1. Home
  2. Unternehmen
  3. Die einflussreichsten Frauen und Männer der Wirtschaft

* 
Die einflussreichsten Frauen und Männer der Wirtschaft

Peter Brabeck, Rolf Watter, Monika Bütler und Jörg Neef (v.l.o.).

Sie dirigieren Konzerne, polieren das Image und bieten juristische sowie ökonomische Orientierung – und sie alle haben viel Macht: BILANZ ­präsentiert die einflussreichsten Frauen und Männer der Wirts

Von Stefan Barmettler
11.12.2012

Eine Meldung aus der tiefsten Provinz: Auf den 22. Oktober 2012 war Peter Brabeck zum Vortrag «Innovation umsetzen» an die Pädagogische Fachhochschule Bern eingeladen – so wie vor ihm die Chefs von SP und Max Havelaar. Ein spannender Austausch sollte es werden, ganz dem Leitbild der Berner Lehrerausbildungsstätte verpflichtet, «Wissenschaft und Praxis zu verbinden». Doch die Verbindung kam nicht zustande. Nach Protesten von Dozenten lud das Rektorat den Referenten kurzerhand wieder aus.

Brabeck wird den Abend anderweitig verbucht haben, bei einem Konzert der Wiener Symphoniker oder eher in einem Meeting. Er ist mehr denn je gefragt, wie seine prominenten VR-Sitze, Beratermandate und Auszeichnungen aus Schwellen- und Industrieländern belegen. Auch bei den BILANZ-Juroren: Seit elf Jahren, so lange wie das Mächtigsten-Ranking erstellt wird, rangiert der Nestlé-Präsident stets unter den zehn einflussreichsten Managern des Landes. Heuer schafft es der in Bern Verschmähte gar aufs Podest: Die Fachjury wählte Brabeck zum Jahres­sieger und verleiht ihm den Titel «Mächtigster Wirtschaftsführer 2012».

Brabeck zeigt Stehvermögen: Es ist das vierte Mal innert fünf Jahren, dass er ­zuoberst steht. «Ein Seriensieger, Garant für Stabilität», sagt die Wirtschaftsprofessorin und Jurorin Sita Mazumder. Angerechnet wird Brabeck auch, dass er sich – wenn er denn auftreten darf – zu grossen Fragen ausserhalb seines Kerngeschäfts, etwa zum Thema Wasser oder zur Wettbewerbsfähigkeit von Entwicklungsländern, Stellung bezieht. Fazit von Juror Markus Neuhaus, VR-Präsident PricewaterhouseCoopers Schweiz: «Glaubwürdige Persönlich­keiten kombinieren erfolgreiche Unternehmensführung mit einer klaren Position zu gesellschafts­politischen Fragen.»

Neue und verglühte Stars

Neuhaus und Mazumder sind zwei von 15 Juroren, die seit 2002 das Chef­personal der Schweizer Wirtschaft unter die Lupe nehmen. Insgesamt sind vier Fachjurys mit der Analyse von 180 Führungspersönlichkeiten betraut. Allein in der Königsdisziplin der Wirtschafts­führer waren dieses Jahr 120 Managerinnen und Manager zu bewerten, die ­meisten von ihnen Firmenchefs, Firmeninhaber oder VR-Präsidenten.

Die Juroren massen Macht und Einfluss nach einem dreiteiligen Raster, das Politologen der Uni Genf einst konzipierten (siehe «So wurde gerechnet»). Das Mächtigsten-­Ranking der ­BILANZ ist das umfassendste im Land.

2012 wird als Jahr der Veränderung in die Geschichte eingehen. Während Sieger Brabeck seit Jahren in den Top Ten ­figuriert, sind diverse Akteure neu ins Machtzentrum vorgestossen, darunter UBS-Banker Sergio Ermotti oder Roche-Chef Severin Schwan. Andere wie der frühere Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand oder Privatbankier und NZZ-Präsident Konrad Hummler wurden empfindlich zurückgestuft, Spiegelbild für ihren abrupten Bedeutungsverlust. Hildebrand und Hummler, letztes Jahr noch auf Rang 2 respektive 13, schafften es 2012 nicht einmal mehr unter die mächtigsten 100. «Es ist fast schon erschreckend, wie steil ein Absturz sein kann», meint Bjørn Johansson, der seit elf Jahren Jurymitglied ist. Namhafte Wechsel sind auch in den übrigen drei Kategorien – Wirtschaftsanwälte, PR-Berater und Ökonomen – zu konstatieren. Auch hier gibt es neue Sieger zu feiern.

Ganz nach oben geschafft haben es neben Brabeck: Bei den Wirtschafts­anwälten Rolf Watter, viel­ beschäftigter Staranwalt bei der Grosskanzlei Bär & Karrer, der 2012 auch noch zum Präsidenten von PostFinance aufstieg. Bei den PR-Beratern obsiegt Jörg Neef von der Zürcher PR-Agentur ­Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten und bei den Ökonomen ex aequo die Nationalbank-Verwaltungsrätin Monika Bütler und Geldtheoretiker Ernst Baltensperger. Letztere haben Beatrice Weder di Mauro verdrängt, die vom ersten auf den vierten Rang abrutschte. Unerwartet ist dies nicht, Weder trat aus dem Sachverständigenrat der deutschen Bundesregierung zurück, aus jenem Gremium also, das Kanzlerin ­Angela Merkel in Wirtschaftsfragen berät. Die Demission war notwendig, weil Weder, die in Mainz doziert, im Frühling in den UBS-VR berufen wurde. Ein lukrativer Trade-off ist dies allemal: Als UBS-VR kassiert sie 625 000 Franken im Jahr, als Sachverständige bezog sie eine Spesenpauschale von 40 000 Franken.

Neuer Top-Banker

Neue Namen etablieren sich in den Rankings. Über allen aber thront Brabeck, Sieger in der Hauptdisziplin der Wirtschaftsführer. Beeindruckend ist die Performance des Konzerns, den er repräsentiert. Nestlé, wertvollste Firma der Schweiz, ist ein Tanker, der seit Jahren auf stabilem Wachstumskurs fährt. Zudem wirkt Brabeck als Vize bei der CS und als VR beim US-Ölmulti ExxonMobil. Neu soll er dem Formel-1-Betrieb um den flamboyanten Bernie Ecclestone Glaubwürdigkeit verleihen. Diesen Sommer wurde der Nestlé-Chef zum Chairman der Delta Topco Holding gewählt, Besitzerin der Formula One Group. Er soll mit seiner Strahlkraft den geplanten Börsengang von Ecclestones Rennzirkus absichern helfen.

Hinter Brabeck schaffte es Roche-Präsident Franz Humer auf Rang zwei. Juror Bjørn Johansson: «Brabeck und Humer spielen in der Weltliga.» Die Börsenkapitalisierung jener Konzerne, bei denen sie mitbestimmen, ist beeindruckend: insgesamt 900 Milliarden Franken, was fast dem Zweifachen des Schweizer Bruttoinlandprodukts entspricht. Eindrücklich ist auch die Zahl der Firmenmitarbeiter: Eine knappe Million Beschäftigte sind es rund um den Globus – Brabeck verantwortet das Schicksal von rund 500 000 Lohnbezügern mit, Humer jenes von 400 000. Auch er ist dieses Jahr mit einem weiteren internationalen Prestigejob mandatiert worden: Im Frühling berief ihn Citigroup ins Board. Beim schwächelnden Finanzriesen trägt er schmerzhafte Entscheide mit: Es werden über 10 000 der 250 000 Mitarbeitenden abgebaut.

Von Rang 19 auf Rang drei kletterte Pierin Vincenz. Der Mann aus Andiast GR, der in Teufen AR wohnt und in St. Gallen sein Hauptbüro hat, sitzt in zwölf VRs von Schweizer Firmen. Banker Vincenz ist 2012 zu einem Schlüsselspieler der kriselnden Finanzindustrie aufgestiegen. Ende Januar übernahm seine Raiffeisen die Bank Wegelin, das älteste Finanzinstitut der Schweiz, und firmierte es in Notenstein Privatbank um. Auch in der Politik sorgt der Bündner für Gesprächsstoff. Unlängst schreckte er Bundesbern und Branchenkollegen auf, als er der Abgeltungssteuer in Deutschland früh jede Chance absprach und stattdessen den automatischen Informationsaustausch ins Spiel brachte.

Neben den bewährten Kräften Brabeck, Humer und Vincenz ist im Ranking 2012 eine jüngere Managergeneration vorgerückt, zu der Nick Hayek zählt. Der Swatch-Chef hält die weltgrösste ­Uhrenfirma auf Wachstumskurs und setzt sich immer wieder eloquent für den Produktionsstandort Schweiz ein. 2012 nimmt er im BILANZ-Ranking jenen Platz ein, der seinem Vater, Nicolas G. Hayek, jahrelang sicher war: in den Top Ten. Zur aufstrebenden Junggarde zählen neben Hayek auch Roche-CEO Severin Schwan und Nestlé-CEO Paul Bulcke. Mit ihrem Machtzuwachs sind die beiden Börsenschwergewichte Nestlé und Roche je mit ihren beiden Topleuten – Konzernchef und Präsident – ganz vorne platziert. «Wenn das Spitzenteam funktioniert, ist das befruchtend und kreiert Reputation», meint Juror ­Johansson.

Gewonnen habe 2012 auch Österreich, so der Executive-Search-Experte. Tatsächlich: Die kleine Alpenrepublik ist gleich mit drei Vertretern unter den zehn Mächtigsten vertreten. Brabeck stammt aus Kärnten, Humer und sein Erster Offizier Schwan aus dem Tirol. Überhaupt steht 2012 der Ausländer­anteil unter den Einflussreichsten auf einem Allzeithoch: Er beträgt nun 40 Prozent – doppelt so viel wie 2011. Doch auch für die Schweizer Topbesetzung gilt gemäss Juror Neuhaus: «Wer sich im Inland profilieren will, muss international denken.» Das zeigen die Karrieren von Walter Kielholz, Josef Ackermann, Peter Voser, Sergio Ermotti oder Nick Hayek.

Frauenmangel

Neben Ermotti, der in den USA und in Italien Karriere machte, konnte auch Brady Dougan einen gewaltigen Sprung nach vorne machen. Der US-Banker setzte sich mit seiner One-Bank-Strategie im Credit-Suisse-Verwaltungsrat durch und hält unverdrossen am Investment Banking fest, aus dem er stammt. Dougan setzt so einen Kontrapunkt zum Führungsduo Sergio Ermotti / Axel Weber, das sich beim Konkurrenten UBS fürs Private Banking und gegen das Investment Banking entschied. Vorgerückt ist auch Hansueli Loosli, der die beiden Grosskonzerne Coop und Swisscom repräsentiert und als exekutiver Präsident die Coop-Tochter Transgourmet, immerhin einen Acht-Milliarden-Konzern, auf Vordermann bringt.

Man erinnert sich: Die letzten zwei Jahre standen bezüglich Topjob-Besetzungen stark im Zeichen von Frauen. ­Susanne Ruoff trat als Post-Chefin an, Jasmin Staiblin wurde zur Alpiq-, ­Suzanne Thoma zur BKW-Konzernchefin gewählt, und Ruth Metzler sammelt eifrig VR-Mandate. Gleichwohl reicht es den Frauen gemäss Juryverdikt auch in diesem Jahr nicht zu einem Spitzenplatz. Das Vorrücken der Frauen hat sich noch nicht stark genug in den Zahlen niedergeschlagen. Einflussreichste Frau im Ranking ist Magdalena Martullo-Blocher auf Rang 31. Sie hat immerhin eine imaginäre Mauer durchbrochen: Bisher schaffte es noch keine Frau unter die 40 Einflussreichsten.

Im Gleichschritt mit der aktuellen Ems-Chemie-Chefin ist der ehemalige Chef, Christoph Blocher, nach vorne ­gerückt. Dieser hat eine bewegte Karriere im BILANZ-Ranking hinter sich. Bei dessen Lancierung 2002 rangierte der damalige SVP-Nationalrat und Grossindustrielle unter den Top Five. Zwischenzeitlich rutschte er als Industrieller a.D. ins Mittelfeld ab. Und nun taucht er wieder auf und sorgt als Investor der «Basler Zeitung» für Schlagzeilen. Freunde wird sich der SVP-Chefstratege mit dem Kampf gegen das Stromabkommen und die Personenfreizügigkeit in den Chefetagen keine schaffen.

Anzeige