Der Herrscher (Marcel Ospel), der den Konzern zehn Jahre mit eisernem Machtwillen regierte, ist am Ende nach zähem Kampf gefallen, und in das Vakuum stossen ein designierter Nachfolger (Peter Kurer), ein Verstossener (der frühere Bankchef Luqman Arnold) und ein neuer Vizepräsident, der informell die grösste Macht hat (Sergio Marchionne). Die Aspiranten liefern sich ein öffentliches Ringen, und auch wenn derzeit alles dafür spricht, dass Kurer zu Ospels Nachfolger gekürt wird, so ist die neue Macht­balance damit sicher noch nicht gefunden (Seite 32). Dafür hat der scheidende Herrscher mit seinem letzten vergeblichen Versuch der Machterhaltung gesorgt: Er setzte durch, dass die neuen Ver­waltungsräte nur für ein Jahr gewählt werden. Damit ist der Nichtbanker Kurer von Beginn an ein Präsident auf Probezeit.

­­­Auch auf einem anderen Gebiet bietet das Debakel interessante Erkenntnisse: Wie können Banken derartige Katastrophen verhindern? Mehr als 3000 Risikokontrolleure beschäftigt die UBS, dennoch hat sie den bisher grössten Handelsverlust der Bankgeschichte eingefahren. Die immer wiederkehrenden Finanzkrisen in den letzten fünf Jahrhunderten lehren vor allem eines: Die Banken können zwar eine Wiederholung der exakt gleichen Krise verhindern, doch sie sind nicht gewappnet gegen neuartige Krisen. Denn diese kommen von ausserhalb des Systems. Die heute gebräuchlichen computergestützten Modelle schaden dabei mehr, als sie nützen: Sie wiegen die Banken in einer Scheinsicherheit, die sie zu noch höheren Risiken verleitet. «Der Versuch, Modelle für etwas zu entwickeln, für das es keine Modelle gibt, ist der Kern des Übels», betont der Bestsellerautor, Börsenhändler und Wall-Street-Erzkritiker Nassim Nicholas Taleb (Seite 49).

Das führt zu einem dritten Bereich, für den die Finanzkrise aufschlussreiche Erkenntnisse liefert: Wie stark soll der Staat in die Wirtschaft eingreifen? Die Rufe nach neuer Regulierung ertönen laut wie lange nicht mehr. Dass es gewisse Anpassungen geben muss, ist unbestritten: Die Ratingagenturen müssen stärker kontrolliert (siehe rechts), die Eigenmittel für Hochrisikogeschäfte erhöht werden. Doch zu glauben, dass die Finanzindustrie durch mehr Regulierung derartige Abstürze verhindern könne, ist eine Illusion. Was haben die zahlreichen neuen Vorschriften – Stichwort Sarbanes-Oxley – nach dem letzten Börsenabsturz 2001 diesmal genützt? Nichts. Es bleibt vor allem eine Erkenntnis: Ein System, das unternehmerisches Risiko belohnt und dadurch Höchstleistungen erst ermöglicht, führt automatisch auch zu Krisen, Pleiten und Abstürzen. Man nennt das freie Marktwirtschaft.

Dirk Schütz, Chefredaktor BILANZ

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