Liebe Leserin, lieber Leser

«Titel», schreibt Eric Honegger, «mögen nützlich sein, wenn es einem gut geht; in schlechten Zeiten nimmt niemand Kenntnis davon.» Eine Lehre für das Leben. Der ehemalige Präsident der konkursiten Swissair schreibt diesen Satz nieder in seinem soeben erschienenen Werk «Erinnerungs-Prozess». Kein Buch, das neue Zusammenhänge zum letzten Akt des Todeskampfes der Swissair aufzuzeigen vermag. Keines, das neue Erkenntnisse bringen würde über jene zehn Monate, in denen Honegger als Präsident fungierte. Oder über die sechs Wochen als CEO. Geht es um mögliche eigene Fehlentscheidungen, flüchtet sich Honegger in eine Semantik, die auch bei grossen historischen Prozessen die Frage nach Schuld und Sühne noch stets erfolgreich blockiert hat.

«Ich», schreibt er, «habe damals keine Wahl gehabt.» Diesen Teil der Bewältigung seines persönlichen Schicksals arbeitet Eric Honegger auch fünf Jahre nach dem Niedergang zumindest öffentlich nicht auf. Dafür gerinnt das Buch, unfreiwillig wohl, zum Spiegelbild seiner eigenen persönlichen und familiären Prägung als Ausgangspunkt für Aufstieg und Fall. Bis in sein 53. Lebensjahr, schreibt Eric Honegger, habe sich in seinem Leben «alles so ergeben»: ein «ungebrochenes Verhältnis» zum Vater, dem Bundesrat und Vorbild des Sohnes. Liberales Weltbild, wie der Vater, und «oft einer Meinung» mit diesem. Studium der Geschichte und Publizistik, Sprung ins Berufsleben als Sekretär der Freisinnig-Demokratischen Partei der Schweiz.

Der Name Honegger genügt, um «rasch in politische Ämter gewählt» zu werden, schliesslich auch in den Zürcher Regierungsrat und, als deren Vertreter, in den Verwaltungsrat der Swissair. Als er sich von der aktiven Politik verabschiedet, um «etwas Neues zu wagen», wie er schreibt, ist er fast verblüfft, wie schnell das geht: «Alle Angebote für neue Funktionen nach meinem Rücktritt aus der Regierung wurden mir ohne mein Dazutun unterbreitet.» Das Präsidium der «Neuen Zürcher Zeitung» – «eine besondere Ehre», fühlt er sich doch «als Verfasser einer Dissertation aus dem Bereiche der Publizistik dem Zeitungswesen fachlich verbunden». Ein Anruf aus der Credit Suisse stellt ihm eine «vollamtliche Stellung innerhalb der Bank» in Aussicht, und dafür muss er auf ein Angebot bei der Swiss Life verzichten. Er bedauert dies, fühlt er sich doch «zu diesem Unternehmen seit Jahren hingezogen, weil mein Vater einstmals dessen Präsident gewesen war». Doch dann sitzen da ein paar Persönlichkeiten rund um den Bankenchef Lukas Mühlemann zusammen und brüten über der Frage, wer wohl neuer Swissair-Präsident werden könne. Die Antwort: Eric Honegger, der «schliesslich mit dem CEO ein gutes Gespann bilden» würde. Und als Mühlemann ihm dies mitteilt, ist der Auserwählte «innerlich aufgewühlt».

Es sind immer andere, die für Eric Honegger entscheiden. Nie scheint er sich zu fragen: Will ich das? Nie kommt die Frage: Kann ich das? Auch in seinem nun publizierten Erinnerungsprozess scheint ihm diese Form der Selbsterkenntnis fremd. Eric Honegger steht mit diesem Verdrängungsmechanismus mit Sicherheit nicht allein. Der Unterschied zu vielen, die in den Teppichetagen der Wirtschaft noch aktiv sind, ist, dass bei ihm dieses Manko nun zwischen zwei Buchdeckeln nachzulesen ist. Allerdings auch erst nach seinem Fall.

René Lüchinger, Chefredaktor BILANZ

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