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Editorial: Konjunktur - Jede Medizin ist Recht

Die Berichtssaison steht bevor und verheisst wenig Gutes.

Von Dirk Schütz
16.01.2009

Unternehmen wie die gebeutelten Finanzkonzerne, die im letzten Jahr in den Abgrund schauten, werden ihr deprimierendes Zahlenwerk in den nächsten Wochen detailliert präsentieren. Unternehmen wie Konsumgüterproduzenten, Pharmahersteller oder IT-Lieferer, die im letzten Jahr noch gut wirtschafteten, werden von einem Rückgang im vierten Quartal berichten, und alle wird das Gefühl beschleichen: Das Schlimmste kommt noch. Der Ausruf von Orange-Veteran Andreas Wetter wird da leider eher die Ausnahme bleiben: «Ich sehe keine Krise» (siehe Seite 34).

Derweil quälen sich die Konjukturforscher mit der Frage, ob die Rezession eher kurz und flach oder doch lang und tief sei. Noch ist die Mehrzahl optimistsch. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet den Wiederaufschwung in den Industrieländern für Ende 2009, angeführt durch die Belebung der weltgrössten Volkswirtschaft, der USA. Voraussetzung: Die gigantischen Konjukturpakete, die jetzt in den Vereinigten Staaten und Europa verabschiedet werden, lösen den geplanten Nachfrageschub aus.

Die Politiker wissen: Der Fiskalstimulus ist ihr letzter Schuss. Die Notenbanken haben die Zinsen auf Rekordtief gesenkt und damit ihre Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpft (siehe Seite 50). Ohne sich öffenlich dazu zu bekennen, greifen alle auf die Lehre des englischen Ökonomen John Maynard Keynes zurück, der die staatliche Konjunkturankurbelung zum Mantra erhob. Dass sich die Staaten auch noch an Banken beteiligen, ist kaum mehr als eine Begleiterscheinung. Erfreulich ist dabei, dass kein Staat aus ideologischen Gründen in die Wirtschaft eingegriffen hat. Zwar gefallen sich manche Länder – Frankreich oder Deutschland – stärker in der Rolle des Feuerwehrmanns als andere, doch selbst sie wissen nur zu gut, dass sie bloss zum Brandlöschen ge­kommen sind. Zu unbestritten ist die Erkenntnis, dass der Staat langfristig nicht zum dominierenden ökonomischen Player taugt.

Alternativen zu den Konjunkurprogrammen gibt es nicht. Wenn ein Patient lebensbedrohlich erkrankt ist, dann greift er zu jeder Medizin – selbst wenn die Nebeneffekte schmerzhaft sind und er keine Garantie auf Heilung hat.

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