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Entziffert von Markus Schneider: Die Wohnfläche pro Kopf beträgt 44 Quadratmeter

Während die Löhne nur noch leicht steigen, können sich die Schweizerinnen und Schweizer markant grössere Wohnungen leisten. Wie ist das möglich?

Von Markus Schneider
08.02.2005

Was ist Luxus? Die Antwort kommt aus Tokio und ist eine Zahl in Quadratmetern: neun. So klein ist die Fläche, mit der eine Person im Schnitt auskommen muss.

Im Vergleich dazu wohnt die Schweizerin, der Schweizer auf grossem Fuss. Dies, obschon alle Leute von Wachstumskrise und Stillstand sprechen. Und obschon die Zahl der Bevölkerung bis jetzt weiter zunimmt, allein von 1980 bis heute um eine volle Million. Zwar leben immer mehr Menschen in der kleinen, angeblich stagnierenden Schweiz, aber die Wohnfläche pro Kopf steigt trotzdem. Der zunehmende Luxus ist sogar messbar: 34 Quadratmeter, so viel hat eine Schweizerin, ein Schweizer 1980 im Durchschnitt bewohnt. Zehn Jahre später waren es bereits 39 Quadratmeter, nochmals zehn Jahre später sogar 44 Quadratmeter. Das ist eine satte Steigerung um 30 Prozent, während die realen Löhne im selben Zeitraum nur um 10 Prozent gestiegen sind. – Wie ist so etwas möglich?

Rein theoretisch könnte das Wohnen billiger geworden sein. Doch in der Praxis fand genau das Gegenteil statt, just in den achtziger Jahren kam es zu einer Preisexplosion. In den Neunzigern setzte dann die Normalisierung ein. Seit Mai 1993 steigen die Nettomieten schön parallel zu den übrigen Konsumentenpreisen. Das gleiche Bild bei den Mietpreisen pro Quadratmeter: Sie steigen in letzter Zeit sachte, von 12.80 Franken auf 14 Franken, und das im Zeitraum von 1996 bis 2003, wie die neuste Strukturerhebung des Bundesamts für Statistik zeigt.

Wie zum Teufel können sich die Schweizerinnen und Schweizer pro Kopf trotzdem laufend mehr Raum leisten? Weil laufend neue Wohnungen gebaut, aber nur ein Viertel dieser zusätzlichen Einheiten vermietet werden. Ein zweites Viertel wird von Einfamilien- und Zweifamilienhausbesitzern bestellt, und der grosse Rest, die Hälfte, geht an Stockwerkeigentümer. Diese neue Klasse von Hausbesitzern stellt ganz offensichtlich höhere Ansprüche, die sich in der Zahl der Quadratmeter pro Kopf ausdrücken: Ein Mieter kommt im Schnitt auf 39, ein Eigentümer auf 50.

Wer sind diese vielen neuen Eigentümer? «Die grösste Bedeutung erlangt das Stockwerkeigentum im Alter zwischen 50 und 75 Jahren», heisst es in einer Studie der Credit Suisse. In diesem Alter schätzt man den direkten Lift zur Wohnung. Vor allem ist man alt genug für das nötige Bare. «Unter 40-Jährige versteuern generell nur sehr wenig Vermögen», heisst es in einer Analyse der Zürcher Staatssteuerstatistik. «Zwischen dem 50. und dem 65. Altersjahr setzt dann die Vermögensbildung ein.» Die Kinder ziehen weg, gleichzeitig fallen die Erbschaften an: «50 Prozent der Empfänger sind zwischen 50 und 65 Jahre alt.»

Also lässt sich das Wunder der Flächenvermehrung ganz trivial erklären. Der zusätzliche Raum wird gar nicht aus dem laufenden Einkommen bezahlt, was ja auch kaum möglich wäre, weil die laufenden Einkünfte stagnieren. Die Quelle für zusätzlichen Wohnraum ist das Ersparte, das Ererbte. Und wenn nicht alles täuscht, geht dieser Trend ungehindert weiter. Die Landschaft wird weiter zersiedelt. Vor allem in zentralen Lagen werden laufend neue, durchwegs grosse Wohnungen hinzugebaut. Zum freien Verkauf an Leute, die in der Regel älter als 50 sind – und öfters auf eine Erbschaft zurückgreifen können.

Quelle: Frohmut W. Gerheuser: Wohnversorgung und Wohnverhältnisse.Bundesamt für Statistik, Neuenburg 2004.

Markus Schneider, Journalist und Ökonom, Autor von «Idée suisse» und «Weissbuch 2004», beide im Weltwoche Verlag erschienen. info@markusschneider.ch

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