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Editorial: Schwierige Suche nach dem Chef

Verwaltungsräte haben vor allem eine Aufgabe: der richtigen Person die Führung des Geschäfts zu übertragen.

Von Dirk Schütz
06.06.2008

Nachfolge­planung steht deshalb in Kaderseminaren ganz oben auf der Prioritätenliste. Mit ­Vorliebe preisen die Kontrolleure öffentlich die glänzende Systematik ihrer Firmen.

Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Allein die Krisen im ersten Halbjahr zeigen: Von gezielter Nachfolgeplanung sind selbst Schweizer Weltkonzerne wie UBS, ABB oder Kuoni weit entfernt (Seite 32). Zwar verfügen bis zur Stufe der Konzernleitung fast alle Firmen über einen systematisierten Ausleseprozess, der talentierte Nachwuchskräfte nach weitgehend objektiven Kriterien nach oben gelangen lässt.

Doch geht es um den Topjob, fällt diese Systematik zu oft weg: Der aktuelle Chef ­empfindet einen potenziellen Nachfolger als Bedrohung, und in der Kleingruppe ­Verwaltungsrat mit ihren psychologischen Abhängigkeiten wiegt Zu- oder Abneigung oft schwerer als Leistung. Die strategische Weitsicht, mit der Nestlé-Lenker Peter ­Brabeck oder sein Roche-Pendant Franz Humer die Stabübergabe planten, bleibt die Ausnahme. Hebt dann eine Krise den Chef aus dem Sattel, fehlt der Nachfolger. Oft wird danach ein Notkandidat inthronisiert – mit überschaubarer Halbwertszeit.

Die Folge: Die Chefs bleiben immer kürzer. 37 Prozent der CEO wurden in den letzten fünf Jahren in der Schweiz entlassen, wie eine Studie der Unternehmensberatung Booz gerade feststellte. In den USA waren es nur 27 Prozent. Die Hoffnung auf schnelle Besserung durch den neuen Chef ist jedoch trügerisch: Sie überschätzt den Gestaltungsraum des Managers und unterschätzt die strukturellen Bedingungen jeder Branche. Wie sagt es doch der US-Investor Warren Buffett? «Wenn Sie einen guten Manager in ein schlechtes Geschäft stecken, bleibt nur die Reputation des Geschäfts intakt.»

Ein Trost bleibt den Verwaltungsräten allerdings: Die Unruhe hat keine Auswirkung auf die Attraktivität ihrer Unternehmen (Seite 48). UBS und ABB sind in ihren Kategorien für Uni-Absolventen die beliebtesten Arbeitgeber. Für die Studenten sind offenbar ­weder Milliardenverluste noch abrupte Chefwechsel ein Problem. Sie wollen Substanz.

Dirk Schütz
Chefredaktor Bilanz

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