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Cashless 
Die geheimen Kosten des Kartengelds

Kontaktloses Zahlen mit Visa: Betrugsbekämpfung geht ins Geld.   Bloomberg

Zahlen mit Karte ist sicherer als mit Bargeld. Damit das so bleibt, tobt hinter den Kulissen zwischen Kartenanbietern und Betrügern ein teures Wettrüsten. Doch wer am Ende zahlen muss, bleibt geheim.

Von Gabriel Knupfer
19.08.2015

Alle Welt spricht von den Kosten des Bargelds. Doch wie steht es eigentlich um die Kosten des Kartengelds? Dieses existiert zwar nicht physisch – doch gestohlen werden kann es bekanntlich trotzdem. Hinter den Kulissen tobt deshalb ein veritables Wettrüsten zwischen Kartenanbietern und Betrügern. Und das geht ins Geld.

«Zahlen mit Karte ist sicherer als mit Bargeld», lautet das Credo von Firmen wie Swisscard AECS oder Six Payment Services. Denn tatsächlich sind Nutzer, die ihre Sorgfaltspflichten erfüllen, gegen Betrug abgesichert. Die Kosten fallen an anderen Stellen an. Bei den Firmen, die die Karten ausstellen, bei den Läden, welche die Terminals sicher halten müssen und nicht zuletzt bei den Kunden in Form von Gebühren und höheren Preisen im Laden.

«Es geht hier um viel Geld»

Nicht ohne Grund sind die Betrugsquoten und deren Kosten ein gut gehütetes Geheimnis in der Branche. «Intern gibt es Studien, das wurde mir bereits bestätigt», sagt Sicherheitsexperte Andreas Wisler von Gosecurity. «Aber konkrete Zahlen rückt niemand heraus.» Die Anbieter möchten verhindern, dass die Benutzer unsicher werden, sagt Wisler: «Es geht hier um viel Geld».

Dass dem so ist, zeigen einige Eckdaten, die Swisscard öffentlich gemacht hat. Um die Betrüger fernzuhalten, beschäftigt die Firma 35 Leute in der Betrugsbekämpfung. Laut Senior Advisor Klaus Rixecker kostet das Swisscard «mehrere Millionen Franken pro Jahr».

Betrüger steigen aufs Internet um

Alleine 15 Angestellte arbeiten bei Swisscard rund um die Uhr an der Früherkennung von Betrug. Dabei zeigt sich laut Rixecker eine starke Tendenz zum Online-Betrug. Gleichzeitig hätten Kartenfälschungen und Kartendiebstahl sehr stark abgenommen. «Seit der Schutz der physischen Karten gestiegen ist, steigen die Betrüger aufs Internet um», erklärte Rixecker an einem Mediengespräch.

Gerade beim sogenannten Phishing werden die Methoden immer raffinierter. Bei der Art des Betrugs geht es darum, über falsche Webseiten und E-Mails oder mit Hilfe von schädlichen Computerprogrammen an die Pincodes der Opfer zu kommen. Swisscard steckt deshalb viel Geld in Sicherheitstechnologien wie die neue 3-D-Secure-App.

10'000 Betrugsfälle im Jahr aufgedeckt

«Wir wissen, dass wir die kriminellen Aktivitäten nicht reduzieren können», so Rixecker, «wir können nur die Hürden erhöhen, so dass wir keine dankbaren Opfer sind». Und das ist Swisscard nach eigenen Angaben gut gelungen. Knapp 10'000 Betrugsfälle im Jahr könne die Firma verhindern sagt Rixecker. Wie viele Betrüger es dennoch schaffen, will der Swisscard-Mann indes nicht sagen. Nur soviel: «Wenn wir untätig wären, wären wir wahrscheinlich schon pleite.»

Die Summe, die Swisscard und andere Kartenanbieter durch Betrug verlieren, ist also nicht abzuschätzen. «Auch meine Kontakte rücken nicht mit diesen Zahlen heraus» sagt Sicherheitsexperte Wisler, das sei ein gut gehütetes Geheimnis. Selbst geschädigte Kunden würden schweigen: «Ich weiss, dass zum Beispiel bei erfolgreichen Phishing-Angriffen der Schaden bezahlt wird, der Geschädigte aber einen Vertrag zur Geheimhaltung darüber unterschreiben muss.»

Die indirekten Kosten des Betrugs

In vielen Fällen bezahlt ohnehin weder der Kartenanbieter noch der Kartenherausgeber (Visa, Mastercard etc.) für die Betrugsschäden. Tatsächlich würden die Kosten auf die Läden abgewälzt, erklärt Andreas Wisler. Diese bezahlen hohe Gebühren und haften für zahlreiche Sicherheitsverstösse. Wenn sie beispielsweise nicht die neuste Technologie einsetzten, seien die Läden für Betrugsverluste selbst verantwortlich, bestätigt auch Rixecker von Swisscard.

Für den Sicherheitsexperten und Hacker Lucky Green gibt es eine klare Daumenregel: «Die Händler tragen die Kosten». Diese würden dann über erhöhte Preise von den Kunden zurückgeholt. Nach seinen Berechnungen gibt es beim mobilen Zahlen einen «Reibungsverlust» von 0,33 Prozent, der aber nicht ausschliesslich auf Betrug zurückgeführt werden kann. Den Läden würden indes viel höhere Gebühren als die 0,33 Prozent verrechnet.

«Im niedrigen einstelligen Promille-Bereich»

«Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, dass die Betrugsrate nicht so hoch ist, wie es scheint», sagt Wisler. «Die Kartenanbieter haben inzwischen sehr gute Systeme um frühzeitig reagieren zu können.» Einen Hinweis liefert hier ein Bericht von Visa aus dem Jahr 2013: «Dank unserer Anstrengungen haben Betrügereien im Visa-System einen historischen Tiefstand von sechs Cents auf 100 Dollar erreicht», schreibt die Firma. Das wäre ein Fraud-Faktor von 0,06 Prozent.

Bei Swisscard liegt die Betrugsquote laut Klaus Rixecker «im niedrigen einstelligen Promille-Bereich». Nachzuprüfen sind solche Angaben nicht. Weil die Zahlen nicht offengelegt werden, lässt sich auch nicht eindeutig sagen, ob Bargeld wirklich so viel schlechter ist als Kartengeld. Genau das aber ist in der laufenden Diskussion um die Abschaffung des Bargelds der springende Punkt.

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