Liebe Leserin, lieber Leser

Der Manager als «Pissoirwand der Nation» – der Ausdruck von Rainer E. Gut, geprägt an einem seiner seltenen TV-Auftritte Mitte Monat, spricht Bände über die Befindlichkeit der Wirtschaftselite in diesem Land. Ungeliebt waren sie schon immer, unverstanden wohl auch, nun aber wird die Kaste der Firmenlenker offen verhöhnt. «Aufstand gegen die Bosse» lautet die Kampfparole des «Blicks», des linksten Boulevardblattes weltweit, und von links bis rechts stimmen sie immer zahlreicher ein in das lustige, weil risikolos gewordene Gesellschaftsspiel «Hau den Manager». Zuvorderst der SVP-Mörgeli, der den FDP-Villiger in seiner neuen Funktion als Multiverwaltungsrat im Visier hat, sowie die SP-Leutenegger-Oberholzer, die Doppelmandate und hohe Managerlöhne per Gesetz verbieten will. Sie sind aus den Löchern gekrochen und gebärden sich als Gutmenschen, obwohl sie nur profanes Parteigezänk im Sinn haben.

«Die da unten gegen die da oben» lautet die Spielanlage, und dass es Zweitklasspolitiker sind, die nun in der Pose der Selbstgerechten an die Mikrofone drängen, kommt nicht von ungefähr. Hatten die Bosse der Politik und deren Institutionen nicht jahrelang Ineffizienz und Insuffizienz vorgeworfen? Jetzt läuft der Rollback. Die Zeit der Abrechnung ist da; das arrogante Victory-Zeichen des schweizerischen Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann vor den Schranken des Gerichts gehört gesühnt.

Dabei gerät das Wesentliche aus dem Blickfeld: «Die soziale Verantwortung eines Unternehmers», so der Nobelpreisträger und Ökonom Milton Friedman, «besteht darin, Gewinne zu machen.» Das sichert Arbeitsplätze, ermöglicht Dividendenzahlungen und garantiert Steuerabgaben an den Staat. Alles, was diesem noch immer gültigen ökonomischen Axiom zuwiderläuft, schadet dem Ganzen. Die Revolution von unten, wie wir sie derzeit beobachten, droht in eine Wirtschaftsfeindlichkeit umzukippen, die jede rationale Auseinandersetzung im Überschwang der Emotionen verunmöglicht. Dabei scheint die Analyse, bei Licht besehen, relativ einfach: Unternehmen sind in ihrer grossen Mehrheit privatwirtschaftliche Organisationen, die ihren Aktionären gehören.

Bei diesen Stakeholdern findet ein dramatischer Wandel statt, der seit der Nestlé-Generalversammlung manifest geworden ist. Die Anteilseigner, vorab grosse Pensionskassen, beginnen, ihr Stimmverhalten bei den für sie relevanten Traktanden zu koordinieren, und zwar unabhängig vom Standpunkt von VR und Management. Mehr und mehr handelt es sich dabei auch um Aktionäre aus Übersee, und dies hat Auswirkungen in zweierlei Hinsicht: Unterschiedliche kulturelle Aspekte wie etwa härtere Regularien der Corporate Governance erhalten ein höheres Gewicht, und die Entscheidungszentren verlagern sich tendenziell weg von den traditionellen inländischen Aktionärsgruppen, hin zu ausländischen, die sich von dem Verwaltungsrat einheimischer Multis kaum beeinflussen lassen. Ein Unternehmen, das mit diesem Paradigmawechsel nicht umzugehen weiss, hat unkontrollierbare Reputationsschäden zu gewärtigen. Dies hat der Fall Nestlé gezeigt. Übersetzt in die Sprache der Manager, heisst dies: Das Firmenumfeld ist im Wandel. Ein Unternehmen, das sich darauf nicht einzustellen weiss, hat langfristig keine Überlebenschance. Das vesteht jeder Manager. In der Marktwirtschaft hat dieses zweite Axiom schon immer gegolten.

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