Den Silvester 2003 wird Christoph Blocher nie mehr vergessen. Der frisch gewählte Bundesrat lädt auf den 31. Dezember die Aktionäre der Ems-Chemie um 10.30 Uhr zur ausserordentlichen Generalversammlung ins «Swissôtel» nach Zürich Oerlikon. Dort gibt Blocher seinen Rücktritt als Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats bekannt. Auch erklärt der Magistrat den 172 Aktionären, dass er seine Beteiligung von 73 Prozent an seine vier Kinder übertragen hat (siehe «Fleis­sige Sprösslinge»). Kurz nach zwölf Uhr springt er in einen dunkel­grünen Mercedes und lässt sich mit ­überhöhter Geschwindigkeit nach Bern chauffieren. Punkt 14 Uhr soll in der Bundeshauptstadt die Übergabe des Justiz- und Polizeidepartements erfolgen.

Markus, Rahel, Miriam Blocher und Magdalena Martullo-Blocher feiern den Silvesterabend als frischgebackene Multimillionäre. Am meisten Grund zur Freude hat Martullo; sie rutscht ins Jahr 2004 als neue Chefin der Ems-Chemie. «Die Firma wird ab 1. Januar besser geführt als bisher. Ich wundere mich, dass ich nicht längst schon auf diese Lösung gekommen bin», begründete Christoph Blocher die Krönung seiner Erstgeborenen gegenüber dem «St. Galler Tagblatt». Die damals 34-Jährige ist ihrem Vater nicht nur im Denken und Handeln am ähnlichsten, sie ist auch die Tüchtigste der vier Geschwister.

Zehn Jahre später zeigt sich, dass Christoph Blocher eine gute Wahl getroffen hat. Die Performance seiner Ältesten ist beeindruckend: Der Umsatz stieg ­innert einer Dekade um 54 Prozent, der Gewinn hat sich sogar verdreifacht (siehe «Ganz de Bappe – nur besser» auf Seite 32). Der Börensenwert ist seit 2004 von 2,5 auf aktuell 7,9 Milliarden Franken ­gestiegen. Verglichen mit der Performance in der Dekade vor ihrer Machtübernahme, also zwischen 1993 und 2003, hat die Ökonomin ihren Vater in jedem einzelnen Punkt übertroffen. Wie konnte Magdalena Martullo einen derartigen Parforce-Ritt absolvieren, ohne abgeworfen zu werden? Und dies zusätzlich als Mutter von drei Kindern?

Ein Blick zurück

Als Martullo Anfang 2004 bei der Ems-Chemie das Zepter übernimmt, sitzt sie bereits seit über zwei Jahren im Verwaltungsrat. Sie kennt die Stärken und Schwächen des Unternehmens bestens. Den Zweiflern, die ihr das nötige Quantum an Führungsqualitäten absprechen, nimmt die hochschwangere Martullo schnell den Wind aus den Segeln. Wenige Wochen nach dem Amtsantritt verkündet sie die erste Strategieänderung: «Wir wollen keine Beteiligungsgesellschaft mehr sein.»

Ihr Vater hatte einst mit Hilfe des Bankiers Martin Ebner ein strammes Beteiligungspaket geschnürt. Zeitweise haben die Finanzerträge gegen die Hälfte an den Konzerngewinn beigesteuert. Martullo hält nichts von solch volatilen Geschäften. Vor allem das Paket an Lonza ist ihr ein Dorn im Auge; Blocher übernahm 2002 knapp die Hälfte der Lonza-Beteiligung seines Freundes Ebner, um den drohenden Zusammenbruch von dessen Finanzgruppe zu verhindern. (Übrigens vergeblich.) Auf den Wertschriftenpositionen muss Ende 2003 eine Wertberichtigung von 230 Millionen Franken vorgenommen werden. Auch nach dem Abschreiber liegen Wertschriften für weit über eine Milliarde im Ems-Tresor. Martullo baut diese Positionen in relativ kurzer Zeit ab.

Lieferant der Jahres

Ihr wichtigster Schritt für die künftige Prosperität der Ems ist die Konzentration auf vielversprechende Geschäftsfelder. Wo keine Synergien erkannt werden, setzt sie das Messer an. 2004 wird Inventa-Fischer verkauft. Ein Jahr später erfolgt die Abspaltung der Feinchemikalientochter Ems-Dottikon. Konsequent mistet die Jungchefin auch die Produktpalette aus. «Magdalena Martullo hat Produkte mit schwachen Margen aus dem Sortiment geworfen und sich dafür auf die margenstarken polymeren Werkstoffe konzentriert», sagt Philipp Gamper, Analyst bei der Bank J. Safra Sarasin. Und dies mit durchschlagendem Erfolg. Die Hochleistungspolyamide aus dem Bünder Dorf Domat/Ems sind weltweit vor allem in der Automobilindus­trie gesucht. Dank Eigenschaften wie starker Belastbarkeit, geringem Gewicht, Hitzebeständigkeit, Korrosions- und Witterungsfestigkeit dienen Polyamide zunehmend als Metallersatz. «Es gibt nicht viele Firmen auf der Welt, die derart gut sind bei Hochleistungspolymeren. Ems ist höchst innovativ», lobt Martin Schreiber, Analyst der Zürcher Kantonalbank.

Das haben auch die Autobauer erkannt. General Motors hat Ems drei Jahre hintereinander zum «Lieferanten des Jahres» gekürt. Dank Spitzenqualität lassen sich höchste Preise für die Polymere einfordern. Und so blieb 2013 in dieser Division eine Ebit-Marge von saftigen 19,7 Prozent hängen. Die Konzentration auf dieses Geschäft zeigt sich auch im Umsatzmix; 86 Prozent entfallen auf Hochleistungspolymere, der Rest auf Spezialchemikalien. Die Abhängigkeit von einer Branche kann allerdings auch ins Auge gehen. «Die Automobilindustrie als Hauptabnehmer ist ein Klumpenrisiko», stellt Gamper fest. Aus diesem Grund versucht Martullo, die Ems-Kernkompetenz bei Polymeren auf andere Bereiche auszudehnen, so Optik, Telekommunikation oder Bauwesen.

Getrieben

Weitsichtig war ihr Entscheid, das China-Geschäft auszubauen. Bereits ihr Vater hatte im Riesenreich vorgefühlt und Niederlassungen eingerichtet, doch eher zögerlich. Martullo dagegen hat ­geklotzt und «frühzeitig erkannt, welche Chancen China bietet», sagt Martin Schreiber von der ZKB. Der Kapazitätsausbau im künftig weltgrössten Automarkt zahlt sich schon heute aus; im vergangenen Jahr ist der Umsatz in China um 28 Prozent gewachsen, auf Konzern­ebene waren es 7,4 Prozent.

Magdalena Martullo ist erst 44 Jahre alt, hat schon viel erreicht – und ist hungrig nach weiteren Erfolgen. «Sie ist eine ­Getriebene», meint ein früherer Ems-Verwaltungsrat. Was sie speziell antreibt, so wird aus ihrem Umfeld mehrfach bestätigt, ist ihr Vater; sie will besser, schneller, leistungsstärker sein als der alte Patron. «Sie versucht, ihn in jeder Beziehung zu übertrumpfen», meint derselbe Verwaltungsrat. Zwar verehre sie ihren ­Erzeuger, sitze manchmal am Sonntag mit ihm zusammen und bespreche Probleme der Firma. Doch im Unternehmen hat Blocher nichts mehr zu melden. In ihrem engsten Umfeld wird eine erhellende Episode erzählt. Christoph Blocher überliess nach der Wahl zum Bundesrat seiner Tochter das Büro in Herrliberg ZH. Als er eines Tages hereinschaute, weil er etwas vergessen hatte, soll sie ihn angeschnauzt haben: «Was machst denn du hier? Das ist jetzt mein Büro.» Martullo kann noch so erfolgreich sein – aus dem Schatten ihres Vaters vermag sie nicht ganz zu treten. Er bleibt der Star, wenn er an Generalversammlungen der Ems auftaucht. Wenn Christoph Blocher mit Gattin Silvia einmarschiert – durch den Gästeeingang notabene –, brandet jedes Mal grosser, lang anhaltender Applaus auf. Martullo wird mit höflichem Beifall bedacht.

Ihr Hauptproblem, so meint ein ehemaliges Kadermitglied, sei die fast schon panische Angst, ihre Autorität zu verlieren. «Sie muss immer wieder zeigen, wer der Chef im Laden ist.» Martullo geht hart um mit Untergebenen, kann verletzend sein und stellt ihr missliebige Personen erbarmungslos bloss. Sogar vor den eigenen Verwaltungsräten macht sie nicht halt. Als einer dem Gremium mögliche Versicherungslösungen für die Ems-Gruppe vorstellte, unterbrach sie ihn harsch und meinte, sie habe das ­Gefühl, er vertrete nicht ihre Interessen, sondern jene der Versicherungskonzerne. «Der ist erschüttert aus dem Sitzungsraum gestürmt», beobachtete ein anderer Verwaltungsrat. Unvergessen auch die Szenen, als sie vor laufender Fernsehkamera im Kreis von zwei Dutzend Kadermitgliedern mehrere von ihnen wie Schulbuben herunterputzte.

Unerwünscht

«Sie erträgt höchstens leise Kritik, und auch dies nur unter vier Augen», meint eine einstige Führungskraft. Doch wehe, Kritik wird in der Öffentlichkeit laut. Dann gerät Martullo in Rage und ist Jahre später noch nachtragend. BILANZ schrieb sie im Januar mehrmals an und bat um ein Gespräch. Sie hat nicht einmal geantwortet. Und als der BILANZ-Journalist jüngst an die Ems-Pressekonferenz gehen wollte, wurde ihm der Zutritt verwehrt. Ein Aufpasser meinte barsch: «Sie sind hier nicht mehr erwünscht.» Vor der Presse betont Martullo, der ­BILANZ-Journalist erhalte keine Informationen mehr und sei für immer von Medienkonferenzen ausgeschlossen. Der Wink an die Vertreter der schreibenden Zunft war unverbrämt: Wer mich kritisiert, den trifft der Bannstrahl. Noch während ihrer Ausführungen entlud sich unter den ­Journalisten ein Twitter-Gewitter über Martullos Umgang mit der Presse.

Der von ihr kritisierte Artikel ist fünf Jahre alt. Zwei Sätze, die ihr sauer aufgestossen sind, zeigte sie auf einer Leinwand. Erstaunlich dabei: Bei der ersten Aussage handelt es sich um eine Bildunterschrift («Die Zeiten, als es der Ems-Chemie und damit Domat/Ems gut ging, sind vorbei»), der zweite von ihr kritisierte Satz war das Zitat eines Ems-Vorarbeiters («Im Werk sind viele Arbeiter psychisch angeschlagen»). Im Artikel wurde beschrieben, wie bei Ems im ersten Quartal 2009 wegen der Krise 40 Prozent des Umsatzes wegbrachen. Als massiv Arbeitsplätze abgebaut wurden, machte sich in der Region Angst breit. Martullo dagegen sprach von «einzelnen Entlassungen». Nun sind Entlassungen in Krisenzeiten beileibe nichts Aussergewöhnliches. Die Chefin dagegen wollte partout nur von Kurz­arbeit wissen.

Jahre später lieferte ein ehemaliger Weggefährte Christoph Blochers die ­Erklärung für Martullos anhaltenden Grimm. Blocher habe als Ems-Chef mehrmals ausgeführt, ein guter Unternehmer stelle nur so viele Leute ein, wie er tatsächlich brauche. Wer Arbeiter entlasse, der führe seine Firma falsch. Für Magdalena Martullo waren die Entlassungen das Eingeständnis einer Niederlage – und dies gegenüber ihrem Vater. Das muss sie bis heute wurmen.

Machtdemonstrationen

Ein rotes Tuch für Martullo sind auch die Gewerkschaften. Ein Vertreter meint: «Ihr Vater war schon ein harter Knochen, doch sie ist noch um einiges härter.» Längst kuschen die Vertreter der Arbeitnehmer. Wer ­öffentlich etwas zu sagen wagt, versteigt sich in Nettigkeiten. Bedenklich ebenso, dass auch Bündner Politiker ihren Kopf nicht mehr zu heben wagen. «Wer Martullo kritisiert, der geht das Risiko eines politischen Selbstmords ein», sagt einer – natürlich anonym. Ems ist einer der grössten Arbeitgeber der Region, und diese Karte spielt die Chefin bei jeder ­Gelegenheit aus. So hat sie die Bündner Herrschaften gut im Griff.

«Ich frage mich, weshalb kein Verwaltungsrat ihr den Bettel vor die Füsse geschmissen hat.» Der dies sagt, ist selbst jahrelang in diesem Gremium gesessen. Eine Erklärung ist, dass Martullo gut ­bezahlt. Nicht nur die Führungskräfte und die Arbeiter, auch sich selbst. Für 2012 liess sie sich ein Salär von 1,2 Millionen Franken überweisen. «Die Vergütungen an den Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung von Ems sind angemessen. Dies sowohl in absoluten Beträgen wie auch in Relation zur Profitabilität», führt Gregor Greber vom Vermögensverwalter zCapital an. Sowieso ist ihr Salär klein im Vergleich zur familiären Haupteinnahmequelle, den Dividenden. Christoph Blocher war in Sachen Dividendenpolitik immer sehr zurückhaltend, er behielt das Geld lieber im Unternehmen. «Du sollst nicht vom Unternehmen leben, sondern für das Unternehmen», lautet eine seiner Lebensmaximen. Deshalb richtete die Ems zwischen 1997 bis 2002 auch keine Dividende aus.

Seine Nachfolgerin dagegen denkt da diametral anders. Magdalena Martullo können die Ausschüttungen nicht hoch genug sein. Sie will so rasch als möglich die Schulden abstottern, die ihr der Vater durch die Überschreibung der Aktien aufgebürdet hat. In einzelnen Jahren lag die Ausschüttung der Ems-Chemie an die Aktionäre sogar über dem erarbeiteten Gewinn. Seit 2004 wurden im Durchschnitt 90 Prozent des Jahresgewinns an die Anteilseigner abgeführt. Das ist fast doppelt so viel, wie Schweizer Industriefirmen aktuell ausschütten.

Geldsegen

Ems hat über die letzten zehn Jahre ihren Aktionären mehr als 1800 Millionen Franken bezahlt, die für 2013 anstehende Ausschüttung von knapp 260 Millionen nicht eingerechnet. Alleine die Blocher-Sisters dürften gut und gerne 1,2 Milliarden kassiert haben. Martullo strich, grob geschätzt, 500 Millionen ein. Das von ihrem Vater erhaltene Aktien­paket hatte einst einen Börsenwert von knapp 500 Millionen. Dafür musste sie sich mit etwa 450 Millionen verschulden. Vom Dividendensegen bleibt auch nach Steuern und Schuldzinsen ein zünftiger Batzen zum Abstottern der Schuldenlast.

Sowieso drücken die Schulden nicht mehr. Ihre Ems-Aktien sind 2,4 Milliarden Franken wert. Nun sorgt sie sich darum, dass der Aktienkurs fallen könnte. Denn die Titel sind mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 25 enorm hoch bewertet. Der Effekt, der den Kurs getrieben hat – gute Resultate, enger Markt –, kann sich auch ins Gegenteil kehren. Vorderhand jedoch dürfte Magdalena Martullo weder die Börse noch ihre 2670 Beschäftigten enttäuschen. Für Letztere ist es beruhigend, eine der besten Unternehmerinen der Schweiz an der Spitze zu wissen. Da ist ein Mangel an Sozialkompetenz zweitrangig.

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