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Editorial: Star ist die Firma – nicht der Chef

Wenn es ein Schweizer Weltunternehmen gibt, das für eine eigene Unternehmenskultur steht, dann ist es Nestlé.

Von Dirk Schütz
07.05.2010

Die Nahrungsmittel­ikone aus Vevey kreist wie keine andere Firma in ihrem eigenen Orbit und lässt sich von keiner Mode oder Aufgeregtheit von ihrem Kurs abbringen. Den Grundstein für den Erfolg legte in den achtziger und neunziger Jahren der heutige Ehrenpräsident Helmut Maucher. Wir freuen uns ausserordentlich, ihn als neuen Kolumnisten gewonnen zu ­haben.

Die Wahl des Konzernchefs Paul Bulcke war ganz im Sinne des Altmeisters. Als vor zwei Jahren die beiden Pauls – der einzige Konkurrent Bulckes um den Chefposten war der damalige Finanzchef Paul Polman – gegeneinander antraten, machte das Nestlé-Urgewächs das Rennen. «Wir versuchen für das Unternehmen da zu sein, und nicht umgekehrt», lautet die Philosophie Bulckes. Diese Haltung spürte der Verwaltungsrat bei dem selbstdarstellerischen Neuankömmling Polman nicht. «Unternehmenskulturen sind wie Länderkulturen. Man sollte nie versuchen, sie zu ändern, sondern mit dem arbeiten, was da ist», lautete das Verdikt des vor fünf Jahren verstorbenen legendären Management-Denkers Peter Drucker. Der Belgier Bulcke lebt es vor – und verfolgt selbst gegenüber VR-Präsident Peter Brabeck seinen eigenen Kurs.

Wie stark eine Unternehmenskultur sein kann, stellt auch Swisscom-Chef Carsten Schloter gerade fest. Drei Tage pro Woche verbringt er derzeit in Mailand bei Fastweb, der in einen Steuerbetrug verwickelten Swisscom-Tochter. Das Signal ist eindeutig: Fastweb ist Chefsache. Das ist neu. Als die Swisscom die Italiener vor drei Jahren übernahm, verzichtete Schloter auf eine vertiefte Prüfung, obwohl die Klage gegen den ­Unternehmensgründer Silvio Scaglia schon damals lief. Doch zu lange wollte er sich nicht von Scaglia trennen. Zu wichtig war ihm das Netzwerk des in italienischen Medien zum Superstar verklärten Managers. Wie heisst es doch bei Drucker, auch hier ganz im Sinn der Nestlé-Kultur? «Keine Institution kann überleben, wenn sie Genies oder Supermänner zur Führung benötigt. Sie muss so organisiert werden, dass normale Menschen sie erfolgreich führen können.»

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