Als wäre es Landesverrat. Die Anklage lautet: Wer in Tieflohnländern produziert, vernichtet Arbeitsplätze in der Schweiz. Kleine und mittlere Unternehmen informieren deshalb nur widerstrebend über ihre Auslandinvestitionen. «Sie fürchten eine politische Ächtung», sagt Daniel Isler, Geschäftsführer der Fargate AG, eines Netzwerks zur Exportförderung. «Dabei ist die Internationalisierung von Arbeitsprozessen eine Chance, am Schweizer Standort mehr Arbeitsplätze zu schaffen.»Oder sie wenigstens zu ­retten, wie Gregor Häny bestätigt.

Der Geschäftsführer der Oskar Rüegg AG in Jona ist überzeugt: «Ohne unser Werk in Bulgarien wären wir international nicht mehr konkurrenzfähig. Dann wären auch unsere Arbeitsplätze in der Schweiz gefährdet.» Das Unternehmen für Metallformteile und Baugruppen steht als Zulieferer unter enormem Druck. Die hohen Arbeitskosten in der Schweiz lassen sich mit den Preisvorstellungen der Abnehmer kaum mehr vereinbaren.

Das trifft auch die rund 300 Schweizer Unternehmen, welche die Autoindustrie beliefern. «Sie haben praktisch keinen Verhandlungsspielraum mehr. Entweder sie akzeptieren die Preise, oder sie verlieren die Aufträge», sagt Isler.

Düstere Wirtschaftsaussichten

Wie ernst die Lage ist, zeigt eine Studie vom November 2015. Deloitte und BAK Basel haben die Wirtschaftsaus­sichten für das Jahr 2016 untersucht und festgestellt, dass über 90 Prozent der ­befragten Unternehmen nicht nur einen Rückgang der Marge, sondern auch einen Umsatzverlust erwarten. 80 Prozent rechnen damit, Aufträge zu verlieren, 40 Prozent befürchten, in die operative Verlustzone zu geraten.

Bleibt der Euro-Franken-Kurs bei 1.10 oder darüber, ziehen acht von hundert Unternehmen die Verlagerung der Produktion in Betracht, bei einem Wechselkurs von weniger als 1.10 Franken pro Euro ist es ein Viertel, bei Parität ein Drittel. Jedes vierte Unternehmen befürchtet in diesem Fall sogar eine Geschäftsaufgabe.

Verlagerung als letzte Option

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen das Unternehmensbarometer von EY und die Tendenzumfrage von Swissmechanic. Danach ist die Verlagerung der Produktion der letzte Schritt. Die Firmen senken vorher die ­Kosten, stoppen Investitionen, stellen kein Per­sonal mehr ein und drücken die Preise der Lieferanten. Und bevor die Unternehmen im Ausland produzieren, versuchen sie, neue Märkte zu erschlies­sen und im ­Euroraum einzukaufen.

Für jeden dieser Schritte gibt es Be­rater: Rechtsanwälte, Steuerexperten, Wirtschaftsprüfer, Strategieberater, Treuhänder. Verbände, Hochschulen, Banken und die grossen Revisions- und Wirtschaftsprüfungsfirmen veröffentlichen Studien über Chancen und Risiken aller Massnahmen. Geht es um die Internationalisierung des Geschäfts, kommen ­Organisationen zum Zug, die sich in den anvisierten Märkten auskennen.

Switzerland Global Enterprise, die frühere Osec, arbeitet im Auftrag des Bundes, weshalb es naturgemäss nicht zu ihren Aufgaben gehört, die Auslagerung der Produktion zu fördern. «Wir unterstützen die Kunden dabei, sich alternative Wege für die internationale Wertschöpfungskette anzusehen», sagt Alberto Silini, Leiter der Beratung bei Switzerland Global Enterprise. «Unsere Spezialität ist die Erschliessung neuer Exportmärkte. Produktionsverlagerung ist immer auch ein Know-how-Transfer und birgt Risiken.»

Geschäftskontakte in 17 Länder

Diese möglichst klein zu halten, ist eine der Aufgaben von spezialisierten ­Beratern. Die Handelskammer Schweiz-Mitteleuropa etwa vermittelt Geschäftskontakte in 17 Länder wie Polen, Ungarn, Rumänien, Tschechien. Sie berät Unternehmen bei der Wahl eines Standortes und weist sie dann an die lokalen Handelskammern weiter. Diese kennen die Märkte, die Niederlassungen von Schweizer Unternehmen, Rechtsanwälte und die Behörden. Das hilft.

Vassil Radoynovski von der Handelskammer Schweiz-Bulgarien in Sofia hat erfahren, dass Bewilligungen in sehr kurzer Zeit erteilt werden. «Schweizer Firmen sind hier willkommen, die Schweiz hat in Bulgarien ein sehr gutes Image.» Das Land sei ein Brückenkopf für die Märkte in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Zudem sind die Arbeitskosten sehr viel tiefer als in der Schweiz.

Geschätztes Polen

In Polen hingegen sind diese Kosten kaum mehr ausschlaggebend. Gemäss Ulrich Schwendimann von der Handelskammer Schweiz-Polen gehört das Land heute nicht mehr zu den ausgesprochenen Billiglohnländern. «Der Staat mit 39 Millionen Einwohnern, weit mehr als Rumänien und Bulgarien zusammen, ist an sich ein interessanter Markt.»

Unternehmen wie Glas Trösch, Swisspor, Swiss Krono, Ricola, Franke oder die Model-Gruppe profitieren davon. «Umfragen haben gezeigt, dass Schweizer Firmen in Polen in erster Linie die Zugehörigkeit zur EU mit der entsprechenden Rechts­­si­cherheit schätzen», sagt Schwendimann, «aber auch die gut ausgebildeten Fachkräfte, deren Leistungswille und damit die hohe Effizienz.» Grossunternehmen finden in Polen denn auch Zulieferer, die ihren Qualitätsansprüchen genügen.

Auf Partnersuche in Osteuropa

Dass Schweizer KMUs irgendwo auf der grünen Wiese eine Fabrik bauen und zu produzieren anfangen, kommt nicht sehr häufig vor. Thomas Dalla Vecchia, Senior Consultant bei der Obal AG, hat unter ­anderem das Schweizer Unternehmen Katadyn, einen Hersteller von Wasserfiltern und Entsalzern, bei der Suche nach Fertigungspartnern in Osteuropa unterstützt. «Dank dem Obal-Netzwerk hatten wir nach kurzer Zeit eine Liste von zehn Unternehmen in vier Ländern, die unseren gemeinsam definierten Kriterien entsprachen», sagt Dalla Vecchia.

Nach den ersten Pre-Audits reiste der Supply-Chain-Direktor zweimal mit ihm zu diesen Unternehmen. Danach wurde die Liste auf drei Firmen reduziert. Schliesslich fand Katadyn den richtigen Partner. Obal vermittelte als Geschäftsführer einen erfahrenen Westeuropäer, der in Rumänien lebt. Das Werk wurde 2011 errichtet und seither weiter ausgebaut.

Produktionsverlagerung nach Ost- und Mitteleuropa

«Immer mehr Unternehmen suchen heute nicht nur Vertriebspartner, sondern auch Produzenten oder wollen einen Teil der Fertigung auslagern», sagt auch Fargate-Geschäftsführer ­Daniel Isler. Der Anteil seiner Kunden, die eine Produktionsverlagerung ins Auge fassen, sei mittlerweile annähernd so hoch wie jener, die Unterstützung im Export suchen.

Besonders beliebt sind die Länder Ost- und Mitteleuropas. «Zum Jahresende 2012 betrug der Kapitalbestand von Schweizer Unternehmen in diesen Ländern 47,9 Milliarden Franken», sagt Christian Hauser, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur. «Die Schweizer Tochter­unternehmen in der Region beschäftigen fast 300'000 Menschen.» Für 84 Prozent dieser Unternehmen sind die Personalkosten in der Schweiz der wichtigste Grund für die Auslagerung, wie der European Manufacturing Survey von 2012 belegt.

Hauser spricht jedoch von erheblichen Herausforderungen, mit denen Direkt­investitionen im Ausland verbunden sind. «Aufgrund unterschiedlicher politischer, wirtschaftlicher und kultureller Gegebenheiten müssen sich die Unternehmen in einem Umfeld zurechtfinden, das sie aus ihrem angestammten Schweizer Kontext nicht gewohnt sind.»

Systematische Analyse

Thomas Dalla Vecchia kennt das Problem. Obwohl er zahlreiche Auslagerungen begleitet hat, kommt es vor, dass er Firmen vor diesem Schritt warnt. «Ich kann den Unternehmen die Opportunitäten und Chancen in einzelnen Ländern aufzeigen, weise aber auch auf die Risiken hin», sagt er.

«Das Standortland sollte man sorgfältig und systematisch ermitteln. Dazu bewertet man ausgesuchte Kriterien der in Frage kommenden Länder und gewichtet die Kriterien nach Relevanz. Die resultierende Punkterangliste liefert dann das Siegerland», rät Daniel Isler. «Zudem sollte für jedes Kriterium eine No-Go-Schwelle definiert werden, unterhalb deren das Land verworfen wird. So kann ein bestimmtes Land eine hohe Gesamtpunktzahl erzielen, aber aufgrund eines unzulässig hohen Korruptionswertes trotzdem ein No-Go-Land sein.»

Die Arbeit wird den Beratern in naher Zukunft nicht ausgehen. Erst vergangene Woche gab das Verpackungsunternehmen PetroplastVinora bekannt, dass im kommenden Sommer die Produktion am Standort Andwil SG eingestellt wird. Rund 90 von 140 Mitarbeitenden verlieren ihre Stelle. Bevor es so weit kommt, werden weitere KMUs die Produktion ins Ausland verlagern.

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