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Die textile Zukunft findet in der Ostschweiz statt

Internationale Raumstation: Funktionstextilien aus der Ostschweiz gingen 2014 mit auf die Reise. Keystone

Für Kurt Weigelt, Direktor der Industrie- und Handelskammer, ist «die Textilindustrie die DNA der Ostschweizer Wirtschaft». Ihre Zukunftstauglichkeit beweist die Branche mit Hightech-Textilien.

Veröffentlicht 12.01.2016

Die Übernahme der Marke Schlaepfer durch die Forster Rohner Gruppe hat die Ostschweizer Textilindustrie vergangene Woche für kurze Zeit ins Rampenlicht gestellt. Hightech-Stoffe aus der Ostschweiz erobern längst nicht nur die Laufstege, sondern sie haben auch in Medizin, Architektur und der Raumfahrt Einzug gehalten.

Der Erfolg der Ostschweizer Textilindustrie entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Zusammenspiel von Tradition, Know-How und Erfindungsgeist. Auch heute noch prägt sie die Strukturen der hiesigen Wirtschaft. «Die Textilindustrie ist die DNA der Ostschweizer Wirtschaft», sagte Kurt Weigelt, Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell, kürzlich gegenüber dem «St. Galler Tagblatt».

Tradition mit modernster Technologie verknüpfen

Die Stickereifirma Forster Rohner nutzt die jahrhundertealte Stickereitechnik, um Sensorflächen auf Textilien anzubringen. Forster Rohner Textile Innovations hat die erste Bettwäsche entwickelt, welche aktiv eine Lichtatmosphäre im Raum kreiert.

Luxuriöse Handtaschen verwandeln sich in portable Kraftwerke, wenn die St. Galler Firma miniaturisierte Solarzellen mit Stickereien kombiniert. Ein übers Smartphone programmierbares T-Shirt mit Led-Lämpchen zaubert individuelle Nachrichten auf den Stoff.

Mit Nanotechnologie neue Märkte erschliessen

Leicht, dünn, flexibel, porös, reissfest, formbar und doch formstabil und multifunktional – bei keinem Material sind die Eigenschaften so vielfältig wie bei Textilien. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Nanotechnologie eine ihrer ersten konkreten Anwendungen bei Textilien gefunden hat.

Die Nanotechnologie eröffnet der Textil- und Bekleidungsindustrie grosse Chancen für innovative Produkte und neue Märkte. Allerdings nur, wenn die neue Technologie auch unbedenklich für Mensch und Umwelt ist. Um einer sicheren Nanotechnologie im Textilsektor den Boden zu bereiten, gründete die Empa St. Gallen bereits 2007 zusammen mit dem Textilverband Schweiz (TVS) und dem Nano-Cluster Bodensee das Projekt «NanoSafe Textiles».

Weltneuheit soll warmes Schlafen im Freien ermöglichen

Die Empa ist auch beteiligt an der Entwicklung einer preisgekrönten Outdoor-Ausrüstung. 2011 gründeten Walter Krummenacher und Marcel Schubiger in St. Gallen das Startup-Unternehmen Polarmond. Sie hatten die Vision, Flüchtlinge und Obdachlose mit einem neuartigen Schlafsystem vor Unterkühlung oder gar dem Kältetod zu schützen.

In diesem Jahr soll das weltweit erste, selbstaufwärmende und raumtemperaturregulierende Zelt mit Schlafsack und Isomatte auf dem Markt kommen. Mögliche Abnehmer sind Alpinisten, Expeditionsteilnehmer und das Militär. Das neue Schlafsystem funktioniert bei Temperaturen bis zu minus 30 Grad.

Ostschweizer Textilien sind weltraumtauglich

Technische Textilien sind eine Wachstumsbranche. In den letzten Jahren hat sich der Umsatz jährlich um 5 Prozent vergrössert und beläuft sich heute weltweit auf 150 Milliarden Dollar. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Die Schweizer Textilindustrie positioniere sich laut TVS dank hoher Innovationskraft an der technologischen Spitze.

Besonders in der Ostschweiz machen innovative Unternehmen von sich reden. Im Mai 2014 brach der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst vom Weltraumbahnhof in Kasachstan zur Internationalen Raumstation ISS auf. Mit dabei waren auch Funktionstextilien von der Schoeller Textil aus dem St. Galler Rheintal. «Seit Jahrzehnten ist die Innovation unsere Antriebsfeder», heisst es in der Philosophie der Firma mit Sitz im st. gallischen Sevelen. Mehr als 15 Prozent der Mitarbeitenden sind in Forschung, Entwicklung und Design tätig.

Textilindustrie unter Druck – nicht nur in der Ostschweiz

Die Ölkrisen der 1970er-Jahre, die damit verbundene Wirtschaftskrise und die wachsenden Überkapazitäten machten der gesamten europäischen Textilindustrie zu schaffen. Auch der Konkurrenzdruck aus Asien nahm stetig zu. Von den einst 90'000 industriellen Arbeitsplätzen in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und beiden Appenzell stellte die Textilindustrie 3600. Im Jahr 2001 waren es laut IHK noch 6000 Arbeitsplätze.

Die Ostschweizer Textilunternehmen reagierten mit Restrukturierungen und der Suche nach neuen Geschäftsfeldern. Es werden heute vor allem Spezialitäten- und Hightech-Textilien produziert, welche ein spezielles Know-how verlangen.

Multifunktionale Textilien

Wasserabweisend, vor UV-Strahlen schützend, schnell trocknend oder bakteriostatisch – die neuen Produkte sind innovativ, wegweisend und universell anwendbar. Die Swisslastic in St. Gallen entwickelte den ersten medizinischen Kompressionsstrumpf mit einem reinen Silbergarn zur Behandlung von Venenleiden. Das Silbergarn habe eine zusätzlich heilende Wirkung, schreibt das Unternehmen, welches auch die Messgeräte zur Druckbestimmung von Funktionstextilien entwickelt.

Mit Architekturgeweben macht sich die Firma Sefar aus Heiden AR einen Namen. Ihre «Electronic fabrics» vereinigen die Vorteile zweier Welten – die flexible Form von Geweben und die funktionale Flexibilität von Elektronik. Die Gewebe erfüllen dabei nicht nur einen Zweck, beispielsweise der Filtration des Lichts, sondern sie messen zusätzlich die Temperatur oder den Durchfluss oder sie erzeugen Wärme. Künftig soll nahezu der gesamte elektrische Energiebedarf eines Gebäudes durch farbstoffbasierende Solarzellen innerhalb der Fenstergläser erzeugt werden können.

(sda/jfr)

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