Vom Kuchen ist fast nichts mehr übrig. Nur noch ein paar Krümel sind liegen geblieben und zeugen davon, dass es im Hause Diogenes etwas zu feiern gibt: einen neuen Spitzenplatz. Denn John Irvings jüngster Roman «Strasse der Wunder» hat soeben die Führung auf der Bestsellerliste des deutschen «Börsenblatts» übernommen.

Dieser Erfolg tut gut. Denn das Jahr hat für den mit Abstand grössten Schweizer Buchverlag durchzogen begonnen, wie Philipp Keel einräumt. Die Monate Januar und Februar blieben hinter den Erwartungen zurück. Doch der Verleger lässt sich nicht von kurzfristigen Rückschlägen aus der Ruhe bringen. Er glaubt an das Buch, wie er immer wieder betont, an die Autoren, die bei Diogenes seit Jahren oder gar Jahrzehnten unter Vertrag sind, und an die neuen Talente, die er selbst in den Verlag geholt hat.

Die grösste Angst

Keine neuen Autoren zu entdecken: Das war eine seiner grössten Ängste, als der heute 47-Jährige vor vier Jahren die Nachfolge von seinem im Herbst 2011 verstorbenen Vater Daniel Keel übernahm. «Was ist, wenn ich keinen neuen Martin Suter finde, keine neue Donna Leon?» Die Sorgen waren unbegründet.

37 neue ­Autoren hat Keel seither unter Vertrag ­genommen, zum Beispiel Solomonica de Winter, die Tochter des niederländischen Erfolgsschriftstellers Leon de Winter, oder Emanuel Bergmann, dessen erster Roman «Der Trick» auf gutem Weg zu einem Erfolg ist. Bereits vor seinem Erscheinen im März konnte Diogenes die Rechte in mehrere Länder verkaufen, unter anderem in die USA, nach Frankreich, Spanien, Italien, Ungarn und in die Niederlande. Und für die Filmrechte gibt es auch schon Interessenten.

Ein frischer Wind

In seinen letzten Jahren war Daniel Keel, der den Verlag im Jahr 1952 gegründet hatte, sehr zurückhaltend geworden, hatte kaum mehr neue Autoren eingekauft. Es herrschte eine Art Stillstand. Jetzt weht wieder ein frischer Wind durch das Haus, es sei ein bisschen wie «Frühling», sagt eine Mitarbeiterin. Auf die vielen neuen Autoren folgt im Herbst eine Auffrischung des Erscheinungsbildes – mit neuen Schriften und einer neuen Website.

«Es ist eine Zeit, in der alles ein bisschen anders wird, aber eigentlich bleibt alles gleich», sagt Philipp Keel – und fasst damit zusammen, was seine Philosophie für die Zukunft seines Verlags ist: Er nimmt kleine, subtile Anpassungen vor, aber im Grundsatz bleibt er dem Verlag und seiner Geschichte treu und macht weiter, wo sein Vater aufgehört hat. «Ich hatte ein sehr enges und gutes Verhältnis zu meinem Vater», sagt Keel. Er sitzt im gleichen Büro wie einst sein Vater, und er mischt sich überall ein, wie dieser es getan hatte. «Leider», wie er anfügt.

­Zusammenarbeit mit Loriot

Philipp Keel ist in der Diogenes-Welt aufgewachsen, in der Welt der Autoren, Illustratoren, Filmemacher – und Künstler, wie auch seine Mutter Anna Keel eine war. Friedrich Dürrenmatt, Patricia Highsmith, Federico Fellini, Donna Leon, Patrick Süskind, Tomi Ungerer und viele mehr gingen ein und aus. So auch Loriot, der als unbekannter Zeichner dem ebenfalls noch unbekannten Daniel Keel seine Zeichnungen zugesandt hatte, die Keel 1954 unter dem Namen «Auf den Hund gekommen: 44 lieblose Zeichnungen» veröffentlichte. Für Loriot war es das erste Buch, für Keel das zweite.

Und es war der Anfang einer lebenslangen ­Zusammenarbeit und Freundschaft, von der in den Räumlichkeiten des Verlagshauses an der Sprecherstrasse in ­Zürich noch zahlreiche Erinnerungsstücke zeugen. So steht etwa die Figur der zwei Herren in der Badewanne mit der Quietscheente gleich beim Eingang, bei der hauseigenen Bücherbörse.

Nähe zu den Autoren

In seiner Kindheit war es «laut, spannend, verraucht», erinnert sich Philipp Keel, «in den Verlagsräumlichkeiten genauso wie zu Hause». Das gefiel ihm. Der Kontakt mit Menschen aus der Film-, Theater-, Musik- und Kunstszene, die Freundschaften, das ist auch für ihn das Wichtigste – «das macht mich glücklich».

Die Nähe zu den Autoren illustriert Keel am Beispiel des mittlerweile verstorbenen Schweizer Autors Urs Widmer. Dieser brachte sein neues Manuskript jeweils selbst vorbei und wollte dieses dem Verleger nur persönlich in die Hand drücken – dem Vater wie dem Sohn. Gerade neulich wieder zu Besuch war Leon de Winter, den Keel auch als Gesprächspartner schätzt. «Für diese Begegnungen macht man die Arbeit. In diesen Momenten weiss man, wieso man am Schreibtisch sitzt und schwitzt.»

Verleger und Künstler

Schon als Kinder haben Philipp Keel und sein älterer Bruder Jakob, der heute als Verwaltungsratspräsident amtet, im elterlichen Betrieb mitgearbeitet, haben Stifte und Blöcke an die Mitarbeiter verteilt oder im Lager Bücher gestapelt. Als junge Erwachsene verschlug es beide in die Ferne. Philipp Keel ging nach Amerika, nach Boston ans Berklee College of Music, arbeitete einige Jahre in der Werbung, ­besuchte dann die Hochschule für Fernsehen und Film in München, zog zurück in die USA, nach Los Angeles, und liess sich dort als Künstler, Autor und Filmschaffender nieder.

In diesen Rollen veröffentlichte er mehrere Bücher, darunter Foto- und Kunstbände sowie auch zwei philosophische Bestsellerserien: die Fragebücher «All About Me» sowie «Keel’s Simple Diary», Tagebücher zum Ankreuzen und Ausfüllen. Die eigene Erfahrung als Autor und Künstler komme nun den Diogenes-Autoren zugute, sagt Keel. «Denn ich weiss, wie sie sich fühlen, ich kenne die andere Seite.»

Ungefragt eingemischt

Der Verlag blieb dabei immer ein Teil seines Lebens. Und er hat sich auch mal ungefragt eingemischt. So war er es, der ursprünglich vorschlug, das Design der Bücher mit dem in der Zwischenzeit unverkennbaren weissen Umschlag zu vereinheitlichen. Sein Vater wollte zuerst nichts davon wissen, hatte ihm erklärt, er solle sich um seine eigenen Sachen kümmern, dann aber das Konzept stillschweigend umgesetzt. Jetzt ist Philipp Keel selbst der Verleger und Chef des grössten unabhängigen reinen Belletristikverlags in Europa. Er hat es aber geschafft, sich Pausen zu nehmen, in denen er «nur Künstler» sein darf, in denen er das Ventil aufdrehen kann, wie er sagt. «Ich bin als Künstler heute mindestens so gefordert, wie ich es früher war.»

Und er ist ein Unternehmer, der mit seiner Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat die Verantwortung für 65 Angestellte und rund 800 Autoren trägt. Und als solcher muss er manchmal auch unpopuläre Entscheide treffen, zum Beispiel als die Schweizer Nationalbank den Euro-Mindestkurs fallen liess. «Das war für uns, wie für alle anderen Firmen, die ins Ausland exportieren, erst einmal ein Schock», sagt Keel. Schliesslich erwirtschaftet Diogenes von Zürich aus rund 90 Prozent des Umsatzes im Euroraum – vor allem in Deutschland und Österreich.

Umsatzplus trotz Frankenschock

Diogenes reagierte prompt und sagte die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse ab, was wiederum den Rest der Branche schockierte. Aber letztlich war diese dem Verlag auch dankbar. Denn das Fernbleiben des Schweizer Aushängeschildes beim bedeutendsten internationalen Branchentreffen führte vielen auch ausserhalb der Kulturszene vor Augen, dass der starke Franken nicht nur die hiesige Industrie und den Schweizer Tourismus vor grosse Herausforderungen stellt, sondern auch andere Wirtschaftszweige – und eben auch die Verlage. An der Leipziger Buchmesse im Frühjahr war Diogenes dann wieder vor Ort, und auch nach Frankfurt kehrt der Verlag in diesem Herbst zurück und wird seinen Stand am angestammten Platz aufstellen, wenn auch in etwas abgespeckter Form.

Und jetzt, da alle mit weiteren negativen Nachrichten gerechnet haben, hat Keel seine Mitstreiter erneut überrascht: mit einem ansehnlichen Umsatzplus von über sechs Prozent, während die meisten Konkurrenten im Segment der Belle­tristik und Kinderbücher Rückschläge ­einstecken mussten. Doch das erfreuliche Wachstum schmilzt erheblich, sobald die Erträge in Franken umgerechnet werden. Deshalb ist man bei Diogenes auch enttäuscht, dass von einem publizistisch so erfolgreichen Jahr wie 2015 letztlich aufgrund der Währungs­situation nur so wenig in der Kasse bleibt. Mehrmals stürmte das Haus im vergangenen Jahr die Bestsellerliste, etwa mit Martin Suters «Montecristo», mit Ian McEwans «Kindeswohl» oder mit zwei Venedig-Krimis von Donna Leon.

Ausbau des Filmgeschäfts

Der Verlag profitierte 2015 auch vom Erfolg der Hollywood-Verfilmung «Carol», die auf dem Buch von Patricia Highsmith basiert, dessen Weltrechte beim Zürcher Verlag liegen. Die US-Schriftstellerin ist kein Einzelfall, Diogenes vertritt auch andere nicht deutschsprachige Autoren weltweit. So besitzt der Verlag unter anderem die Weltrechte an Leon de Winter, Andrej Kurkow, Petros Markaris oder Donna Leon, deren Commissario-Brunetti-Fälle mittlerweile in 34 Sprachen übersetzt werden.

Dass Highsmith beim Zürcher Verlagshaus landete, verdankt Diogenes seinem Gründer: Als Daniel Keel in den 1950er Jahren im Kino Alfred Hitchcocks «Strangers on a Train» sah, war er so angetan, dass er bis zum Ende des Abspanns sitzen blieb, um herauszufinden, wer die Vorlage geschrieben hatte – und stiess so auf ihren Namen. Er kontaktierte Highsmith, die mit ihrem damaligen Verleger unzufrieden war, und konnte sie zu Diogenes holen. Ein aus ­Begeisterung heraus gemachter Deal, der sich bis heute auszahlt – nicht nur wegen des Verkaufs der Film- und Länderrechte, sondern auch, weil jede Verfilmung jeweils den Verkauf des Romans von neuem ankurbelt. Das hat sich auch bei Bernhard Schlinks «Der Vorleser» gezeigt: Beim Kinostart schnellte der Roman wieder auf die Bestsellerlisten.

Ob mit Martin-Suter-Verfilmungen, TV-Adaptationen von Donna-Leon-Krimis, mit grossen Hollywood-Kisten oder mit kleineren Produktionen wie zum Beispiel der Verfilmung von Lukas Hartmanns «Finsteres Glück»: Der Verlag verdient jedes Mal mit, was das Geschäft mit den Filmrechten in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Ertragspfeiler für Diogenes werden liess.

Dieses Geschäft soll künftig sogar noch ausgebaut werden, auch weil Philipp Keel in seinen amerikanischen Jahren viele wertvolle Kontakte geknüpft hat in der Filmwelt allgemein und nach Hollywood im Speziellen. Bei der Verfilmung der fünf Bücher um den talentierten Hochstapler Mr. Ripley von Patricia Highsmith steigt Diogenes jetzt selbst ins Produktionsgeschäft ein, gemeinsam mit der US-Firma Television 360, bekannt für ihre «Game of Thrones»-Serie, und den Endemol Shine Studios. Verleger Philipp Keel fungiert gar als Executive Producer.

Kampagne fürs Lesen

Der Ausflug in die Welt der Bewegtbilder kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Geschäft mit dem Buch hart bleibt. Der starke Franken, das seit Jahren anhaltende Buchhandlungssterben, die kontinuierlich sinkenden realen Buchpreise, die digitale Konkurrenz – das alles drückt auf den Umsatz. Das Verlags­geschäft ist rückgängig, nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Auch weil die Konkurrenz zum Buch immer grösser werde, sagt Keel. «Das Angebot zur Zerstreuung ist gigantisch, es gibt einen Urwald an Möglichkeiten.» Keel denkt an die sozialen Medien, die Smartphones, die grassierende Selfie-Kultur, das Internet, Fernsehen, Kleiderläden, Restaurants, Bars, Konzert- und Kinosäle. «Und an letzter Stelle kommt immer das Buch.»

Doch Keel will nicht jammern, für ihn sind das externe Umstände, die nun mal nicht zu ändern sind. «Ich bin jedem, der ein Buch liest, dankbar.» Und er hofft, dass es in Zukunft vielleicht wieder mehr werden, wenn die Menschen, erschöpft und überfordert von all den digitalen und sonstigen Herausforderungen, sich Ruhe gönnen, innehalten wollen. Deshalb hat er mit Diogenes auch eine Kampagne gestartet, die zum Lesen animieren soll. Eine Kampagne mit Sprüchen wie «Wer liest, sieht besser aus», «Gut essen, gut lesen» oder «Zu einem schönen Abend gehört ein Happy End».

Konkurrenz aus dem eigenen Haus

Manchmal kommt die Konkurrenz aber auch aus dem eigenen Haus, wie Keel gleich in seinem ersten Jahr als Verlagschef selbst erleben musste. Es war 2012, und Diogenes feierte den 60. Geburtstag. Autor um Autor legte einen potenziellen Bestseller vor. «Es war fast so, als hätten sie sich abgesprochen», erinnert sich Keel, der sein Glück kaum fassen konnte. Doch er wurde schnell eines Besseren belehrt: Das vermeintliche luxuriöse Jubiläumsprogramm erwies sich als überladen. Die Bücher und Autoren stahlen sich gegenseitig die Show. «Ein Bestseller braucht Raum», weiss er heute.

Rund 115 Neuerscheinungen bringt Diogenes pro Jahr auf den Markt sowie an die 300 Nachdrucke aus der «Backlist», die rund 2000 Titel umfasst. Ein Grossteil der strategischen Arbeit des Verlegers besteht gemäss Keel darin, festzulegen, wann welcher Titel erscheint. Da helfen Gespür und Erfahrung, doch manchmal braucht es auch «ein bisschen Glück». Und immer wieder Keels Zuversicht, dass das Buch seine Stellung auch in Zukunft bewahren kann.

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