Die deutschen Banken geben die negativen Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) zunehmend auch an ihre privaten Kunden weiter.

So erhebt mit der Berliner Volksbank seit diesem Monat erstmals die grösste Volksbank in Deutschland einen Strafzins auf die Einlagen privater Kunden. Er liegt bei -0,5% und gilt nicht nur für sehr Vermögende, sondern bereits ab Einlagen von 100'000 Euro. Das könnte andere Institute folgen lassen.

«Es kommt Bewegung in die Branche und wir erwarten weitere Negativzinsen, zumal eine der grossen Volksbanken jetzt den Schritt gegangen ist», erklärte Oliver Maier, Co-Chef von Verivox-Finanzvergleich, gegenüber Bloomberg. Auch Sebastian Schick von Kontodaten-Anbieter Biallo.de erwartet, dass «in den kommenden Wochen etliche Institute nachziehen dürften».

Deutschlands Banken leiden seit langem unter geringer Profitabilität. Der negative Einlagensatz, den die EZB ihnen für das Parken von Geldern berechnet, verstärkt das Problem. Zuletzt fielen hierfür insgesamt 2,4 Milliarden Euro im Jahr an. Bislang scheuten sich viele Banken, die Kosten an private Kunden weiterzugeben, auch aus Angst, diese zu vergraulen.

Freibetrag beträgt nur 100'000 Euro

Die Berliner Volksbank begründete den Strafzins für neue Privatkonten mit der jüngsten Entscheidung der EZB, den Einlagensatz um weitere 10 Basispunkte auf damit -0,5% zu senken.

Für die Deutsche Skatbank, die ebenfalls zum Genossenschaftsektor gehört und seit diesem Monat -0,5% auf private Einlagen ab 100.000 Euro verlangt, ist es nach eigenen Angaben «betriebswirtschaftlich nicht mehr zu verantworten, den EZB-Negativzins in vollem Umfang weiterhin zu tragen».

Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken deutete an, dass andere Institute folgen könnten. «Eine weitere Ausdehnung der betroffenen Kunden oder Produkte ist nicht ausgeschlossen», sagte Sprecherin Cornelia Schulz. Das entscheide aber jede Bank für sich selbst.

Laut Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ziehen kleinere und mittelgrosse Banken in ihren Planrechnungen vermehrt eine mögliche Weitergabe negativer Zinsen an Kunden in Betracht. Bislang treffe dies allerdings vor allem Geschäftskunden und vermögende Privatkunden.

Biallo.de hat inzwischen 34 deutsche Banken, die Strafzinsen auf private Einlagen verlangen, in der Datenbank. Einige Institute tun dies zwar bereits seit längerem, haben zuletzt aber die Gebührenstruktur verschärft. «Wir sehen einen generellen Trend, dass Strafzinsen erhöht und Freibeträge gekürzt werden», sagt Schick.

Deutsche Bank sieht Handlungsbedarf

Die grossen überregionalen Banken halten sich bislang weitestgehend zurück, hatten zuletzt aber Handlungsbedarf angedeutet.

So erklärte James von Moltke, Finanzchef der Deutschen Bank AG, sein Institut müsse robuster dabei sein, die Konsequenzen der negativen Zinsen zu teilen. Und Stephan Engels, Finanzchef der Commerzbank AG, kündigte fokussierte Diskussionen mit Kunden an, die Gelder oberhalb gewisser Grenzen hätten.

Etwas mehr als die Hälfte der Bundesbürger würde wahrscheinlich die Bank wechseln, sollte ihr eigenes Institut negative Zinsen auf Guthaben einführen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Managementberatung Investors Marketing, für die mehr als 2000 Privatkunden befragt wurden.

«In jedem Fall muss den Instituten bewusst sein, dass sie Kunden, die sie im Zuge dieser Massnahmen verloren haben, nicht so leicht zurückgewinnen werden», sagte Oliver Mihm, Vorstandschef von Investors Marketing.

(bloomberg/tdr)

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