgeschützten Parks“. In der lokalen „Lahrer Zeitung“ wurden düstere Untergangsszenarien für den Baumbestand beschworen. Tatsächlich integrierte Roland Mack das Schloss und die uralten Bäume mitsamt dem Flüsschen Elz behutsam in den Park. Mack, der mit 24 Jahren, von Anfang an also, die Geschäftsführung des Parks übernahm, sieht in dieser „grünen Lunge“ ein wichtiges Asset: „Ältere Menschen und Familien ziehen sich gern eine Zeitlang in diesen ruhigen Bereich zurück und entspannen“. Kein einziger Baum fiel.

70 Hektaren belegt der Park mittlerweile, seit 2002 hat er seine eigene Autobahnausfahrt. Ruster Bürger haben Restaurants eröffnet oder ihre Häuser mit Gästezimmern ausgebaut, zudem profitiert die 3500-Seelen-Gemeinde von den Gewerbesteuern, die Mack zahlt. 3000 Arbeitsplätze bietet der Park, indirekt sichert er 8000 Stellen. Phantasialand und Holiday-Park sind längst abgehängt, wichtigster Konkurrent ist heute Euro-Disney in Paris.

Motor dieser Entwicklung ist der Maschinenbau-Ingenieur Roland Mack. „Ein Unternehmer unternimmt und geht damit Risiken ein“, sagt er - nicht ohne Stolz. Tatsächlich ist Mack ein typischer Mittelständler; keiner, der vor Entscheidungen eine Kohorte Marktforscher losschickt und anschliessend ins Controlling wandert, um sich bei den Zahlenhengsten abzusichern. „Wenn man hier schnell eine Entscheidung braucht“, sagt ein Parkmitarbeiter, „geht man am besten zu Roland Mack – dann gehts ruckzuck“.

Als sich kein Partner fand, um die Gastronomie zu betreiben, machte Mack es eben in Eigenregie. Nie zuvor hatte er mit der komplizierten Logistik für Lebensmittel zu tun, heute ist die Gastronomie im Park ein wichtiger Gewinnbringer. Vor zehn Jahren dann suchte Mack einen Partner für Bau und Betrieb der Hotels. Wieder erfolglos, wieder machte er es notgedrungen selbst, wieder brummt das Geschäft. Die Belegungsraten liegen rekordverdächtig hoch, bei über 90 Prozent, im Sommer sind die 4100 Betten regelmässig ausgebucht.

Bauchgefühl, Erfahrung und Risikobereitschaft – schön und gut. Waghalsig wurden die Macks trotzdem nie. Bei einem derzeitigen Umsatz von runden 200 Millionen Euro dürfte die Gewinnmarge deutlich über zehn Prozent liegen. Das reicht aus, um die Investitionen zu stemmen, die zuletzt im Schnitt bei 20 bis 30 Millionen in einem Jahr betrugen.

Das eigentliche Erfolgsrezept, das Alleinstellungsmerkmal des Europa-Parks liegt in seiner Vielfalt und Ursprünglichkeit –keine leblose Ansammlung von Fahrgeschäften, wie sie die Disney-Gruppe gern aus dem Boden stampft. Zu den Achterbahnen in Rust, lärmschonend in einem Areal zusammengefasst, gesellen sich das historische Schloss, umrahmt von Gärten und Wasserspielen, sowie die zwölf europäischen Themenbereiche. Hier sind liebevoll landestypische Dörfer und städtische Plätze nachgebildet, im Bereich Griechenland etwa die weissgetünchten Quadrathäuser, in England Pubs in Fachwerkbauten, daneben niederländische und skandinavische Holzarchitektur oder eine italienische Piazza. Das Holz für die Schweizer Häuser stammt komplett aus dem Wallis. Dazu servieren die Imbiss-Stände Souvlaki, Paella, Elsässer Flammkuchen oder Raclette in erstaunlicher Güte: Wie stilechte Kurzaufenthalte im Ausland. In einer norwegischen Stabkirche kann man heiraten. „Wir hatten natürlich auch Glück, dass das Thema ‚Europa’ eine solche Bedeutung bekam“, resümiert Mack.

Unablässig kurvt Mack mit dem Elektrokarren durch den Park und sieht nach dem Rechten. Dieses Mehr an Einsatz, verglichen mit Freizeitkonzernen wie Disney oder der US-Kette Six Flags, schlägt sich in aparten Einzelheiten nieder. Blumen schmücken Wege und Geländer, Wartezonen passen optisch zum Themenbereich und bieten Anschauungsmaterial und Ablenkung, statt die Schlange durch trostlose Absperrgitter zu leiten. Zu Anlässen wie Helloween liefern einheimische Bauern an die 200 000 Kürbisse und Mack lässt eine Grusel-Katakombe einrichten; Schauspieler erschrecken Besucher in einer „lebendigen“ Geisterbahn.

Detailreich gestaltete Landschaften mit animierten Puppen und eigens komponierter Musikbeschallung locken Besucher immer wieder in die gleichen Attraktionen: So zieht das Geisterschloss, eine der ältesten Bahnen, viele nostalgische Mehrfachbesucher an. Mack baut aber auch jedes Jahr etwas Neues, und wechselt regelmässig die Shows und Varieté-Programme aus. Fernsehproduktionen und Präsentationen neuer Autos bringen dem Park zusätzliche Werbung ein.

Auf Macks Initiative gehen auch die Konzepte für „Edutainment“ und „Confertainment“ zurück – im Park gibt es keine reinen Kulissen, alle Bauten werden benutzt, als Lager, Restaurant oder für Konferenzen. Sogar im portugiesischen Segelschiff „Santa Marian“ findet sich ein Tagungsraum. Eine Gruppe katholischer Bischöfe stieg nach ihrer Konferenz in den Silver Star, alle überstanden den Ritt unbeschädigt. Im „Science House“ sehen Jugendliche wissenschaftliche Experimente – das hilft Lehrern, Schulausflüge in den Park bei der Aufsichtsbehörde zu begründen. Nebengeschäfte wie Gastronomie und Tagungen erwirtschaften inzwischen die Hälfte des Umsatzes.

Drei Viertel aller Besucher sind Wiederholungstäter – ein grosser Vorteil gegenüber anderen Parks. Den Mystery-Park in Interlaken etwa, „eher ein Museum“, wie Roland Mack sagt, besucht man ein Mal, dann hat man’s gesehen. „Von aussen sieht der Park noch am besten aus“, sagt eine Touristik-Expertin aus Interlaken, und spielt damit auf die spacige Architektur an. Gegründet hat die Anlage Erich von Däniken, Fachmann für Ausserirdisches. Sein Mystery-Park lockt nur einen Bruchteil der angepeilten halben Million Besucher an und dient vor allem als Schlechtwetteralternative für Jungfraujoch-Touristen.

Der Europa-Park dagegen hat sich vom Tagesausflugsziel zur Destination für Kurzurlaube entwickelt – auf dieses Ziel hat Mack hingearbeitet. Deutsche Konkurrenten wie Phantasialand haben sehr spät nachgezogen mit einem Hotelbau, Disneyland Paris klotzte gleich zu Beginn sieben Hotels mit fast 6000 Zimmern aufs Gelände und rutschte blutrot ins Minus. Roland Mack hat sich Zeit gelassen, aber im richtigen Moment gehandelt.

In der Schweiz kennt Mack sich aus. „Zum Träumen“ zieht er sich in sein Ferienhaus im Walliser Chandolin zurück. Die Einschienenbahn „EP-Express“ hat er bei von Roll in Thun fertigen lassen, den Silver Star haben die Coaster-Experten Bolliger & Mabillard aus Monthey VS gebaut. Jeder fünfte Parkbesucher ist Schweizer, und jeder zehnte Schweizer kommt jedes Jahr. Nach Macks Ansicht wissen die Schweizer insbesondere Qualität und Sauberkeit im Park zu schätzen: Ein Dutzend „Paperboys“ klaubt tagsüber herumliegende Abfälle auf, frühmorgens fegen Einheimische per Hand alle Ecken aus, die die Reinigungsmaschinen nicht erreichen konnten.

Seit Sommer hat der nahegelegene Regionalflughafen Lahr eine Sonderlizenz, Gäste des Europa-Parks landen zu lassen. Mack erwartet, dass vor allem Touristen aus dem arabischen Raum und den Benelux-Staaten die neue Anreisemöglichkeit nutzen werden. „Man muss in unserem Geschäft ständig den Fuss auf dem Gaspedal lassen“, sagt der Unternehmer. Seitlich des Parkgeländes in Richtung Autobahn hat Mack Grundstücke gekauft, damit er weiter ausbauen kann: 140 Hektaren, das Doppelte der aktuellen Parkfläche. Das Neue dürfte kein „Mehr vom Gleichen“ werden, sondern etwas anderes, wie eine Shopping-mall oder ein Wasserpark – das die Gäste animiert, noch ein wenig länger in Rust zu bleiben. Auf Wasserfahrgeschäfte ist Mack Rides spezialisiert. Eine Million Übernachtungen hat Mack als Ziel ausgerufen. Diesen Herbst rücken erst einmal die Bagger an, um für ein weiteres Hotel Platz zu schaffen: 4 Sterne im Gewand eines alten portugiesischen Klosters. Vom Gas geht Roland Mack tatsächlich nicht.

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