2009 ist ein Jahr der Bewährung und der Bewährten. Im BILANZ-Rating der mächtigsten Wirtschaftsführer des Landes, ­heuer bereits zum achten Mal publiziert, ­überstrahlen zwei Lichtgestalten den Rest: Peter Brabeck-Letmathe, Nestlé-Präsident, und Josef Ackermann, Vor­stands­vorsitzender der Deutschen Bank. Keine Zufallstreffer: Dieses Duo stand bereits im Krisenjahr 2008 an der Spitze. Juror Markus Neuhaus, Chef bei Price­waterhouseCoopers Schweiz, zur Wahl: «Nachhaltig erfolgreiches Geschäften stärkt ­gerade in schwierigen Zeiten die Reputation.»

Eines der Merkmale Peter Brabecks ist die Beständigkeit: Nestlé ist seit Jahren auf Kurs, der Umsatz wächst, die Börsenkapitalisierung hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Als einzige Führungspersönlichkeit schaffte Brabeck das Kunststück, sich bei jedem Mächtigsten-Rating seit 2002 unter den ersten zehn zu platzieren. Frühere Sieger, etwa Christoph Blocher, damals Ems-Chef und SVP-Nationalrat, oder Marcel Ospel, damals UBS-Lenker, spielen in der realen ­Wirtschaft längst keine Rolle mehr. Und die Noten anderer Wirtschaftsschwer­gewichte wie Nicolas G. Hayek oder Daniel Vasella erwiesen sich über die Jahre als ungleich volatiler als jene von Brabeck.

Hinter dem Sieger, dem der Titel «Mächtigster Wirtschaftsführer 2009» gebührt, schafften es dieses Jahr vier weitere Industrielle in die Top Ten: Franz Humer (Roche), Johann Schneider-Ammann (Ammann Gruppe, Swissmem), ­Peter Spuhler (Stadler Rail) und Peter Voser (Royal Dutch Shell).

Ein klares Zeichen der prominent besetzten BILANZ-Jury (siehe unter 'Weitere Artikel'): Heute sind die Schaffer von Langfristwerten gefragt. Die Zeit, als Manager aus der boomenden Finanzindustrie die Mehrheit unter den zehn Mächtigsten des Landes bildeten, ist vorbei. «Der Bedeutungsverlust der Banker ist eklatant», konstatiert Juror Thomas Borer-Fielding. Den eisigen Stürmen der Finanzkrise haben dieses Jahr nur die alten Schlachtrösser standgehalten: neben dem zweitrangierten Ackermann Oswald Grübel (UBS, Rang 4) und Konrad Hummler (Bank Wegelin, Rang 7).

Folgerichtig auch, dass mit Philipp Hildebrand erstmals ein Notenbanker in die Medaillenränge gewählt wurde. Hildebrand, ab nächstem Jahr Präsident der Schweizerischen Nationalbank, spielt gemäss Urteil der Fachjury eine massgebliche Rolle bei der Stabilisierung und Regulierung der globalen Finanzwelt. Der 46-jährige global vernetzte Zürcher rückte von Platz vier auf Platz drei vor und profiliert sich als «Mr. Swiss National Bank», weit vor Jean-Pierre Roth (Rang 16), dem scheidenden Nationalbank-Präsidenten.

Kaum Frauen. Gemäss Jury manifestiert sich 2009 ein weiterer Trend: die «Internationalisierung der Schweizer Wirtschaft» (Juror Bjørn Johansson). In der Tat: Unter den zwanzig Topführungskräften haben zwölf wichtige Teile ihrer Karriere im Ausland gemacht und/oder haben einen ausländischen Pass. In den Top Ten treffen diese Kriterien gar auf sieben Wirtschaftsführer zu (Brabeck, Ackermann, Hildebrand, Grübel, Humer, Schwab, Voser).

Eine Ernüchterung ist und bleibt das BILANZ-Rating für Frauen in der Wirtschaft. Ihr Anteil liegt, über alle Kategorien, bei neun Prozent. Am höchsten ist er bei den Ökonomen (21 Prozent), am tiefsten bei den Medienmanagern und Wirtschaftsanwälten (0 Prozent). In den fünf bewerteten Disziplinen brachte es seit 2002 noch nie eine Frau auf einen Spitzenplatz. In der Wirtschaft findet sich die bestplatzierte Frau, Panalpina-Chefin Monika Ribar, heuer auf Platz 57 (Vorjahr 50). Sie und Magdalena Martullo-Blocher (Rang 60), beide Chefinnen grosskapitalisierter Konzerne, waren 2009 mit Krisenbewältigung beschäftigt. Ribar kämpfte gegen den Einbruch im Logistikgeschäft, Martullo-Blochers Ems-Chemie wurde voll von den Sturmböen der Autobranche erfasst. Ausgelastet durch diese Herausforderungen, blieb ihnen kaum Zeit, Einfluss über ihre Branche hinaus wahrzunehmen. Jurorin Doris Aebi: «Mit mehr Frauen in Spitzenpositionen wird automatisch die Wahrscheinlichkeit steigen, dass auch Frauen im Rating ganz vorne dabei sind.»

Insgesamt wurden dieses Jahr 190 Persönlichkeiten – Wirtschaftsführer, Wirtschaftsanwälte, Medienmanager, PR-Berater, Ökonomen – auf ihre interne und externe Macht hin bewertet. Insgesamt nahmen 18 Experten in fünf Fachjurys die Wirtschaftselite unter die Lupe.

Ein Ergebnis, das optimistisch stimmt: Sämtliche Jurys haben im Ranking 2009 höhere Durchschnittsnoten abgegeben als im Krisenjahr 2008, als die Finanzwirtschaft am Abgrund stand. Fazit: Die Glaubwürdigkeit der Wirtschaftsakteure ist wieder am Steigen. Vertrauen ist bekanntlich eine Grundlage für Wachstum.

1. (1.) Peter Brabeck-Letmathe

VR-Präsident Nestlé, Vizepräsident CS, VR Roche / Note 9,03

Sieger Brabeck lebt in der besten aller Welten: Nestlé brummt, hat mit Paul Bulcke einen Chef, dem er seit 25 Jahren vertraut – und als Präsident des mächtigsten Schweizer Konzerns ist er vom Tagesgeschäfts entbunden. ­Also kümmert er sich um den grossen Bogen, um Corporate Governance, den Weg zum Well-being-Konzern, das Megathema Wasser.

Als einer von wenigen Wirtschaftsführern erlaubt sich der 65-Jährige, stets Klartext zu reden. Mal kritisiert er die überdrehte Anreizkultur der Banken, mal den grassierenden Polit-Populismus. Trotz seiner Macht ging die Bodenhaftung nie verloren. Am WEF stemmt er spätabends mit Journalisten ein Bier vom Fass, dann wagt er sich auf universitäre Podien, wissend, dass ihm schriller Protest von Globalisierungsgegnern entgegenschlagen wird. Im Nestlé-VR fällt die Guillotine mit 72 Jahren – es ist ziemlich sicher, dass er weitere Spitzenränge im BILANZ-Rating einnehmen wird. Juror Thomas Borer: «Bei Peter Brabeck kann man lernen, wie man Reputation aufbaut.»

2. (3.) Josef Ackermann

CEO Deutsche Bank / Note 8,71

«Wer in der Krise tatkräftig umsetzen kann, wird hoch bewertet», lautet das Urteil von Juror Markus Neuhaus. Dies gilt speziell für Josef Ackermann, der als einer der profiliertesten Banker weltweit gilt. Der Vorstandsvorsitzende kann für sich in Anspruch nehmen, sein Institut mit vergleichsweise wenigen Blessuren durch die Finanzkrise geführt zu haben. So wichtig ist ­Ackermann für die grösste deutsche Bank, dass sein Kontrakt bis ins Jahr 2013 verlängert wurde.

Eine bedeutende Rolle spielt der 61-Jährige auch als Vordenker bei der Neuordnung des globalen Finanz­systems im Nachgang zur Banken­krise. Er wirkt als Vorsitzender des weltweiten Branchenverbandes ­Institute of International Finance (IIF) und als Präsident der International Monetary Conference. Zudem verfügt er über ein enges Netz von informellen Kontakten zu Entscheidungsträgern in Finanzministerien und Aufsichts­behörden weltweit.

3. (4.) Philipp Hildebrand

Vizepräsident Direktorium Schweizerische Nationalbank / Note 8,46

Der Drittklassierte im BILANZ-Rating ist eine Ausnahmeerscheinung unter Notenbankern: eloquent, wohlgewandet, eitel, einer auch, der sich mit den Grossbankern anzu­legen wagt. Der ehemalige Schwimmmeister, der seine Karriere beim WEF begann, ist international sehr gut vernetzt, ist Stiftungspräsident beim International Center for Monetary and Banking Studies in Genf und Mitglied im Strategieausschuss der Agence France Trésor.

Machtanspruch ist ihm nicht fremd, und wie er die öffentliche ­Meinung für sich einzunehmen weiss, ist beeindruckend. Bei der UBS-­Sanierung agierte er sou­verän. Gemischter sind seine Noten bei der Verhinderung künftiger Krisen. Die Forderung nach noch höheren Kapital- und Liquiditätspuffern stösst bei den Grossbanken auf wenig Gegenliebe. Mit dem Prä­sidium ab 2010 wird er weiter an Statur gewinnen. Hildebrand wandelt auf den Spuren des legendären Fritz Leutwyler.

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