Heute überbieten sich die Notenbanken rund um den Globus wieder mit Zinssenkungen, die sogar Greenspans Radikalmassnahmen vor acht Jahren in den Schatten stellen. Natürlich warnen viele Experten vor einer gigantischen Inflation. Doch die Notenbanker halten eine andere Entwicklung für gefährlicher: dass der Wirtschaftsabschwung zu einer Deflation führt, einer Preisentwertung auf breiter Front. Die derzeit wichtigste Frage der Weltkonjunktur ist damit zu einem Expertenstreit mit konträren Positionen geworden. Wenn es nach fast zwei Jahren Finanzkrise noch eines Belegs für die Orientierungslosigkeit der Wirtschaftselite bedarf, so ist er hiermit erbracht.

Deswegen kommt es so stark wie selten zuvor auf die Urteilskraft der Entscheider an. Die Schweizer Hoffnungen, die heimische Volkwirtschaft erfolgreich durch den Sturm zu lotsen, lasten auf dem neuen Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand (siehe auch Text rechts). Wenn er am 1. Januar 2010 das Amt von Jean-Pierre Roth übernimmt, wird er nicht nur mit 46 Jahren der jüngste Notenbankchef aller Zeiten sein. Hildebrand wird auch vor der wohl schwierigsten Entscheidung stehen, die je ein Schweizer Notenbanker zu treffen hatte: den Termin zu bestimmen, an dem die Inflations­gefahren die Deflationsgefahren übersteigen – und dann sofort und in grossem Stil Gegensteuer zu geben.

«Sobald unsere Inflationsprognosen signalisieren, dass das Risiko, in eine Deflation zu geraten, abnimmt, werden wir damit beginnen, Liquidität aus dem Markt abzuziehen», betont Hildebrand. Und fügt hinzu: «Heikel ist nur, dabei den richtigen Zeitpunkt zu treffen.» Die Treffsicherheit des neuen Präsidenten wird nicht nur über den Erfolg seiner Amtszeit entscheiden. Sie wird auch massgeblich sein für das Wohl der Schweizer Wirtschaft.

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