Herr Müller, Sie haben mit dem Swiss Venture Club (SVC) den erfolgreichsten KMU-Club der Schweiz aufgebaut. Jetzt treten Sie als Präsident ab. Warum?
Ich bin 67 Jahre alt und habe mit Andreas Gerber einen fähigen Nachfolger gefunden. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Für eine Übergangszeit bleibe ich noch aktiv. Wir haben 200 Freiwillige in der ganzen Schweiz, da will ich noch ein, zwei Jahre helfen. Aber an der Spitze ist 
die Zeit reif für einen Wechsel.

Unternehmervereinigungen gibt es viele. Was macht den SVC mit seinen 2800 Mitgliedern so ­besonders?
Es ist ein Club der positiven Emotionen, unser Netzwerk ist national, in drei Landessprachen und stark regional verankert.

Bekannt ist der SVC vor allem für 
die Preise, die er alle zwei Jahre in sieben ­Regionen vergibt.
Die Prix-SVC-Verleihungen sind veritable Gross­events, wir sind sogar im Hallenstadion in Zürich mit 2000 Gästen aus der Unter­nehmerwelt. Doch die Auszeichnungen für KMUs sind nur das Aushängeschild unserer Tätigkeit. Uns geht es vor allem um das Vernetzen von Menschen und die Förderung des Unternehmertums.

Der Club ist mit der CS verbunden.
Ja, die Bank ist seit über zehn Jahren unser strategischer Partner. Selbstverständlich sind dadurch die Statuten des SVC, namentlich seine Unabhängigkeit und Gemeinnützigkeit, nicht tangiert. Alle unsere 500 Partner leisten, wie übrigens auch die Jury-Experten des SVC, ihren Beitrag im Sinne eines Engagements für den Wirtschaftsstandort Schweiz.

Sie haben in den letzten Jahren über 
300 KMUs ausgezeichnet. Hatten Sie ­irgendwann einmal Angst, dass nicht ­genügend Firmen nachkommen?
Nein, nie, wir haben immer sehr viele Kandidaten. Die Schweizer KMU-Landschaft ist gross, lebendig und vielfältig. Man kann sich auch nicht selber für den Prix SVC bewerben. Ich würde sagen, bereits die Vorselektion stellt eine Auszeichnung dar.

Wenn Sie die letzten 16 Jahre Revue ­passieren lassen: Wie steht die Unternehmensszene in der Schweiz heute da?
Sehr gut. Es gibt sehr viele wunderbare Firmen in diesem Land, viele Unternehmer und Patrons sind einmalig. Die Qualität ist beeindruckend.

Wo liegen die Risiken?
Wir haben vergessen, dass alles nur funk­tionieren kann, wenn wir uns nicht abschotten. Vernetzung ist nicht alles, aber ohne Vernetzung ist alles nichts. In meiner Zeit als Regionenleiter Mittelland bei der Credit Suisse habe ich einfach jeden Mittwoch in der Region Bern neun Unternehmer zum Lunch eingeladen. Dieses Prinzip habe ich später auf die gesamte Schweiz übertragen. Wenn Sie das ein paar Jahre machen, kennen Sie – überspitzt gesagt – das halbe Land.

War die Gründung des SVC ein Statement für mehr Zusammenhalt in der Schweizer Wirtschaft?
Ja. In den nuller Jahren hat es eine gewisse Entfremdung gegeben. Jeder hat seine Märkte gepflegt, seine Ansprechgruppen, seine Verbände, seine Interessen, sein Lobbying. So kam es zur 1:12-Abstimmung oder zur Ablehnung der Unternehmenssteuerreform. Das waren Weckrufe. Die Wirtschaft ist noch immer viel zu stark in Silos organisiert.

Sie spricht schon länger nicht mehr mit einer Stimme, das zeigt doch auch ­Economiesuisse: Der Dachverband wird von Einzelinteressen gelähmt.
Ja, und genau dieses Silodenken muss sich ändern. Die Herausforderungen sind einfach zu gross. Die Komplexität wird immer grösser, die Globalisierung macht das ­Geschäft vielfältiger, die Digitalisierung schüttelt alles durch.

Aber steht die Schweizer Unternehmensszene nicht dennoch vergleichsweise 
gut da?
Gerade bei der Digitalisierung haben wir noch viel Potenzial. Viele haben unterschätzt, was da auf uns zukommt. Jetzt müssen wir aufpassen, dass das Silicon Valley uns nicht alles diktiert. Nehmen Sie etwa den Zahlungsverkehr oder das Retailgeschäft. Ich kenne KMU-Unternehmer, die ihre Firma verkaufen, weil sie sich nicht gewappnet fühlen für die Digitali­sierung.

Dann machen es die jungen 
Leute besser.
Sie machen es nicht besser, sondern anders. Jüngst habe ich einen 30-jährigen KMU-Chef getroffen. Der Elan und der Aufbruchsgeist waren beeindruckend. «Meine Welt ist eine andere als deine», habe ich ihm gesagt. Doch meine Erfahrungen als Unternehmer zählen auch. Ich habe nie so viel gelernt wie in den Firmen, die ich selbst geführt habe. Wir brauchen beide Welten – seine und meine. Wir müssen sie zusammenbringen.

Heute ist der Begriff des Unternehmers viel positiver besetzt als früher. Die ­Unternehmensgründer, nicht nur aus dem Silicon Valley, sind die Helden ­ 
unserer Zeit. Das ist doch ein Vorteil für die Wirtschaft.
Das stimmt. Heute wollen viele junge Leute Unternehmer werden. Das ist für die KMUs eine positive Entwicklung.

Ihr Credo lautet: Im Zentrum muss der Mensch stehen. Das betonen Sie 
deutlich stärker als die jungen Chefs 
von Start-up-Firmen.
Ja, die Menschen treiben mich an. Nehmen Sie den Emmentaler Verpackungshersteller Mopac, den ich im Dezember übernommen habe. In den besten Zeiten hatte er mehr als 240 Mitarbeiter und erzielte 45 Millionen Franken Umsatz. Doch die Firma ging in Nachlassstundung, es gab keine Investoren. Auf Anfrage bin ich dort hin­gefahren, habe mit den Mitarbeitern geredet, ihr Mitdenken und ihre Leidenschaft gesehen und Feuer gefangen. Wir haben über Produkte diskutiert und gemeinsam Emotionen entfacht. Die Reduktion auf 
70 Mitarbeitende war einschneidend, aber dank dem Commitment dieser Menschen ­schreiben wir wieder schwarze Zahlen und liegen deutlich über Budget.

Doch Ihr grösstes Engagement gilt dem Bernapark. Sie haben die alte Karton­fabrik Deisswil übernommen und 
ent­wickeln daraus vor den Toren Berns 
unter diesem Namen einen einmaligen Wohn- und Gewerbepark.
Der Bernapark ist tatsächlich ein Herzensanliegen. Ich habe einige Ideen und hoffe, die Zeit zu finden, sie zu verwirklichen.

Welche genau?
Es kommt hier sehr viel zusammen, was in meinem Berufsleben wichtig war. Wir ­wollen in den nächsten Jahren ein top­modernes Stadtquartier zum Wohnen und Arbeiten erschaffen – mit über 4000 Arbeitsplätzen, 2000 Bewohnern und mehr als 200 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche. Es soll Restaurants geben, und wir planen beispielsweise die Ansiedlung einer Brauerei oder eines Gesundheitszentrums, dazu möchten wir ein Konferenz-Center bauen, eine Erlebnishalle und vieles mehr.

Und das machen Sie alles selbst?
Natürlich nicht, ich arbeite mit Profis 
zusammen, und auch die Bevölkerung ist eng in den Entwicklungsprozess involviert. Ich empfinde dieses Miteinander als sehr erfüllend. Etwas so Grosses geht nur als ­Gemeinschaftswerk. Davon bin ich überzeugt.

* Hans-Ulrich Müller begann bei der Mobiliar und stieg bei der CS zum Leiter des KMU-Geschäfts auf. 2001 gründete er den Swiss Venture Club (SVC) und machte ihn zur erfolgreichsten KMU-­Organisation des Landes. Der Betriebsökonom ist passionierter Unternehmer: Er übernahm die FL Metalltechnik, die Kartonfabrik Deisswil oder letztes Jahr den Verpackungshersteller Mopac. Das SVC-Präsidium übergibt der 67-Jährige jetzt an CS-KMU-Chef Andreas Gerber.

Dieser Artikel erschien zuerst in der September-Ausgabe (09/17) der «Bilanz».

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