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«Es wird beides geben: Grossfirmen und Fintech»

Carolin Gabor: Von der BCG-Beraterin zur Fintech-Bude.

Carolin Gabor ist Geschäftsleiterin beim Fintech-Inkubator Finleap. Im Gespräch erzählt sie, wie sie es bis an die Spitze geschafft hat und wie die digitale Transformation bei Banken Einzug hält.

Von Caroline Freigang
20.12.2016

Carolin Gabor bringt die Frauen der Fintech-Welt an einen Tisch. Das «Fintech Ladies Dinner» machte bislang in London, Frankfurt und Berlin halt. Kürzlich kam man auch in Zürich zusammen. Hauptberuflich arbeitet die frühere Beraterin bei Finleap in Berlin, sitzt dort in der Geschäftsleitung. Das Unternehmen ist ein Fintech-Inkubator und gibt Starthilfe für Jungunternehmen.

Im Gespräch erzählt Gabor, wie sie es an die Spitze einer der führenden Fintech-Schmieden geschafft hat und erklärt, wie die digitale Transformation bei Banken und Versicherungen Einzug erhält.

Frau Gabor, Sie bringen Frauen im Fintech- und Insurtech-Bereich zusammen. Hilft das den Frauen bei ihrer Karriere? Immerhin gibt es die Auffassung, dass Frauen mehr von gemischten Netzwerken profitieren.
Carolin Gabor*: Ich möchte zunächst einmal die Perlen unter den Frauen in Europa sammeln, bevor ich die Runde öffne. Meine Erfahrung ist, dass Frauen in gemischten Netzwerken kein Gehör finden – oder gar nicht erst zu Treffen auftauchen. Wenn man eine Einladung nur für Frauen ausspricht, kommen diese plötzlich zusammen. Wenn man dann eine Vertrauensbasis gefunden hat, muss die Runde aber geöffnet werden – sonst sind wir genauso diskriminierend wie die Männer.

Sie selbst sind erfolgreich – wie sind Sie dort hingekommen, wo Sie heute sind?
Ich hatte das grosse Glück, den ersten Teil meiner Karriere in einer relativ geschützten Umgebung zu verbringen. Ich startete bei der Unternehmensberatung BCG, die zumindest damals eher introvertierte Leute anzog. Dort hatte ich Leute an meiner Seite, die mir geholfen haben, stärker aus mir herauszukommen und mich in Meetings mit lauter Männern durchzusetzen. Diese Skills versuche ich jetzt meinen jüngeren Kolleginnen weiterzugeben.

Wird derzeit noch zu wenig für die Frauen gemacht?
Man sollte Ihnen noch früher beibringen, dass das, was man tut, nichts mit dem Geschlecht zu tun hat. Ich selbst habe zwei Töchter und versuche ihnen das mitzugeben. Ausserdem müssen sie lernen, sich Gehör zu verschaffen und verstehen, dass es im Berufsleben um bestimmte Regeln in einem System geht, nach denen man spielen muss, um erfolgreich zu sein.

Sie haben zwei kleine Kinder und arbeiten dennoch 100 Prozent in einer Führungsposition. Wie kriegen Sie das unter einen Hut?
Seit fast fünf Jahren habe ich ein festes Modell: Ich bin kurz nach 18 Uhr zuhause, esse mit meinen Töchtern zu Abend, wir verbringen ein paar Stunden miteinander. Das Telefon nehme ich nur in äusserten Notfällen ab. Gegen 20:15 Uhr liegen meine Kinder im Bett und dann geht es wieder los. Ich erledige Telefonate, bereite etwas vor. Zu dieser Zeit werde ich nicht gestört und bin vermutlich drei Mal so effizient, als wenn ich bis nach 20:00 Uhr im Büro gewesen wäre.

Sie sind weit genug aufgestiegen, Sie können sich ein solches Modell leisten. Was ist mit Frauen, die auf einer normalen Angestellten-Stufe sind?
Das hat auch mit der Form des Unternehmens zu tun: In der Startup-Szene funktioniert ein solches Modell vermutlich viel besser, als in einem Grosskonzern. Wäre ich in die Banken- oder Versicherungsbranche gegangen, hätte vermutlich kein Geschäftsleitungsmitglied akzeptiert, dass ich für ein Meeting um sieben Uhr abends nicht vor Ort gewesen wäre.

Sollten also mehr Frauen gründen?
Das kommt darauf an: Umfassende Sozialleistungen sind in einem etablierten Unternehmen wohl eher gewährleistet. Wenn jemand Alleinerziehend ist und parallel ein Unternehmen gründet, welches zu Beginn unprofitabel oder schlecht finanziert ist, rate ich eher davon ab. Ruhiger schlafen würde man in diesem Fall wohl, wenn man sich von einem Startup anstellen liesse.

Sie sind dabei, mit Ihrem Company Builder Finleap in die Schweiz zu expandieren. Was sind die Pläne hierzulande?
Wir haben noch kein Geschäft in der Schweiz gestartet, strecken aber mit unserem Ambassador und Branchenkenner Marc Bernegger unsere Fühler nach Kooperationspartnern aus. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis eine der Firmen, die wir aufgebaut haben, in die Schweiz expandiert. Die Schweiz ist auch wegen der grossen Versicherungen interessant - denn wir sind dabei, eine Reihe von Insurtechs auf den Weg zu bringen.

Wollen Sie hier einen Inkubator für Fintech aufziehen?
Zunächst geht es um Märkte für unsere Unternehmen. Da Banken- und Versicherungsleistungen aber sehr lokale Themen sind, ist eine eigene Fintech-Schmiede nicht ausgeschlossen.

Laufen die von Ihnen aufgebauten Fintechs und Insurtechs den Grosskonzernen den Rang ab oder kommt es zu Kooperationen?
Wir bauen innovative Geschäftsmodelle, die durchaus eine Chance haben, den grossen Banken und Versicherungen signifikante Marktanteile wegzunehmen. Gleichzeitig haben wir einen sehr kooperativen Ansatz bei FinLeap und haben Unternehmen entwickelt, welche Dienstleistungen für Banken anbieten, um diese digitaler zu machen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es zukünftig beides geben wird: Grossunternehmen, die den digitalen Wandel gemeistert haben und ihre Kunden besser und schneller bedienen werden. Und Fintechs mit einem ganz neuen Ansatz zu Finanzthemen, die eine Marke aufgebaut und Vertrauen von einer grossen Anzahl Kunden gewonnen haben.

Wie kann diese Zusammenarbeit erfolgreich für beide Seiten sein?
Beim grossen Unternehmen muss jemand aus der Führungsetage, womöglich sogar der CEO, die Zügel in der Hand halten und die Zusammenarbeit vorantreiben. Der Fisch stinkt immer vom Kopf: Wenn die Digitalisierung oder die Zusammenarbeit mit Externen nicht von ganz oben unterstützt werden, haben sie keine Chance.

Wo steuert die Schweizer Bankenlandschaft in den nächsten Jahren hin?
Es wird eine starke Konsolidierung geben. Die klassischen Banken werden entweder digitale Meister, was aber eine Menge Geld und noch mehr Mut kostet. Oder sie verkommen zu reinen Technologieunternehmen, welche Standardprodukte effizient und günstig anbieten, ohne dass der Kunde weiss, woher sein Konto oder Kredit kommt. Die Produkte werden gemeinsam mit innovativen Dienstleistungen von Fintechs in einer Plattform, zum Beispiel mobil in einer App, angeboten werden.

Wie sieht es bei den Versicherungen aus?
In der Versicherungsbranche dürften Rückversicherer den Erstversicherungen das Geschäft wegnehmen. Sie sind wesentlich innovativer unterwegs und kooperieren intensiv mit Insurtechs. Ähnlich wie bei den Banken werden von den Erstversicherern nur diejenigen übrig bleiben, die kundenorientierte Produkte und Services anbieten oder sie verkommen zum Software-Anbieter.

*Carolin Gabor ist Managing Director bei Finleap, einem Company-Builder für Fintechs in Berlin. Zuvor war sie Beraterin bei BCG, wechselte dann in die Digitalwirtschaft und führte die Vergleichsplattform toptarif.de und autohaus24.de zum Exit. Finleap hat seit der Gründung im Jahr 2014 zehn Fintechs auf den Markt gebracht, vom digitalen Inkasso-Unternehmen bis zur Techplattform mit eigener Banklizenz. Der Inkubator hat im letzten Jahr seine Mitarbeiter auf über 300 verdoppelt.

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