Er ist jung, seine Stimme ist sanft, doch seine Ansagen haben es in sich: «Unsere ­Vision ist, dass wir 50 Mil­liarden Franken verwalten.» Oder: «Mein persönlicher Anspruch ist eine Verdopplung des Gewinns.» Gesagt hat diese Sätze Adrian Künzi (43), Chef der Privatbank Notenstein La Roche, die zur Raiffeisen Gruppe gehört. Das war vor rund drei Jahren.

Die Wirklichkeit ist eine andere. Die verwalteten Vermögen kommen trotz millionenteurer Zukäufe nicht vom Fleck und sind zuletzt sogar leicht auf knapp 
21 Milliarden Franken gesunken. Von einem Franken Einnahmen muss die Bank 83 Rappen für Kosten aufwenden. Der Halbjahresgewinn erreichte mickrige 15 Millionen Franken.

Drastischer Sparplan

Jetzt hat Adrian Künzi seinem Haus einen drastischen Sparplan verordnet: Die ­Kosten sollen um 20 Prozent sinken, bis Anfang 2019 werden 100 Stellen gestrichen, das ist ein Fünftel des Personal­bestands. Auch die Geschäftsleitung von Notenstein La Roche wurde von sieben auf fünf Mitglieder ­verkleinert. Altgediente Wegelin-Banker wie Ivan Adamovich verlassen die Bank.

Patrik Gisel, der seit Oktober 2015 die Geschicke der Notenstein-Mutter Raiffeisen leitet, reisst langsam der Geduldsfaden. «Er will bald Zeichen einer Wende sehen», so ein Insider. Auch Künzi weiss: Ihm läuft die Zeit weg. Gisel hat ihm einen letzten Aufschub gewährt.

Daher steckt Notenstein La Roche 
40 Millionen Franken in die Moderni­sierung der veralteten IT-Plattform. «Im Laufe des Jahres 2018 wollen wir zeigen, dass die Bank organisch gut wächst und der Raiffeisen Gruppe einen höheren Gewinnbeitrag abliefern kann», sagt Künzi im Gespräch.

Gisel steht zu seinem CEO

Öffentlich stärkt der mächtige Raiffeisen-Chef seinem Schützling den Rücken. Auf die Frage, ob die Kreditgenossen Alternativen für ihre darbende Privatbanktochter erwögen, antwortet Gisel: «Wir brauchen keinen Plan B.» Und zur Personalie Künzi sagt er: «Die personelle Besetzung der CEO-Position durch Adrian Künzi steht nicht zur Diskussion.»

Klingt beruhigend. Doch derselbe Gisel gab ähnliche Bestandsgarantien noch in diesem März für die Asset-­Management-Gesellschaft Vescore – um diese dann doch zu verkaufen.

Das erhoffte Wachstum blieb aus

Zur Erinnerung: Künzi hatte versucht, eine eigene Vermögensverwaltung für ­institutionelle Kunden aufzubauen. Neben Privatkunden sollte Notenstein auch Profikunden als Geldverwalter ­dienen. Dafür warb der ehrgeizige ­Notenstein-Chef allein 50 Mitarbeiter aus dem Nachhaltigkeitsteam des Konkurrenten Sarasin ab. Später wurde die Boutique TCMG übernommen.

«Die Auf- und Umbauphase ist abgeschlossen, 2014 wollen wir die Bank zum Blühen bringen», verkündete Künzi. Doch trotz aller Investments: Das erhoffte Wachstum blieb aus. Profitabel war die Sparte nie. Im Oktober 2014 übernahm die Mutter Raiffeisen das Geschäft, das später in «Vescore» umgetauft wurde. Noch im März dieses Jahres ver­sicherte Gisel in der «Finanz und Wirtschaft»: «Wir gehen davon aus, mit Vescore in zwei bis drei Jahren eine Erfolgsstory zu schreiben.» Drei Monate später verkaufte er die Einheit an Vontobel.

Überlegungen zu zwei Alternativen

Damit scheint klar: Sollte Notenstein auch 2018 nicht zum Fliegen kommen, muss Raiffeisen auch im Private Banking noch einmal über die Bücher. Über zwei Alternativen wird laut Insidern nach­gedacht: Da ist zum einen der oft kol­portierte Verkauf der Bank an Vontobel.

Raiffeisen könnte zum Beispiel Notenstein La Roche über ein Tauschgeschäft an die von Zeno Staub geleitete Bank einbringen und im Gegenzug Aktien von Vontobel bekommen. Vontobel würde auf diese Weise das Private Banking stärken, das im Vergleich zum Asset Management immer etwas im Schatten steht. Durch solch eine Beteiligung wäre zudem die Unabhängigkeit der familiendominierten Bank nicht bedroht. Und Raiffeisen könnte über Dividendenzahlungen am Erfolg Vontobels partizipieren und auf diese Weise die Abhängigkeit vom Zinsgeschäft mindern. Vontobel selbst äussert sich nicht zum Thema Notenstein.

Künzi selber glaubt nicht an so ein ­Szenario: «Hätte Raiffeisen Notenstein verkaufen wollen, hätte Raiffeisen kaum unsere Investition von 40 Millionen Franken in eine neue IT-Plattform gut­geheissen», argumentiert er. «Wir sind überzeugt, dass unser soeben kommunizierter Plan A erfolgreich sein wird», ­bekräftigt auch Raiffeisen-Chef Gisel.

Laut Insidern gibt es noch ein zweites Gedankenspiel. Eine Überlegung sei, ­Notenstein komplett in die Raiffeisen Gruppe zu integrieren. Das liefe im Extremfall darauf hinaus, die Bank quasi aufzulösen. «Eine Vollintegration von Notenstein in Raiffeisen wäre auch aus technischen Gründen keine gute Idee, denn die Anforderungen an eine Kernbankenplattform für eine Retail- und eine Privatbank sind sehr verschieden», gibt Künzi zu bedenken.

Weitere Zukäufe

Er formuliert weiter forsche Wachstumsziele: «Wir streben weiterhin mittelfristig an, die verwalteten Vermögen auf 40 Milliarden Franken zu erhöhen. Dazu wollen wir auch wieder zukaufen», sagt Künzi. Dabei kann er auf den Rückhalt der Mutter zählen. Denn Gisel versichert: «Es ist klar, dass dies mehrheitlich über Zukäufe passiert und Raiffeisen als Muttergesellschaft diese auch finanziert.»

Einem Deal in absehbarer Zeit erteilt ­Adrian Künzi aber eine Absage. Denn bevor Notenstein einen weiteren Zukauf ­verdauen kann, muss die Bank ihr Sparprogramm abarbeiten und die Systeme erneuern. «Akquisitionen sind erst möglich, wenn die neue IT-Plattform läuft, also ab ­Sommer nächsten Jahres», präzisiert der Notenstein-Chef. 2014 hatte er den Grossteil der Kundenvermögen der LBBW Schweiz übernommen; im Februar 2015 schluckte Notenstein die Basler Traditionsbank La Roche.

Einst «einen fantastischen Job gemacht»

«Er muss nun beweisen, dass er auch schwierige Situationen meistern kann», so ein Insider. Dass der 43-Jährige trotz ausbleibendem Wachstum noch im Amt ist, sei auch dadurch zu erklären, dass er bei der Blitzgründung der Notenstein «einen fantastischen Job gemacht hat», heisst es.

Anfang 2012 stand bekanntlich die Traditionsbank Wegelin in den USA vor der existenzbedrohenden Strafklage. Binnen 18 Tagen gelang es, das Nicht-US-Geschäft aus Wegelin herauszulösen und in Notenstein einzubringen. 700 Mitarbeiter an 13 Standorten und rund 20'000 Privat- und Geschäftskunden mit rund 
21 Milliarden Franken Vermögenswerten wurden in einem Kraftakt in die neue Struktur übergeführt.

Diversifizierung als Ziel

Rund 570 Millionen Franken zahlte ­damals Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz für die Notenstein an die ehemaligen ­Wegelin-Partner und freute sich wie ein Schneekönig, endlich ein eigenes Standbein im prestigeträchtigen Private Banking zu haben. Notenstein sei ein «Juwel», jubelte Vincenz damals.

Die neue Tochter sollte die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz endlich unabhängiger vom Zinsergebnis machen, das vor allem auf dem Verkauf von Hypo­thekarkrediten beruht. Das Ziel: Zehn Prozent sollen Künzi und seine Private Banker zum Gruppenresultat von Raiffeisen beisteuern – das wären rund 80 ­Millionen Franken.

Davon ist die Notenstein La Roche meilenweit entfernt. «Viele Banken in der Schweiz treten derzeit auf der Stelle», rechtfertigt sich Künzi. Und lehnt sich ein weiteres Mal weit aus dem Fenster: «Ich kenne die Erwartungen von Patrik Gisel und werde diese erfüllen.»

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