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Rohstoffe 
Die Schweiz bald ohne Schoggi?

Kakaobohnen: Jeder Schweizer isst pro Jahr durchschnittlich zwölf Kilo Schoggi.Keystone

Schokolade macht glücklich. Umso bedrohlicher die Nachricht, dass die weltweite Kakaoknappheit Schweizer Herstellern Sorge bereitet. Doch darüber wie schlimm es wirklich ist, herrscht Uneinigkeit.

Von Karen Merkel
18.11.2014

Es ist eine Nachricht, die nervös macht: Schokolade wird knapp. Genauer gesagt: Kakao, und ohne den gibt es nunmal keine Schokolade. Eine Million Tonnen Kakao sollen fehlen bis 2020, berichtet «Bloomberg» am Wochenende. Und das, wo doch weltweit nirgends mehr davon gegessen wird als in der Schweiz – jährlich rund zwölf Kilo pro Kopf.

Da geht der Puls erst wieder ruhig, wenn klar wird: Die Zahl ist alt. Tatsächlich hatten drei grosse Hersteller – Mars, Blommer Chocolate und das Schweizer Schwergewicht Barry Callebaut – im Jahr 2010 eine solche Lücke vorausgesagt, weil das Angebot stagniert und die Nachfrage vor allem in China steigt.

Dennoch sieht Barry Callebaut die Entwicklung mittlerweile mit Gelassenheit – vor allem, weil der Hersteller Gegenmassnahmen getroffen hat. Sprecher Ralph Wermuth sagt: «Mittlerweile gehen wir davon aus, dass weniger als eine Million Tonnen fehlen werden.»

Barry Callebaut schliesst sich damit dem Optimismus der internationalen Kakaoorganisation ICCO an. Deren Chef Laurent Pipotone ruderte beim globalen Branchentreff in Amsterdam im Juni deutlich zurück: «Es sieht nicht danach aus, als ob es ein grosses Problem gäbe», sagte er. Statt eine Million Tonnen Defizit erwartet die ICCO nur noch eine Lücke von 100'000 Tonnen im Jahr 2020, also gerade einmal ein Zehntel der zuvor berechneten Menge.

Mit einfachen Methoden die Ernte verbessen

Da es nicht im Interesse der Hersteller sein kann, die Nachfrage zu senken, gehen sie den logischen Weg: Sie bemühen sich, das Angebot auszubauen. Gerade in der Kakaoproduktion lässt sich die Ernte noch deutlich optimieren. 90 Prozent der Kakaoernte stammt aus Kleinbetrieben von weniger als 5 Hektar Fläche. 5,5 Millionen Kleinbauern bestreiten ihren Lebensunterhalt mit dem Anbau von Kakao.

Hersteller wie Barry Callebaut oder Lindt schalten teils die Zwischenhändler aus, bauen direkte Lieferbeziehungen zu den Anbauern auf und investieren in ihre Weiterbildung. «Wir schulen die Kakaobauern, mit einfachen Methoden ihre Erträge zu verbessern.»

Kakaoanbau soll attraktiv bleiben

Damit kehrt sich das Machtverhältnis zumindest ein Stück weit um: Waren die Kakaobauern lange Verfügungsmasse für die Schokoladenproduzenten und mussten deren Bedingungen akzeptieren, merken diese nun, dass sie beim Anbau auf gute Arbeitskräfte angewiesen sind. Hersteller wie Lindt verschenken etwa Setzlinge und wollen die Bauern «motivieren». Barry Callebaut hat 38 Mitarbeiter in Westafrika eingesetzt, die Anbautipps weitergeben.

Wie weit die Bemühungen allerdings fruchten, ist eine andere Frage. «Die Wirkung der Programme ist schwer abzuschätzen», sagt Andrea Hüsser. Vor allem, da die Hersteller nicht mit genauen Zahlen belegen, was ihre Vorhaben bewirken. «Und es ist sehr schwer, auf der lokalen Ebene tatsächlich etwas zu verändern.»

Der Kakaoanbau hat bei den Kleinbauern ausserdem Konkurrenz bekommen. «In den letzten Jahren sind viele Bauern auf andere Pflanzen umgestiegen, zum Beispiel auf Kautschuk oder Palmöl, weil diese Produkte als attraktiver erschienen», sagt Urs Furrer, Direktor vom Branchenverband Chocosuisse. Das hängt auch damit zusammen, dass der Kakaopreis in den letzten anderthalb Jahren zwar eine Rally hingelegt hat, bevor er sich derzeit wieder etwas tiefer um 2950 Dollar pro Tonne eingependelt hat. In der Langzeitperspektive ist die Entwicklung aber schwach. Er hat sich in den vergangenen 30 Jahren halbiert. Damit wird auch der Anbau weniger interessant.

Angst vor Ebola in den Anbaugebieten

In den letzten Monaten lastete auch die Angst vor Ebola auf den Herstellern. Die Elfenbeinküste und Ghana zählen zu den Hauptbezugsgebieten für Kakao. Zwei Drittel der weltweiten Ernte stammen von dort. Bisher hat die Epidemie in Nachbarländern wie Sierra Leone, Liberia, Nigeria und Guinea gewütet, eine Ausbreitung würde Schokoladen-Produzenten erheblich belasten.

Ingesamt ist die Produktion in den letzten Jahren rückläufig. Wurden 2010 noch 4,3 Millionen Tonnen Kakao geerntet und ausgeliefert, waren es 2013 noch 3,9 Millionen Tonnen. Das sind 380'000 Tonnen weniger – trotz steigendem Bedarf.

«Alle anderen Annahmen sind naiv»

Ist also der Optimismus der Anbieter verfrüht,  die Nachfrage bedienen zu können? Die optimistische Prognose des Kakaoverbandes ICCO jedenfalls erntete umgehend deutlichen Widerspruch. Er stehe zu der Kalkulation von 2010 und der befürchteten Lücke von einer Million Tonnen Kakao im Jahr 2020, sagte Andy Harner, Vize-Kakaochef beim Schokoladenriesen Mars. «Alle anderen Annahmen sind naiv.»
 

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