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Energie: Atombarone im Gegenwind

Erneuerbare Energie im Vormarsch: Auf dem Strommarkt bläst ein rauer Wind.

Einst galt ihr Geschäftsmodell als Geldmaschine. Dann verschliefen die grossen Stromkonzerne Alpiq, Axpo und BKW die Energiewende. Nun kämpfen sie mit Milliardenverlusten.

Von Stefan Lüscher
02.04.2012

Am 11. März 2011 kam es zu einem schweren Seebeben vor der japanischen Sanriku-Küste. Eine der Folgen waren die Unfälle im Kernkraftwerk Fukushima. Das Beben war bis in die ferne Schweiz zu spüren – wenn auch nicht physisch. Doch in Olten, in Baden sowie in Bern, wo die grössten heimischen Stromkonzerne, Alpiq, Axpo und BKW FMB Energie, ihre Hauptquartiere aufgeschlagen haben, kam es in den folgenden Monaten zu einem heftigen Seilziehen in Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen.

Die Hardliner, die von einem Ausstieg aus der Atomenergie partout nichts wissen wollten, obsiegten. Das hat viel zu tun mit den Machtverhältnissen. Beim grössten Stromkonzern, Alpiq, hält Electricité de France (EDF) ein Viertel der Aktien. Und die Franzosen sind von Kopf bis Fuss auf Kernkraft eingestellt; der Staatskonzern erwirtschaftet mit 58 Kernkraftwerken einen Umsatz von 65 Milliarden Euro. «An den Sitzungen ging es oft sehr laut, ja ruppig zu und her», berichtet ein Mitglied, das aus verständlichen Gründen Anonymität bevorzugt. Doch auch BKW und Axpo wollten nicht von der Atomkraft abrücken. Sie liessen sich nicht einmal beirren, als Energieministerin Doris Leuthard im Sommer 2011 den Atomausstieg der Schweiz bekanntgab.

Fukushima bedeutet für die Big Three, die für mehr als zwei Drittel der schweizerischen Stromproduktion sorgen, das Ende ihrer Energiepolitik, die auf Atom- und Grosskraftwerke setzte. Aber es war auch eine unerwartete Gelegenheit, alte Strategiesünden zu kaschieren. Quasi im Windschatten der japanischen Katastrophe wurden Milliardenabschreiber getätigt, die auch wegen Fehleinschätzungen der Marktentwicklung nötig wurden. ­Alleine Alpiq musste Wertberichtigungen im Umfang von rund 1,7 Milliarden Franken vornehmen. Dazu gesellten sich weitere Schwierigkeiten wie hohe Brennstoffkosten, der starke Franken oder tiefe Strompreise, was unter dem Strich zu einem gewaltigen Konzernverlust von über 1,3 Milliarden führte.

Nicht viel besser über die Runden gekommen sind die beiden Konkurrenten. Bei Axpo sank der Gewinn um neun Zehntel, BKW hat erstmals in der mehr als hundertjährigen Firmengeschichte einen Verlust ausgewiesen. Der Ertragszerfall allerdings hat schon vor Jahren eingesetzt. Im Langfristvergleich jedenfalls vermag keiner der Stromgiganten zu überzeugen (siehe «Kriechstrom» unter 'Downloads'). Im selben Zeitraum haben alle drei die Anzahl ihrer Beschäftigten kräftig ausgebaut, teilweise bis zu 43 Prozent. Nun wird abgebaut; die drei Firmen wollen Hunderte von Stellen streichen.

Noch mehr zu reden als die schlechten Resultate geben die neuen Energiestrategien, haben die drei Strombarone doch Kreide gefressen. Bei der BKW steht unversehens die Stromproduktion primär aus Wasser und Wind im Vordergrund. Axpo will die erneuerbare Energie kräftig ausbauen. Total sollen bis 2030 nicht weniger als 21 Milliarden ­investiert werden. Auch Alpiq hat ihre Liebe zu Wind- und Solarkraft ziemlich plötzlich entdeckt.

Europaweites Überangebot. Gegen den Vorwurf, sie hätten den Einstieg in erneuerbare Energien verpasst, protestieren die Atombarone vehement. «Wir haben verschiedene Projekte erfolgreich umgesetzt. Aber man kann diese Um­stellung nicht von einem Tag auf den ­anderen bewerkstelligen», sagt Hans Schweickardt, Präsident und Interims-CEO von Alpiq, gegenüber BILANZ. Auch Heinz Karrer, höchster Stromer bei Axpo, will nicht als Schlafmütze gelten: «Im Gegenteil. Axpo ist schon heute die grösste Schweizer Produzentin und Anbieterin im Bereich der neuen und erneuerbaren Energien.» BKW-CEO Kurt Rohrbach liefert Zahlen: «Wir haben über die letzten Jahre mehr als eine Milliarde Franken in den Ausbau der erneuerbaren Energie gesteckt. Alleine letztes Jahr waren es rund 250 Millionen.»

Eine imposante Summe – zumindest auf den ersten Blick. Als Vergleich diene die Elektra Birseck Münchenstein (EBM). «Wir haben schon vor Jahren unser ­Geschäftsmodell auf erneuerbare Energien ausgerichtet», sagt stolz CEO Hans Büttiker. Dabei investierte die Genossenschaft, die Kunden im Unterbaselbiet sowie im Elsass mit Strom beliefert, seit 1990 rund 300 Millionen Franken in diesen Zweig. Nur sind die Baselbieter ­bedeutend kleiner als die mächtige Konkurrenz; auf die Umsatzverhältnisse von Alpiq hochgerechnet, hätte der Oltener Konzern bislang zwölf Milliarden investieren müssen.

Experten rücken die Selbstbeweihräucherung der Strombarone in ein anderes Licht. «Sie haben den Einstieg in erneuerbare Energien klar verpasst», lautet das Verdikt von Matthias Fawer, Energiespezialist bei der Bank Sarasin. Auch Michael Kaufmann, Stiftungsrat der Schweizerischen Energie-Stiftung und von 2004 bis 2011 als Vizedirektor des Bundesamtes für Energie für den Sektor erneuerbare Energien verantwortlich, drückt denselben Schalter: «Die drei Stromkonzerne sind viel zu spät in erneuerbare Energien eingestiegen. Zudem schöpfen sie lange nicht das ganze Potenzial aus, das sich in diesem Bereich bietet.» Hart urteilt auch Nick Beglinger, Präsident des Verbands Swisscleantech: «Sie haben bis heute keine echte Energiewende vollzogen. Auch politisch gaben sie sich nie Mühe, erneuerbare Energien und Energieeffizienz genügend stark zu propagieren.»

Wer zu spät kommt, den bestraft der Markt. Und dort brechen den Big Three immer mehr einst erfolgreiche Geschäftsmodelle weg. Denn der Strommarkt befindet sich in einem rasanten Umbruch, der von den führenden Energiekonzernen zu spät erkannt wurde. «Europaweit ist ein Überangebot an Strom von 10 bis 15 Prozent feststellbar. Und dies sogar nach dem Abschalten von acht Atomkraftwerken in Deutschland», sagt Andreas Escher, Energieanalyst bei der Bank Vontobel.

Die Stromschwemme hat verschiedene Ursachen. So drückt die schwache Konjunktur auf die Nachfrage. Gleichzeitig wurde das Angebot an Wind- und Solarenergie ausgebaut, angeheizt von riesigen Subventionen vor allem in Deutschland. Mit dem Überangebot fielen die Grosshandelspreise. Die goldenen Zeiten sind im europaweiten Stromhandel, wo die Schweizer eine starke Stellung haben, vorderhand vorbei.

Zeitweise fliesst Strom derart reichlich, dass er gratis abgegeben werden muss – nur damit die Netze nicht zusammenbrechen. Dies vor allem über Mittag, wenn massig Solarenergie anfällt. Das waren einst die goldenen Stunden der Schweizer Energiekonzerne. Sie sind die Weltmeister im Veredeln von Strom und haben Milliarden in neue Pumpspeicherkraftwerke investiert. Diese pumpen mit billigem Nachtstrom Wasser ins Speicherbecken, und wenn die Stromnachfrage am höchsten ist, eben über den Mittag, lässt man es rauschen. Ausser keiner will mehr Edelelektrizität. «Es hat wohl niemand erwartet, dass die massive Subventionierung der Sonnen- und Windenergie eine derartig ausgeprägte Konkurrenzierung der Wasserkraft bedeuten würde», meint Kurt Rohrbach von der BKW.

Die Produzenten von erneuerbarer Energie geniessen zum Teil garantierte Abnehmerpreise. Deshalb leiden vor allem Gas-, Kohle- und Kernkraftwerke unter dem Stromüberschuss. Was wiederum künftig zusätzliche Wertberichtigungen erfordern dürfte – ausser die Preise steigen.

Viel Fremdkapital. Kopfweh bereitet den Stromgiganten auch ihre Schuldensituation. Am schlechtesten steht Alpiq da; der Schuldenberg beläuft sich auf 10,5 Milliarden Franken. Die Firma ist praktisch nicht mehr kapitalmarktfähig. Nun wird kräftig restrukturiert, und Kosten werden heruntergefahren. Um Liquidität in die Kasse zu pumpen, sollen in grossem Stil Beteiligungen versilbert werden. Nur hat der Plan Schwächen. Da weite Teile der Energiebranche in Europa unter Überkapazitäten leiden, sind Strom-­Assets kaum noch zu akzeptablen Preisen abzustossen.

Von zu spät eingeleiteten Massnahmen will Alpiq-Chef Hans Schweickardt nichts wissen: «Die Verschlechterung der wesentlichen Markt- und Rahmenbedingungen hat sich 2011 massiv beschleunigt. Diese Entwicklung war in dieser Form nicht absehbar.»

Fakt ist jedenfalls: Die Minderheitsbeteiligung an der italienischen Edi­power wurde zu einem derart schlechten Preis verkauft, dass ein Abschreiber von 435 Millionen resultierte. Unverändert im Schaufenster liegt die Fünf-Prozent-Beteiligung am norditalienischen Energieversorger A2A. Auf Käufer harrt auch die deutsche Alpiq Anlagentechnik Gruppe (AAT), die 500 bis 600 Millionen Euro in die Kasse spülen soll. «Es sind Interessenten vorhanden», meint Schweickardt kurz angebunden.

Das Stromer-Trio Alpiq, Axpo und BKW hat über die letzten Monate viel an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Die Energiewende hat Fehlplanung und Missmanagement aufgedeckt. «Die führenden Stromkonzerne sind träge geworden. Sie mussten sich ja auch nie gross bewegen, das ist ja fast schon ein Oligopol», diagnostiziert Matthias Fawer. Als Lach­nummer entpuppt hat sich auch die sogenannte Stromlücke. Nick Beglinger von Swisscleantech: «Jahrelang haben sie Panikmache betrieben, die Gefahren einer grossen Stromlücke herauf­beschworen. Die Stromlücke ist nie eingetroffen, und sie wird auch künftig nicht eintreffen.»

Frustrierte Aktionäre. Sogar bei den eigenen Aktionären verliert das Terzett zunehmend an Rückhalt. Die Kantone als wichtige Aktionäre beklagen hohe Ausfälle bei den Dividendeneinnahmen und milliardenschwere Buchverluste auf ihren Beteiligungen. Auch kleinere Unternehmen leiden. Beispielsweise EBM; die Baselbieter Stromfirma hält an Alpiq 13,6 Prozent – und gerät deswegen in Teufels Küche. Im Vorjahr überwies Alpiq 32,2 Millionen Franken an Dividenden ins Baselbiet, nach dem kräftigen Schnitt sind es noch 7,4 Millionen. Die Folgen für den regionalen Stromversorger sind gravierend. «Wegen der geringeren Dividendeneinnahmen müssen wir unsere Investitionen stark zurückschneiden», sagt EBM-Chef Hans Büttiker.

Hinter den Kulissen der Energiekonzerne gärt es seit Monaten. Immer lauter wird ein Köpferollen gefordert. Zwar sind die Verwaltungsräte für die verfehlten Energiestrategien verantwortlich; über die Klinge springen müssen jedoch die operativen Chefs. Letzten Herbst hat überraschend der 51-jährige Giovanni Leonardi seinen Chefposten bei Alpiq hingeschmissen. Der Oltener Stadtpräsident Ernst Zingg kennt den Tessiner gut. In einem Gespräch bekam Zingg den Eindruck, dass sich Leonardi «nicht für den richtigen Mann hält, um die Vorgaben des Verwaltungsrats umzusetzen». Aus der Alpiq heraus heisst es auch, ­Giovanni Leonardi habe gehen wollen, bevor er gehen musste.

Wachablösung gefordert. Sesselwechsel auch bei der BKW. Dort wechselt der langjährige CEO Kurt Rohrbach in den Verwaltungsrat. Angeblich war er nicht der richtige Mann, um die neue Energiestrategie umzusetzen. Bislang halten konnte sich der bekannteste Strombaron, Axpo-Chef Heinz Karrer. Und er denkt nicht daran, seinen Stuhl freiwillig zu räumen. «Ich führe den Axpo-Konzern mit Begeisterung und stelle mich auch weiterhin gerne den Herausforderungen der Zukunft. Insbesondere will ich die neu beschlossene Strategie auch umsetzen», betreibt er Werbung in eigener Sache. Doch auch seine Zeit scheint abgelaufen zu sein.

Branchenkenner wünschen sich aber ebenso in den Verwaltungsräten neue Köpfe. «Auch ein Jahr nach Fukushima würden die Manager am liebsten unverändert auf Atomstrom setzen. Deshalb braucht es in diesen Konzernen eine Wachablösung», fordert Michael Kaufmann von der Schweizerischen Energie-Stiftung. Unterstützung erhält er von Swisscleantech-Präsident Nick Beglinger: «Wenn jemand jahrelang auf Atomstrom gesetzt hat und diese Strategie immer wieder begründen musste, fällt es ihm schwer, völlig umzudenken.»

Mit der Energiewende sind auch bei den Verbänden neue Zeiten angebrochen. Das musste Gerold Bührer erfahren; der Chef von Economiesuisse staunte nicht schlecht, als Doris Leuthard ihn nicht einmal anhören wollte, als sie die Energiestrategie aktualisierte. Dafür hat sie die Vorstellungen der ungleich kleineren Swisscleantech aufgenommen, des 2009 vom einstigen McKinsey-Berater Nick Beglinger gegründeten Öko-Verbands. In der Strombranche wird gemunkelt, Bührer habe ABB von einer Mitgliedschaft bei Swisscleantech abgehalten. Wohl nicht zuletzt deshalb erzählt Beglinger mit diebischer Freude, dass die Berner Kantonsregierung den Beitritt der BKW zu Swiss­cleantech «befürworte»; ein Befehl. Der Berner Stromkonzern ist bislang nur bei Economiesuisse Mitglied. Am BKW-Hauptsitz dürften diverse Herren vor Zorn geschäumt haben. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Die Energiewende bricht die in Jahrzehnten gewachsenen, verkrusteten Strukturen im Strommarkt auf, ja führt zu neuen Kräfteverhältnissen. Derweil kämpfen die Strombarone mit dem ­Rücken zur Wand.

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