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Editorial: Selbstbewusstsein für den Finanzplatz

Ein Wirtschaftsjahrgang, der bestenfalls durchschnittlich war, nähert sich seinem Ende.

Von Dirk Schütz
17.12.2010

Auf das fulminante erste Quartal 2010, das mit starkem Wachstum und kräftigen Börsen überraschte, folgte die griechische Tragödie und mit ihr die Götterdämmerung des Euro. Sie bescherte dem Schweizer Werkplatz den starken Franken und bestärkte die Schweizer Regulatoren darin, dem Finanzplatz das härteste Regelwerk der Welt zu verschreiben. Der Rest des Jahres war Lähmung.

Die Klagen über die Euroschwäche sind angesichts des rasanten Verfalls der Einheitswährung jedoch erstaunlich leise, und das zeigt, wie robust der längst globalisierte Werkplatz inzwischen ist. Der Finanzplatz dagegen steht noch immer unter Schockstarre. Zwar hat die Bankiervereinigung erfolgreich den von Deutschland geforderten automatischen Austausch aller Kundeninformationen abwenden und ihr Modell der Abgeltungssteuer durchsetzen können.

Dennoch zeigte der Finanzplatz im ablaufenden Jahr viel zu wenig von dem Selbst­bewusstein, das er verdienen würde – nach aussen wie nach innen. Die Amerikaner schiessen scharf auf das Bankgeheimnis, verweigern aber den Steuerbehörden anderer Länder kategorisch Auskünfte über die Schwarzgelder von deren Bürgern. Die Briten wettern ­gegen die Schweiz, leisten sich jedoch mit den Kanalinseln ihre eigene Schwarzgeldzone. Warum weisen die Schweizer Bankiers nicht viel stärker auf diese Heucheleien hin? Aber auch gegen innen fehlt es an einer starken Stimme. Die Nationalbank hat die Kapital­vorschriften drastisch erhöht, obwohl der hiesige Finanzplatz so gut durch die Krise ­gekommen ist wie kein anderer. Die Banken schlucken ohne vernehmbare Gegenwehr die bittere Rezeptur, die sie im Wettbewerb stark benachteiligt. Leider haben sie ihre ­öffentliche Überzeugungsarbeit längst aufgegeben, weil sie ihre Glaubwürdigkeit entweder verspielt (UBS) oder sich mit absurden Lohnpaketen (CS) ins Abseits gestellt haben.

Es braucht immer Personen, die das neue Selbstbewusstsein verkörpern. Der neue CS-Präsident Urs Rohner will diese Rolle ausfüllen. Hoffen wir also, dass 2011, im Jahr drei nach der Finanzkrise, das Selbstbewusstsein der Schweizer Finanzakteure neu erwacht.

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