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Die Schmidheinys (Teil 1): Tödliche Milliarden

Friedhof in Niederurnen: In der Gemeinde tritt der bösartige Lungenfelltumor weit überdurchschnittlich auf. In neun von zehn Fällen verläuft er tödlich.

Die Schmidheinys kannten die Gefahren von Asbest. Viel zu spät verzichteten sie auf die riskante Faser.

Veröffentlicht 26.03.2003

In Niederurnen herrscht das Gesetz des Schweigens. Die Bewohner der gesichtslosen Streusiedlung, eingeklemmt zwischen einer massiven Felswand und der Autobahn Zürich–Chur, äussern nur widerwillig Kritik am wichtigsten Arbeitgeber vor Ort. Individuelle Befürchtungen und Ängste werden von den Ortsansässigen seit Generationen tapfer hinuntergeschluckt. Obwohl es sich nicht länger leugnen lässt, dass die Arbeitsbevölkerung in dieser Landesgegend einer signifikanten Häufung tödlicher Lungenkrankheiten ausgesetzt ist, wird in vielen Familien noch immer eisern über die Hintergründe der industriellen Langzeitseuche geschwiegen.

Auf dem Friedhof der Kommune liegen Dutzende von ehemaligen Belegschaftsmitgliedern der Eternit AG begraben. Überdurchschnittlich viele der hier bestatteten Werksmitarbeiter sind einem bösartigen Lungenfelltumor – in der Fachsprache Mesotheliom genannt – erlegen. In anderen Regionen der Schweiz tritt diese in neun von zehn Fällen tödlich verlaufende Krankheit nur äusserst selten auf. Nicht so in Niederurnen und Umgebung, wo viele gleich mehrere Mesotheliom-Opfer aus ihrem Bekanntenkreis aufzählen können und dennoch kaum einer bereit ist, offen über die Hintergründe des erschreckenden Phänomens zu sprechen. So müssen die im Schatten der Dorfkirche aufgereihten Grabsteine vorläufig noch stummes Zeugnis ablegen von den humanitären Kosten der jahrzehntelangen Asbestzementproduktion in Niederurnen, dem Hauptsitz der einst weltumspannenden Eternit-Gruppe.

Dem Tüftler Ludwig Hatschek, Sohn eines österreichischen Bierbrauers, wird die Erfindung von Eternit, einer Mischung aus Asbest und Zement, zugeschrieben. 1900 zum Patent angemeldet, entwickelte sich das nach dem lateinischen «aeternus» (ewig) benannte Gemisch rasch zu einem begehrten Baustoff; innert Jahren wurde Eternit zu einem international gebräuchlichen Synonym für Asbestzement. In der Schweiz weckte Hatschecks Erfindung das Interesse der Industriellenfamilie Schmidheiny, zu deren angestammten Domänen Ziegelei und Zementproduktion das formstabile Konstruktionsmaterial gleichsam organisch zu passen schien.

1920 beteiligte sich Ernst Schmidheiny (1871–1935) an der Fabrikationsanlage in Niederurnen, dem Nukleus des späteren Eternit-Imperiums. Die Übernahme sollte sich auszahlen, denn dem neuartigen Baustoff war ein rasanter Aufstieg beschieden: Hausfassaden, Dächer, Wandverkleidungen, Wasserrohre, Kabelschächte, Autounterstände, Baubaracken, Gartenhäuser, Abortanlagen, Stallentlüftungen, ja selbst Plakatsäulen, Schirmständer und Blumenkistchen wurden in der Folge mit Asbestzement aus den Werken der Eternit-Gruppe gefertigt. Allein in der Schweiz fand das graue Allerweltsmaterial bis vor wenigen Jahren in über 3000 Produkten Eingang.

Die vermeintliche Wunderfaser weist in der Tat bestechende technologische Merkmale auf: Asbest ist absolut hitzebeständig, isoliert hervorragend, widersteht Säuren und weist bei hoher Flexibilität eine überdurchschnittliche mechanische Festigkeit auf. Was die Bearbeitung der Faser für den Menschen so heimtückisch macht, ist die ausserordentlich lange so genannte Latenzzeit bis zum Eintritt einer allfälligen Erkrankung. Nachdem mikroskopisch feine Asbestpartikel in die Atemwege gelangt sind, verstreichen im Allgemeinen 20 bis 40 Jahre, bis ein dadurch verursachter Brust- oder Lungenfelltumor zum Ausbruch kommt.

Erst allmählich werden die Spätfolgen der bis Mitte der Siebzigerjahre herrschenden Asbesteuphorie in ihrem alarmierenden Ausmass sichtbar. In den Industrieländern ist Asbest heute die mit Abstand häufigste Ursache berufsbedingter Sterblichkeit – noch vor den Unfallrisiken im Werks- und Pendlerverkehr. Jeder hundertste Europäer werde in den kommenden Jahren an asbestverursachtem Krebs sterben, lautet die düstere Prognose der European Respiratory Society. Sogar die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), die das Problem jahrzehntelang heruntergespielt hat, rechnet neuerdings für die Schweiz mit 50 bis 70 neuen Mesotheliom-Fällen pro Jahr. Eine Zeitbombe ersten Ranges.

«Fünfzig Jahre Omertà genügen», bricht der Glarner Gewerkschaftssekretär Franco Basciani das unheilvolle Schweigen. Basciani, der in den Achtzigerjahren in Niederurnen in der Rohrproduktion beschäftigt war, kennt den Kontaminierungshorror aus eigener Anschauung. Mit dem Fabrikmanagement geht er im Rückblick scharf ins Gericht. Die Schutzmassnahmen gegen den Asbeststaub seien zu jener Zeit «absolut ungenügend» gewesen, kritisiert der gebürtige Italiener: «In jeder Phase der Rohrbearbeitung wurde Asbeststaub freigesetzt. Kein Einziger von uns hatte damals eine Schutzmaske vor dem Gesicht. Dass von der Geschäftsleitung seinerzeit Masken verteilt worden seien, ist die grösste Lüge, die ich kenne». Nie im Leben werde er es den Verantwortlichen der Eternit verzeihen, gibt Basciani zu verstehen, dass man ihn Anfang der Achtzigerjahre einen Arbeitsvertrag unterschreiben liess, «ohne den geringsten Hinweis darauf, dass in der Fabrik Asbest verarbeitet wurde und der Kontakt damit tödlich sein kann». Denn: «Hätte ich es gewusst, wäre ich keine Sekunde bei Eternit zur Arbeit gegangen.» Noch ist der Vater von drei kleinen Kindern augenscheinlich gesund und muss lebenslang bangen, ob es so bleibt.

Zwei Jahre bevor Ernst Schmidheiny senior bei einem tragischen Flugzeugabsturz ums Leben kam, hatte Max Schmidheiny (1908–1991) – damals gerade 25 Jahre alt – die Leitung des Glarner Eternit-Werks übernommen. Nahezu alles, was der Vater von Thomas und Stephan in die Hand nahm, verwandelte sich nach ein paar Jahren in Gold. Nicht einmal der Zweite Weltkrieg konnte seinen Expansionsdrang stoppen: «Sir Max», wie er von Zeitgenossen ehrfurchtsvoll genannt wurde, arrangierte sich sowohl mit den Nazis als auch mit den Alliierten und belieferte beide Kriegslager parallel. «Verkaufen, wo man verkaufen kann», lautet sein von Opportunitäten diktiertes Geschäftsmodell.

Auch nach dem Krieg riss die Glückssträhne der Familie nicht ab: Neben dem Aufbau des Optik-Unternehmens Wild in Heerbrugg diversifizierte Max Schmidheiny in alle erdenklichen Richtungen, baute im St.-Galler Rheintal Strassenbahnen und Wasserkraftwerke, stellte Zündhölzer her, wurde Nationalrat und engagierte sich vorübergehend sogar in der helvetischen Erdölforschung. Was den Baustoffbereich als tragende Säule des Familienimperiums betraf, so kümmerte sich Max Schmidheiny vorab um die
europäischen Zementinteressen und das artverwandte Eternit-Geschäft, während sein Bruder Ernst junior (1902–1985) von der Westschweiz aus die weltweite Expansion vorantrieb.

Auf dem Höhepunkt des Eternit-Booms beschäftigte die Gruppe mit Hauptsitz in Niederurnen weltweit über 20 000 Mitarbeiter und erzielte einen Jahresumsatz in der Grössenordnung von zwei Milliarden Schweizerfranken. Nicht ausgewiesene Minderheitsbeteiligungen an Asbest verarbeitenden Betrieben in Europa, im Nahen Osten und an diversen Standorten in der Dritten Welt kamen hinzu. Für Zehntausende von schlecht ausgebildeten, vielfach ahnungslosen und in den meisten Fällen völlig unzureichend geschützten Fabrikarbeitern rund um den Globus war das Risiko, dass freigesetzte Asbestpartikel in die Atemwege gelangen konnten, gewissermassen jobimmanent.

Bei der Erbteilung im Jahr 1984 waren Stephan Schmidheiny unter anderem die weltweiten Asbestzementaktivitäten zugefallen, während der um zwei Jahre ältere Bruder den ganzen Zement- und Betonteil übernommen hatte. Aus den Gremien der Eternit-Gruppe zog sich Thomas zu jenem Zeitpunkt konsequenterweise zurück. Gegen den Widerstand des Vaters, der sich in der Asbestfrage zeitlebens als halsstarrig erwies, hatte Stephan Schmidheiny bereits acht Jahre zuvor – in der Funktion eines VR-Delegierten der Gruppe – den «Weg aus dem Asbest» öffentlich propagiert (siehe «Chronologie des Zögerns» auf Seite 62). Der äusserst langwierige, sich über beinahe zwanzig Jahre hinziehende Prozess bis zur Vollendung dieses Versprechens wurde an verschiedener Stelle ausführlich beschrieben. Kompetent wiedergegeben sind die frühen Etappen der schrittweisen Substitution und die Hindernisse, die es dabei zu überwinden galt, etwa im 1985 erschienenen «Eternit-Report» von Werner Catrina.

Entscheidende Fragen blieben bis heute ungeklärt: Hat Stephan Schmidheiny den deklarierten Asbestverzicht bewusst bis Mitte der Neunzigerjahre verzögert? Wurde die Substitution in den Fabriken aus kommerziellen Gründen zeitlich erstreckt? Und vor allem: Sind zu jedem Zeitpunkt sämtliche zum Schutz der Arbeiter möglichen Massnahmen auch tatsächlich ergriffen worden? Erich Heini, langjähriger Pressesprecher von Stephan Schmidheiny, ist überzeugt: «Im Eternit-Dossier muss man ihm rückblickend ein Kränzchen winden. Wenn er als Unternehmer etwas Gutes vollbracht hat, dann den Ausstieg aus dem Asbest.» Ganz anders präsentiert sich die Situation für Karl Klingler, Spezialarzt an der Zürcher Hirslanden-Klinik: Spätestens seit den frühen Siebzigerjahren, erklärt er, seien die mit dem Einatmen von Asbeststaub verbundenen Gesundheitsrisiken wissenschaftlich erhärtet gewesen. Trotzdem habe man sich in der Chefetage der Eternit-Gruppe aus wirtschaftlichen Überlegungen um das langfristige Wohlergehen der Belegschaft foutiert. Das Fehlen unternehmerischer Verantwortung in der Asbestproduktion bezeichnet Klingler denn auch unverblümt als «eines der trübsten Kapitel in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte». Dutzende von Mesotheliom-Opfern hat der Zürcher Lungenarzt persönlich in den Tod begleitet und weiss daher um deren unsägliches Leid. Um Geschädigten, die noch am Leben sind, zu ihrem Recht zu verhelfen, hat Klingler im Mai 2002 zusammen mit zwei gleich gesinnten Juristen die Vereinigung für Asbestopfer und Angehörige (VAO) gegründet. «Auch in der Schweiz haben unzählige Menschen ihr Leben für jemanden gelassen, der heute Milliardär ist», deklariert er unverblümt. «Bei der Mehrzahl der Opfer handelt es sich um Gastarbeiter aus Italien, einfache Leute, die sich nicht wehren konnten. Das stört mich an der Sache besonders.» Im Zentrum der juristischen und moralischen Aufarbeitung steht heute die Frage: War es legitim, so lange mit Asbest weiterzuproduzieren, um den Konkurs der Eternit-Gruppe aufzuhalten, wohl wissend, dass Jahrzehnte später unzählige Mitarbeiter an den Folgen ihres ahnungslosen Tuns sterben würden?

Schweres Geschütz gegen die Eternit und ihre Hintermänner fährt der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello auf. Alarmiert durch eine wachsende Zahl von italienischen Staatsangehörigen, die in Niederurnen gearbeitet haben und nach der Rückkehr in ihre Heimat einem durch Asbestexposition hervorgerufenen Tumor erlegen sind, ermittelt der auf Arbeitsrecht spezialisierte Staatsanwalt wegen fahrlässiger Tötung. War vor Jahresfrist in der Schweizer Presse noch von zwölf Todesopfern die Rede, auf die Guariniello seine Untersuchungen stützt, so hat sich diese Zahl mittlerweile fast verdoppelt: «Allein im Piemont sind uns bis heute 22 Asbestopfer bekannt, die in Niederurnen beschäftigt waren», präzisiert der italienische Ankläger. «Und es werden noch mehr dazukommen.» In
einem entsprechenden Rechtshilfeersuchen an die Schweiz verlangt Guariniello die Herausgabe sämtlicher Unterlagen über die seit der Werksöffnung bei der Eternit beschäftigten Italiener sowie die damit in Zusammenhang stehenden Krankendossiers der Suva. Eternit-Erbe Stephan Schmidheiny, an den die massiven Vorwürfe adressiert sind, zieht es vor, auf eine persönliche Stellungnahme zu verzichten. «Ich bin der Sprecher von Herrn Schmidheiny», gibt sich derweil der Zürcher PR-Stratege Peter Schürmann als Parolenträger des angeschossenen Milliardärs zu erkennen. «Zu Verhandlungen oder laufenden Verfahren nehmen wir grundsätzlich keine Stellung», blockt der Krisenbeschwichtiger im Auftragsverhältnis betreffende Anfragen routiniert ab. Den vorläufig letzten Schritt seines Rückzugs ins Private gab Stephan Schmidheiny – internes Kürzel: STS – im August letzten Jahres bekannt. Entnervt über die wieder aufgeflammte Asbestdiskussion, gab der zurückgezogen lebende 55-Jährige das Präsidium seiner Anova Holding überraschend ab und legte die Kontrolle über das Beteiligungsvehikel, bei dem die weltumspannenden Eternit-Interessen früher gebündelt waren, in die Hände seines langjährigen Beraters, FDP-Ständerat Hans-Rudolf Merz. Nachdem er sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert persönlich um die Asbestproblematik gekümmert habe, liess der jüngere der beiden Schmidheiny-Brüder per Communiqué verbreiten, seien jetzt neue Köpfe mit neuen Ansätzen gefragt.

Stephan, der schon immer als umtriebiger und im Vergleich zu seinem um zwei Jahre älteren Bruder Thomas auch als smarter galt, hatte diesem 1990 die inländische Eternit-Gesellschaft inklusive der beiden Produktionsstätten in Niederurnen und Payerne VD zu einem nicht veröffentlichten Preis verkauft. Sämtliche ausländischen Asbestzementaktivitäten verblieben dagegen im Portefeuille von Stephan und wurden unter dem Dach der damals neu ins Handelsregister eingetragenen Nueva Holding zusammengefasst. Thomas Schmidheiny – Kürzel: THS – wurde bei diesem Deal unversehens mit in Sippenhaft genommen. «Kein Kuckucksei» sei ihm hier ins Nest gelegt worden, befand zum Zeitpunkt der Transaktion zwar die «Neue Zürcher Zeitung», sondern eine im Wortsinn «renovierte Firma».

Zumindest war THS anfänglich so clever, das historische Herzstück der vom Grossvater mit aufgebauten Asbestzementgruppe als persönliches Investment zu betrachten und folglich darauf zu verzichten, das verfängliche Pfand in sein weltumspannendes Zementimperium zu integrieren. Erst 1997 wurde die Schweizer Eternit AG in den Holcim-Konzern eingegliedert, ein Entscheid, den Thomas Schmidheiny beim jetzigen Stand der Asbestdiskussion mit Sicherheit bereuen dürfte. Hinter den Kulissen wird gegenwärtig denn auch fieberhaft nach Möglichkeiten gesucht, ob und mit welchen rechtlichen Implikationen sich dieser Fauxpas wohl am besten rückgängig machen liesse. Um Zeit zu gewinnen, wurde das Rechtshilfebegehren aus Turin auf Geheiss von THS ans Bundesgericht weitergezogen, wo das heikle Dossier seither liegt. Entgegen der gängigen These, wonach meist schon die folgende, spätestens aber die übernächste Generation das Tafelsilber wieder verjubelt, füllte sich die Familienschatulle der Schmidheinys im Verlauf von über 135 Jahren unaufhaltsam. Den Grundstein zum Multimilliardenimperium hatte Dynastiegründer Jacob Schmidheiny (1838–1905) gelegt, als er 1866 im Rheintal Schloss Heerbrugg samt dazugehörigem Schlosshügel erwarb, in der Nähe eine Weberei und eine Ziegelei installierte und so das Familienunternehmen begründete.

Allen Unkenrufen zum Trotz liefen die Geschäfte der Schmidheinys in der dritten Generation nach wie vor rund. So rund, dass sich der Onkel von Thomas und Stephan nach dem Zweiten Weltkrieg nebst seinen angestammten Aufgaben noch einmal einer völlig neuen, faszinierenden Aufgabe zuwenden konnte. Als Verwaltungsrat (und zeitweiliger VR-Präsident) der Swissair prägte Ernst Schmidheiny II. die Geschicke der nationalen Airline bis Mitte der Siebzigerjahre ganz entscheidend. Bis zur Jahrtausendwende galt auch sein Neffe Thomas, der den VR-Sitz bei der Swissair gleichsam geerbt hatte, als Vorzeigemodell der hiesigen Unternehmerszene. Unter seiner Ägide vollzog der Zementriese Holcim (ehemals Holderbank Financière) einen bemerkenswerten Aufstieg. Dank einer glücklichen Hand in der Akquisitionspolitik gelang es THS Schritt für Schritt, den Schweizer Marktführer an die internationale Branchenspitze heranzuführen. Den Umsatz der heutigen Nummer zwei auf dem Weltmarkt hat der bodenständig wirkende Thomas seit seiner Machtübernahme jedenfalls mehr als verzehnfacht.

Vor zweieinhalb Jahren schien die Fortüne des Zementbarons dann allerdings mit einem Mal aufgezehrt. Was folgte, war eine spektakuläre Serie von persönlichen Fehltritten, mit der THS sein Ansehen nachhaltig ramponierte: Swissair, Xstrata, Think Tools heissen die prominentesten Fälle in einer Kette von Pannen und Peinlichkeiten, die der Holcim-Eigner heute als Imagehypothek mit sich schleppt. Bleischwer auf seinem Ruf als Ehrenmann lastet seit Anfang Februar vor allem seine rechtskräftige Verurteilung wegen Insiderhandels im Fall der spanischen Rohstofffirma Asturiana de Zinc, ein Delikt, das Schmidheiny nach iberischem Recht im dümmsten Fall vier Jahre Gefängnis hätte eintragen können. Weil der Holcim-Besitzer jedoch von Anfang an mit der spanischen Antikorruptionsbehörde kooperierte und seine illegale Börsenzockerei öffentlich als «Unüberlegtheit» bedauerte, kam er mit einer vergleichsweise harmlosen Busse von 1,5 Millionen Euro davon.

Was die strafrechtliche Aufarbeitung der Swissair-Pleite angeht, muss sich THS auch auf diesem Gebiet noch auf einiges gefasst machen. Als Vizepräsident, Mitglied im VR-Ausschuss und Kontrolleur bei der belgischen Problemtochter Sabena scheint der Zementmagnat in der Phase des strategisch-finanziellen Blindflugs bei der nationalen Airline tonangebend gewesen zu sein. Umso mehr ist die düpierte Klägerschaft bei der Aufarbeitung des traurigen Kapitels geneigt, die Rolle des von seinen Kritikern zuweilen als entscheidungsschwach abgestempelten Holcim-Besitzers kritisch zu hinterfragen. Neben strafrechtlichen Konsequenzen drohen Schmidheiny und seinen Leidensgenossen aus dem nationalen «Versagerrat» («Blick») zivilrechtliche Schadenersatzansprüche in bisher nicht absehbarer Höhe.

Kommerzieller Erfolg, politischer Einfluss, überdurchschnittliches Sozialprestige – und jetzt das: In der vierten Generation dreht die Performancekurve der Schmidheinys anscheinend unwiderruflich nach unten. Verschiedene Indikatoren weisen darauf hin, dass die mächtigste Industriellendynastie des Landes ihren Leistungszenit überschritten hat. Wie von Thomas Mann am Beispiel der Buddenbrook-Familie exemplarisch beschrieben, nimmt heute auch die Erfolgsstory der Schmidheinys aus Heerbrugg eine wenig ruhmreiche Wendung.

Ein weiterer Konfliktherd, der die glanzvolle Vergangenheit des Ostschweizer Industriellengeschlechts arg strapaziert, schwelt seit geraumer Zeit in Südafrika. Richard Spoor, ein Rechtsanwalt aus Johannesburg, der sich auf die Verteidigung von Asbestopfern spezialisiert hat, droht den Verantwortlichen der bis 1992 am Kap tätigen Eternit-Tochter Everite mit einer Sammelklage. Nachdem es Spoor kürzlich gelungen ist, die vormalige Minengesellschaft Gencore in einem aussergerichtlichen Vergleich zur Zahlung von 50 Millionen Dollar zu verpflichten, deutet vieles darauf hin, dass ein ähnlich gelagerter Kompromiss auch für Stephan Schmidheiny ins dicke Tuch gehen könnte.

Hans-Rudolf Merz, Koordinator der von STS vor rund einem halben Jahr ins Leben gerufenen «Asbest-Task-Force», bestätigt dessen Interesse an einem vorgezogenen Vergleich. Unter Verweis auf die geringere Grösse von Everite temperiert er allerdings ab: «50 Millionen sind mit Sicherheit viel zu hoch gegriffen.» Auch dem cleveren FDP-Politiker ist indessen längst klar, dass es mit ein paar Tausend Franken nicht getan sein wird. Die Skala, gibt er sich haushälterisch, sei aber bestimmt nicht nach oben offen. Merz: «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht eine Pandora-Büchse öffnen.»

Falls nachgewiesen werden kann – und vieles deutet darauf hin –, dass im Produktionsbereich der Eternit-Gruppe wider besseres Wissen gegen elementarste Vorsichtsmassnahmen verstossen worden ist, dürfte es in absehbarer Zeit auch in der Schweiz zu Haftpflichtklagen in Millionenhöhe kommen. Das in den Vereinigten Staaten populäre Instrument der Sammelklage existiert hier zu Lande zwar nicht, sodass Schadenersatzforderungen in jedem Fall individuell durchgesetzt werden müssen. Wenn man die Zahlen jedoch nur schon grob überschlägt, wird rasch ersichtlich, welch astronomische Summen potenziell zur Diskussion stehen: Mindestens 80 Prozent des Asbests, der in den Siebziger- und Achtzigerjahren in die Schweiz gelangte, wurde von der Eternit verarbeitet. Vier Fünftel des gesamten Materials – zu Spitzenzeiten waren das 30 000 Tonnen pro Jahr – gingen folglich durch deren zwei Schweizer Fabriken, auch wenn sich selbstverständlich nicht wegdiskutieren lässt, dass der grösste Teil der bisher registrierten Asbesterkrankungen in nachgelagerten Branchen wie dem Isolations- und Baugewerbe aufgetreten sind. Unter der Annahme von bisher 2000 Asbestopfern spricht der Lungenarzt Karl Klingler allein für die Schweiz von einer potenziellen Entschädigungssumme in Höhe von einer Milliarde Franken. Wenn man anfängt, das Ganze durchzurechnen, kann einem schwindlig werden.

«Stephan Schmidheiny lässt sich rund um den Globus als ökologischer und sozialer Vordenker feiern. Dabei wurde sein Reichtum auf dem Rücken von Zehntausenden von Toten erarbeitet», sagt Doktor Klingler von der Zürcher Hirslanden-Klinik und bringt damit seine Meinung schonungslos auf den Punkt. Und Gewerkschaftsfunktionär Franco Basciani, der in Niederurnen beschäftigt war, pflichtet ihm bei: «Die Art und Weise wie die Eternit mit ihrer Firmengeschichte umgeht, ist skandalös.» Was die Auswirkungen der Asbestproduktion auf die Gesundheit der Mitarbeiter betreffe, sei sein Vertrauen in die Ärzte im Umfeld der Niederurner Fabrik längst «unter null gesunken», äussert Basciani seinen tief sitzenden Groll. «Wer in der Gemeinde spricht, wird unter Druck gesetzt. Die Leute haben resigniert und schweigen.» Man sollte das Thema nicht nur juristisch, sondern auch auf politischer Ebene angehen, pflichtet der mit Asbestfällen betraute Rechtsanwalt David Husmann aus Winterthur bei: «Die Eternit AG beherrscht in Glarus alles», bestätigt auch er. «Alle haben Angst.»

«Asbest steht letztlich als Mahnmal für die Ausnützung von Arbeitskräften im kapitalistischen oder marktwirtschaftlichen System», kommt heute selbst ein Mann wie Werner Catrina ins Grübeln. In seinem 1985 erschienenen Buch würdigte Catrina die graduelle Abkehr von der vermeintlichen Wunderfaser noch als industrielle Pionierleistung. «Asbest steht auch für die Feigheit von Industrien, die mit der Faser jahrzehntelang blendende Geschäfte gemacht haben, und für das Treiben raffgieriger Anwälte», schrieb der Publizist vor wenigen Wochen in der «Schweizerischen Arbeitgeber-Zeitung».

Gegen einseitige Schuldzuweisungen und jegliche Form von Panikmache wendet sich der Physiker Hans-Ulrich Spiess, der in den Achtzigerjahren bei der Eternit-Gruppe in führender Position für den Ausstieg aus dem Asbestzement zuständig war. «Vieles wird heute aufgebauscht», beteuert Spiess, der heute unter anderem den Frauenfelder Schleifmittelhersteller SIA Abrasives präsidiert. «Ausgerechnet Stephan Schmidheiny, der wegen seines frühzeitigen Ausstiegs branchenintern immer angefeindet wurde, kommt heute wieder an die Kasse. Das finde ich unfair.» Bezüglich des Ausgangs der mit harten Bandagen geführten Auseinandersetzung gibt sich der langjährige Weggefährte keiner Illusion hin. «Asbest ist eine Never-Ending Story. Sie dauert so lange, bis alle pleite sind, die noch belangt werden können.»

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