Friedrich Dürrenmatt war kein knallharter Neoliberaler. Aber wenn er auf die kleinste sprachliche Minderheit zu sprechen kam, wurde er sarkastisch: «Die vierte Schweiz, die rätoromanische, gibt es nur noch literarisch.» Und in einem Interview ergänzte er: «Es gibt nicht Schweizer, sondern es gibt Deutschschweizer, Welschschweizer, Tessiner, Reste von Rätoromanen, etwas künstlich gepflegt, es gibt jüdische Schweizer, es gibt sogar mohammedanische Schweizer.»

Das gilt heute erst recht. «Von der Viersprachigkeit zur Vielsprachigkeit», titelte das Bundesamt für Statistik neulich. Mit jeder Volkszählung werden wir alle gefragt: «Welches ist die Sprache, in der Sie denken und die Sie am besten beherrschen?» Auf den Plätzen eins bis drei stehen Deutsch, Französisch, Italienisch. Auf Platz vier ist neu Serbokroatisch (1,4 Prozent der Bevölkerung), gefolgt von Albanisch, Portugiesisch, Spanisch, Englisch (1,0 Prozent der Bevölkerung), Türkisch – und auf Platz zehn Rätoromanisch. Hier braucht es die Stellen hinter dem Komma, um die Dramatik des Verfalls abzubilden: 2000 gab es noch 0,48 Prozent Rätoromanen, 1990 waren es 0,58 Prozent; 1950 waren es immerhin 1,0, 1860 noch 1,7 Prozent, und das Maximum wurde mit 2,2 Prozent erreicht im Jahre 1803, als der Kanton Graubünden der Eidgenossenschaft beitrat. In letzter Zeit verliert das Rätoromanisch sogar «in absoluten Zahlen, und zwar massiv», teilt das Bundesamt für Statistik mit.

An mangelnder Solidarität der Mehrheit kann es nicht liegen. Rätoromanisch wird vom Bund gefördert, für dieses Jahr wurde das Budget sogar leicht aufgestockt auf 4,6 Millionen Franken. Via Kulturstiftung Pro Helvetia gehen ebenfalls überproportional viele Mittel an die Rätoromanen. Am stärksten gefördert wird die vierte Landessprache durch die SRG SSR idée suisse, die für die Radio- und TV-Programme in rätoromanischer Sprache pro Jahr gut 21 Millionen Franken ausgibt und immerhin 90 Vollzeitstellen beschäftigt. Das ist, verglichen mit dem Publikum, eine starke Belegschaft: Zurzeit geben gerade noch 35 095 Personen an, Rätoromanisch zu denken und diese Sprache am besten zu beherrschen.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese schwindende Minderheit nicht eine Sprache spricht, sondern fünf romanische Idiome in mündlicher und schriftlicher Form. Erst vor zwei Jahrzehnten wurde die neue «Hochsprache» Rumantsch Grischun erschaffen, die bei den Betroffenen aber kaum akzeptiert wird. Trotzdem wird der Weltkonzern Microsoft ab Herbst eine rätoromanische Office-Version bereitstellen, subventioniert vom Kanton Graubünden mit Bundesmitteln. Ab diesem Jahr erscheinen auch alle Lehrmittel für die Schulen nur noch auf Rumantsch Grischun, obschon es dagegen Proteste gab.

Eine Zukunft hat eine solche Sprache nicht. Sogar der an der Universität Zürich lehrende Romanischprofessor Clà Riatsch gibt zu, ihm habe sich eine neue Welt eröffnet, als er mit zehn Jahren endlich Deutsch gelernt habe. «Plötzlich konnte ich Karl May lesen», schreibt er im «Tages-Anzeiger». «Rumantsch Grischun hingegen eröffnet nichts Neues – ausser vielleicht dem Eherecht und dem Militärreglement.»

Quelle: Jean-Jacques Furer: Die aktuelle Lage des Romanischen. Bundesamt für Statistik, Neuenburg, April 2005. Als PDF unter www.bfs.admin.ch.

Markus Schneider, Journalist und Ökonom, Autor von «Idée suisse» und «Weissbuch 2004», beide im Weltwoche Verlag erschienen.

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