Gestern las ich im «Tages-Anzeiger», Pascal Couchepin sei mit seiner Gesundheitspolitik gescheitert. Und der «Blick» führte ihn in der Hitparade der Kostentreiber als Front-Runner. Da verspürte ich, für einmal zumindest, Mitgefühl für einen Politiker: Der Mann ist nicht zu beneiden. Niemand hilft ihm. Ein paar Beispiele.

Gleich nach der Lektüre memorierte ich die Patienten, die ich am Morgen bei der Chefvisite gesehen hatte. Im ersten Viererzimmer hatte ich zwei Männer mit Lungenkrebs besucht, einen mit schwerem Lungenemphysem sowie einen Drogenabhängigen. Im nächsten Zimmer lagen zwei Alkoholikerinnen mit Leberzirrhose und schwerer Blutung aus der Speiseröhre. Dann folgten schwer Übergewichtige mit Bewegungsmangel und Diabetes mit offenen Beinen oder Herzinfarkt als Folge. Und dann sah ich noch einige Patienten, die ihren erhöhten Blutdruck über Jahrzehnte verdrängt und nun einen Schlaganfall erlitten hatten.

Im Klartext: Zu jeder Zeit wären 30 bis 50 Prozent der Krankheitsfälle einer medizinischen Klinik vermeidbar gewesen. Und es werden immer noch mehr. Die Fettsuchtepidemie weitet sich aus, selbst die Parlamentarierinnen und Parlamentarier nehmen laut besorgtem «Blick» dauernd zu. Sie werden zwar eher die Privatkliniken füllen, aber auch dort husten die Raucher und bluten die Alkoholikerinnen.

Die Kunden treiben also die Kosten an, und das freut die Ärzte. Denn all die frisch ausgebildeten Mediziner hatten in den letzten Jahren die Dreistigkeit zu arbeiten – in den Spitälern auf Befehl des Staates zwar nur noch 50 Stunden pro Woche, weshalb es mehr brauchte – und dann auch noch Praxen zu eröffnen. Trotzdem scheint es für die Patienten noch immer nicht genug von diesen Ärzten zu geben. Sie beklagen sich über zu lange Wartezeiten und darüber, dass, wenn sie ihren Arzt, ihre Ärztin denn einmal sähen, diese nicht wirklich genügend Zeit zur Verfügung hätten.

Ein ganz schlimmer Kostentreiber ist natürlich auch die Pharmaindustrie. Man registriert zwar mit Freude steigende Aktienkurse und die Zufriedenheit von Franz Humer, verdrängt aber, dass die Entwicklung neuer Medikamente extrem teuer ist und finanziert werden muss. Grüne Politiker schimpfen über die geldgierigen Bosse in Basel und behandeln ihre Grippe mit Globuli – leiden sie aber an einer ernsthaften Krankheit, so kann kein Medikament zu neu und zu teuer sein.

Ich weiss nicht, wie die Löhne von kantonalen und kommunalen Gesundheitspolitikern und Beamten auf die Gesundheitskosten umgelegt werden, gesamthaft ist dies indes bestimmt eine erkleckliche Summe. Denken Sie nur an die 26 Sanitätsdirektoren, von denen jeder recht ordentlich verdient. Und dies ist nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs.

Vor zwei Jahren nahm ich an einem der schönsten Orte der Schweiz im dort schönsten Hotel an einem luxuriösen Symposium zu Gesundheitskosten teil. 40 Teilnehmer wurden aufs Feinste verwöhnt. Ich stellte fest, dass 5 der 40 Teilnehmenden Ärzte waren, der Rest Politiker, Gesundheitsökonomen, Spitaldirektoren und Sozialarbeiter. Meine Feststellung, dass lediglich 12,5 Prozent der Versammlung einen direkten gesundheitlichen Mehrwert produzierten, und meine Frage, wie die Saläre der übrigen 87,5 Prozent auf die Gesundheitskosten umgelegt würden, wurden nicht speziell goutiert.

Sie sehen, wo ich Kostenreduktion im Gesundheitswesen suggerieren könnte: Bestrafung von Raucherinnen, Trinkern, Fetten und Faulen mit Selbstbehalt und Prämiensteigerungen, Umschulungen von Ärztinnen zu Kosmetikberaterinnen und Forschungsstopp in der pharmazeutischen Industrie. Sofort wirksam wären auch die Abschaffung der Kantone sowie die Pensionierung von – beispielsweise – früheren Tierärzten und Lehrerinnen aus dem Gesundheitswesen. Von Sozialhilfe müssten diese Verdienten ja nicht leben.

Aber wollen wir Pascal Couchepin wirklich helfen und unsere beste Wachstumskuh, die gut zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung ernährt, klapprig werden lassen? Wollen wir auf Fortschritt und mehr Gesundheit verzichten? Von einem Kranken jedenfalls habe ich noch nie gehört, Gesundheit sei nicht das höchste Gut – solches sagt nur der noch gesunde Vorsitzende der Sanitätsdirektorenkonferenz.

Prof. Dr. med. Oswald Oelz ist Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich und Extrembergsteiger

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