Grosskonzerne ­zitterten vor den neuen ­Angreifern aus der Finanzbranche, weil ein unscheinbarer Jüngling namens Christopher Hohn mit seinem Hedge Fund TCI die holländische Grossbank ABN Amro
zerschlagen konnte. Private-Equity-Firmen, die nur ihre Arbeit machten, wurden als Heuschrecken gegeisselt. Als Folge zogen die Preise von Übernahmekandidaten dramatisch an. Und all die Unternehmen, die auf riesigen Bargeldbeständen sassen, winkten ab: Wir würden ja so gern gross einkaufen. Doch jetzt ist alles viel zu teuer.

Heute ist es ruhig am Übernahmemarkt. Kredite sind Mangelware, die Banken haben sehr viel Zeit und sehr wenige Deals, und auf einmal sind Firmen extrem billig zu kaufen. Europäische Firmen kosten heute im Durchschnitt nur das Achtfache des Jahresgewinns, zwischen 2000 und 2007 lag der Schnitt noch bei über 18. Banken sind besonders betroffen: Sie sind heute so billig wie nie in den letzten 16 Jahren.

Doch wo sind die strategischen Käufer, die im letzten Jahr noch über die überhitzten Preise geklagt haben? Schweizer Firmen verfügen im internationalen Vergleich über kerngesunde Bilanzen – die Verschuldung ist gering, das Liquiditätspolster der SPI-­Firmen mit 14 Prozent der Börsenkapitalisierung doppelt so hoch wie bei den fünfzig führenden europäischen Unternehmen. Doch sie winken ab. Ihre Anleger wollten derzeit keine grossen Deals, heisst es. Besonders in der Finanzbranche ist die Angst gross: Wer weiss, was da noch alles in den Bilanzen schlummert?

Wirklich intelligent ist diese Herdenmentalität nicht. Nur ganz wenige Firmenchefs haben – genauso wenig wie Anleger – den Mut, die goldene Regel des Investierens auch anzuwenden: Der Grundstein für grosse Wertsteigerungen wird in Krisenzeiten gelegt. Die besten Investments machten die Private-Equity-Firmen nicht etwa in den Jahren, in denen sie zu Heuschrecken erklärt wurden. Das meiste Geld haben sie mit ihren Investments aus dem Jahr 2002 verdient – dem Höhepunkt der letzten Krise.

Dirk Schütz
Chefredaktor Bilanz

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