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«Es ist nicht unser Plan, Issuer zu werden»

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Kreditkarten: Die Kreditkartengesellschaft Visa rückt näher an die Endkunden.Quelle: Getty Images/twing

Die Kreditkartengesellschaft Visa geht zunehmend neue Wege bei Bezahlsystemen. Westeuropa-Chef Albrecht Kiel über Änderungen im Bezahlgeschäft, neue Konkurenten und alte Partner.

Michael Heim
Von Michael Heim
01.06.2018

Herr Kiel, wie offen ist Visa gegenüber neuen, nationalen Zahlungsmitteln wie Twint? Diese sind international nicht verknüpft und im Ausland daher nicht brauchbar. Das könnte doch eine Rolle für Visa sein.
Albrecht Kiel: Zunächst mal sind wir ausreichend damit beschäftigt, unser eigenes Geschäft voranzubringen. Durch die Digitalisierung und das starke Wachstum haben wir genug zu tun. Natürlich sind wir offen für strategische Partnerschaften, und das müssen nicht immer nur globale sein. Sie müssen für uns strategisch sinnvoll sein und eine gewisse kritische Grösse haben. Wir sagen daher nie nein zu Gesprächen, aber das ist nicht unsere allererste Priorität.

Die Deutsche Bank hat vor kurzem angekündigt, für Airlines ein eigenes Zahlungsmittel zu entwickeln, um Kreditkartengebühren umgehen zu können. Braucht es Firmen wie Visa gar nicht mehr?
Zumindest an unseren Zahlen erkenne ich keinen solchen Trend. Im Gegenteil. Durch den Innovationsdruck, das immer internationalere Kaufverhalten und das Reisen nimmt die Nachfrage nach internationalen Partnern im Payment eher zu als ab.

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Aber es ist schon so: Die neue EU-Richtlinie PSD2 ermöglicht neue Zahlungsmittel. Alle Bankkonten werden grundsätzlich für Direktbelastungen geöffnet, jeder kann da ein Payment-App andocken. Das gefährdet Ihr Geschäftsmodell.
Nein, ich sehe darin eher eine Chance. Wir heissen solche neuen Vorschriften willkommen und suchen die Kooperationen. Mit unserer Erfahrung, der Marke und einem weltweiten Netz sind wir für Banken die besten Partner, um neue Vorschriften umzusetzen.

Der Markt verändert sich rasant. Fehlt Ihnen nicht zunehmend der direkte Kontakt zu Kunden, um Ihre Innovationen umzusetzen? In der Schweiz wurden Samsung Pay und Apple Pay lanciert, aber die meisten Kartenherausgeber machen nicht mit. Kommt das Vier-Parteien-System in Zeiten des Umbruchs an seine Grenzen?
Nein. Das Vier-Parteien-System mit den Banken ist eine Erfolgsstory. Es hat in den letzten 60 Jahren dazu geführt, dass heute 3,2 Milliarden Visakarten im Umlauf sind. Wir sehen uns als Partner. Und Partnerschaft heisst, dass wir mit diesen vier Parteien zusammen arbeiten – dass wir aber auch neue Partner suchen wie IBM, Samsung oder Paypal. Mit diesen schliessen wir direkt globale Verträge ab, die wir dann den Partnern zur Verfügung stellen. Die dritte Dimension der Partnerschaft ist, dass wir uns auch an Firmen beteiligen wie der Solaris-Bank. Mit dieser sprechen wir auch über das Thema Kartenherausgabe.

Albrecht Kiel

Albrecht Kiel ist Leiter Westeuropa von Visa. Nach Abschluss seines MBA-Studiums in Deutschland und den USA startete Kiel seine Laufbahn in der Medienindustrie in Deutschland und Österreich. Seit 1998 ist er in leitenden Positionen der Finanz- und Versicherungsbranche in Deutschland tätig, zunächst für fünf Jahre als Marketing Direktor bei der AXA. Als Vorstandsvorsitzender der Direct Line Versicherung AG führte er das deutsche Direktversicherungsgeschäft der Royal Bank of Scotland und danach das europäische Direktversicherungsgeschäft der Allianz. Zudem beriet er als Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Digitalisierung, Vertrieb und Marketing bei Bearing Point Finanzdienstleistungsunternehmen in Deutschland und Europa.

Albrecht Kiel, Leiter Westeuropa Visa

Sie haben das Problem, das Sie Innovationen wie Apple Pay nicht in den Markt kriegen. Ist die Lösung nun einfach, dass Sie selber Kartenherausgeber werden?
Nein, es ist nicht unser Plan, Issuer zu werden. Es liegt in der Natur von Innovationen, dass nicht jede von ihnen sofort ein Erfolg wird. Auch die Kontaktlos-Zahlung war vor ein paar Jahren eine Innovation. Das wurde zu einer Erfolgsgeschichte, die das Einkaufen beschleunigt hat. Bitte geben Sie manchen Innovationen auch eine Anfangszeit.

Aber Sie sind als Netzwerk-Betreiber heute aktiver als früher. Damals wickelten Sie einfach im Hintergrund die internationalen Zahlungen ab.
Wir profitieren von der Fusion zwischen Visa Europe und der amerikanischen Visa Inc. im Jahr 2015. Teil eines Unternehmens mit Hauptsitz im Silicon Valley zu sein, gibt ganz neue Möglichkeiten. An der Struktur des Vier-Parteien-System hat sich nichts geändert. Sehr wohl aber an der Nachfrage der Kunden, die mit uns zusammenarbeiten wollen.

Im Internet haben die Kreditkarten lange sehr auf die Karte Sicherheit gesetzt. Das Bezahlen ist kompliziert. Haben Sie das Sicherheitsbedürfnis der Kunden nicht schlicht überschätzt? Ich will doch nicht mehr als einen Benutzernamen und ein Passwort eingeben, um eine Zahlung zu machen.
Sie haben vollkommen recht. Es gibt zwei Erwartungen: Sicherheit und Convenience. Ich bin voll bei Ihnen; im Laden ist das Bezahlen mit einer kontaktlosen Kreditkarte an Convenience nicht zu überbieten. Natürlich ist es unsere Vision, das Zahlen auch online so reibungslos wie möglich zu machen. Wie bei In-App-Zahlungen. Da hinterlegen Sie die Karte einmal und das funktioniert dann immer. Aber ich denke, man kann das Thema Sicherheit nicht übertreiben. Wir haben global die wertvollste Marke im Finanzdienstleistungsgeschäft. Die Verbraucher wissen, dass es sicher ist, mit Visa zu bezahlen. Dieses Asset werden wir nie kompromittieren.

Aber muss es Ihnen nicht zu denken geben, dass ich online lieber den Umweg über Paypal mache, statt direkt mit Visa zu bezahlen – nur weil Paypal bequemer ist?
Das würde ich so nicht sagen. Wir haben gerade vor kurzem mit Paypal eine globale Kooperation auch auf den deutschen Markt ausgeweitet, die es Visa-Kunden vereinfacht, mit Paypal zu bezahlen.

Es gibt derzeit eine starke Konsolidierung im Kreditkartengeschäft. SIX verkauft ihr Payment-Geschäft an Worldline, welches nun das mit Abstand grösste Unternehmen in Europa ist. Ihre Partner werden immer mächtiger. Das macht das Geschäft nicht einfacher, oder?
Konsolidierung ist etwas, das uns weltweit seit Jahren begleitet. Wir haben hervorragende Beziehungen mit Acquirern in Europa, unser Geschäftsmodell besteht in der langjährigen Zusammenarbeit mit ihnen. Das ist ein wechselseitiges, positives Abhängigkeitsverhältnis. Grösse muss nicht immer nachteilig sein, sondern sie kann auch Prozesse vereinachen. Alles hat Vor- und Nachteile.