Unsere Wirtschaft wuchs zwischen 1970 und heute um durchschnittlich 1,5 Prozent im Jahr. Damit steht die Schweiz am Schwanz der Tabelle. In Finnland, Portugal, Norwegen oder Spanien war das Wachstum doppelt, in Irland gar dreimal so gross. Und da dieser Prozess bereits 35 Jahre lang andauert, sei die Schweiz inzwischen «von Irland überholt worden», meldete die OECD aus Paris.

«Das kann nicht stimmen», meinte der Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank, Ulrich Kohli, kürzlich an einer Tagung von Avenir Suisse. Zwar habe die Schweiz tatsächlich ein «Wachstumsdefizit», aber dieses sei «nur halb so schlimm, wie es aussieht». Die andere Hälfte des Problems liege in der statistischen Methode, die letztlich auf drei Buchstaben fusst: BIP, Abkürzung für Bruttoinlandprodukt. Die Betonung liegt also auf dem Inland.

Und genau dies sei falsch. Die Schweiz exportiert zum Beispiel enorm viel Kapital, was dazu führt, dass jedes Jahr eine Rendite von rund 30 Milliarden zurückfliesst, die bei der Messung der Wertschöpfung im Inland (BIP) «vergessen» gehe. Kohlis Fazit: Das Wachstum der Schweiz werde unterschätzt, und zwar massiv: die Zahlen seien «in letzter Zeit um etwa 0,6 Prozent pro Jahr zu tief» ausgefallen.

Der zweite Fehler liege beim Wechselkurs. Wird die inländische Wertschöpfung (BIP) mit andern Ländern verglichen, werden Kaufkraftparitäten gebildet. Das sind für Kohli aber «hypothetische Werte», die das ganze Bild verzerrten. Die gegenwärtige Kaufkraftparität zum Dollar beträgt gemäss OECD 1.80 Franken, während der derzeitige Wechselkurs um 1.20 Franken schwankt. Solche Differenzen fallen natürlich ins Gewicht.

Der dritte Fehler komme davon, dass sich die realen Austauschverhältnisse (Terms of Trade) der Schweiz verbessert hätten. Auf Deutsch heisst dies: Die Preise der Exporte sind in den letzten Dekaden viel stärker gestiegen als diejenigen der Importe. Dadurch haben wir für gleich viel Geld immer mehr importieren können, womit unser Wohlstand klar gestiegen ist – ein Effekt, der bei der Berechnung des BIP schon wieder «vergessen» geht. Erneut werde das Wachstum unterschätzt, wiederum massiv: «Zwischen 1980 und 2003 um etwa 0,4 Prozent pro Jahr.»

Hinzu kommen zwei, drei andere technische Probleme, insgesamt aber ist sich der Chefökonom der Nationalbank sicher: Die Schweizer Wirtschaft sei «in den letzten Dekaden um vielleicht 1 bis 1,5 Prozent pro Jahr stärker gewachsen», als dies die offiziellen BIP-Zahlen ausweisen.

Dies ist keine neue Erkenntnis, sondern steht seit dem Jahr 1880 in einer Tradition. Damals war die Schweiz zweifellos ein armes Land, doch seither ist die Wirtschaft durchweg schwach gewachsen, zumindest gemäss den gängigen Messmethoden. Für Kohli versteckt sich hier das «Wachstums-Paradox der Schweiz»: Bei den Wachstumsraten des realen BIP pro Kopf schneidet die Schweiz von 1880 bis 1995 von zwölf Nationen am zweitschlechtesten ab. «Warum war sie dann trotzdem einmal das reichste Land der Welt?»

Man beachte: Auch Kohli spricht in der Vergangenheitsform. Die Schweiz war einmal das reichste Land der Welt, um 1975 herum. So gut steht sie heute sicher nicht mehr da.

Quelle: Ulrich Kohli: Switzerland’s growth deficit – a real problem, but only half as bad as it looks. Referat vom 4. März 2005 als PDF unter www.snb.ch

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