Die Autonomie der Kantone und der damit verbundene Wettbewerb sind ein Wert, der die Leistungskraft des Landes hoch und die Steuern tief gehalten hat. Das System hat sich bisher gut selbst ­reguliert, und das wird es auch dieses Mal tun: Wie unsere Titelgeschichte zeigt, stehen Niedrigsteuergemeinden wie Wollerau SZ, Hergiswil NW oder Zug ­ohnehin vor einem Defizit und werden in naher Zukunft ihre Steuern erhöhen müssen. Doch das muss ihre eigene Entscheidung bleiben. Die Steuerhoheit der Kantone ist ­eine Tugend, die sich auch in Krisenzeiten bewährt hat.

Doch der grosse Zuspruch aus der Bevölkerung und die Nervosität der Wirtschaftsvertreter zeigen vor allem eines: Mit einem «Weiter so» wie vor der Krise ist es nicht ­getan. Nach Jahrzehnten rasanter Reichtumsentwicklung verlangen die Gesellschaften nach einer Korrektur. Steueroptimierte Bonusmillionen, Pauschalbesteuerungen und ­andere Extradeals für Reiche stossen selbst in der wirtschaftsfreundlichen Schweiz auf ­heftigen Widerstand. 77 Prozent der Bevölkerung befürworten gemäss einer repräsentativen Umfrage der Beratungsfirma Hostettler & Partner Obergrenzen für Managersaläre, die meistgenannte Zahl ist dabei eine Million Franken.

Noch fehlt den Politikern und Wirtschaftsvertretern die Antwort auf eine Abkehr von den Zuständen der Vorkrisenzeit. Die SP will den Kapitalismus überwinden und wirkt ­dabei noch antiquierter als das bürgerliche Lager, das zwischen einem verschüchterten Ja zum Markt und Populismus schwankt. Die Ratlosigkeit spiegelt sich auch in der Ökonomie wider: Keine der amerikanisch geprägten Denkschulen hat die Krise vorhersehen und erklären können, und jetzt wirkt auch ihr Weltbild von Deregulierung und Gewinn­maximierung seltsam veraltet. Doch es spriessen neue Denkansätze. Der ­Investor George Soros hat ein Institut für neues ökonomisches Denken gegründet. Erste Umsetzungen gibt es bereits: Die neue britische Regierung will einen Glücks­indikator einführen, mit dem sie statistisch die Zufriedenheit der Bevölkerung misst. Das Bruttoinlandprodukt reicht ihr nicht mehr als Wirtschaftsindikator. Doch noch sind dies zarte Pflänzchen. Die Suche nach der neuen Normalität hat erst begonnen.

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