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Ausblick 
«Der Franken wird sich weiter abschwächen»

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Zürich: Die Schweizer Wirtschaft erholt sich. Keystone

Bak Basel rechnet mit einer kräftigen Beschleunigung der Wirtschaft. Chefökonom Martin Eichler über seine optimistische Vorhersage und warum die Schweiz in Richtung Vollbeschäftigung steuert.

Von Mathias Ohanian
2017-09-15

Sie sind äusserst positiv gestimmt für die Schweizer Wirtschaft und erwarten im kommenden Jahr ein Wachstum von 2,3 Prozent. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?
Martin Eichler: Alle verfügbaren Indikatoren zeigen bereits seit einigen Monaten deutlich nach oben. Die Wirtschaft der Euro-Zone wächst kräftig, das gilt auch für die Weltwirtschaft. Davon profitiert die Schweiz. Hinzu kommt der schwächere Franken, der den Exporteuren die Geschäfte erleichtert.
 
Was macht der schwächere Franken in Zahlen aus?

Es ist schwer, das genau zu quantifizieren. Als Daumenregel kann gelten, dass eine handelsgewichtete Währungsabwertung von einem Prozent etwa ein Zehntel Prozentpunkt mehr Wirtschaftswachstum bringt. Grob gerechnet sorgt die Abschwächung für circa ein halbes Prozentpunkt mehr Wachstum im kommenden Jahr. Das ist beträchtlich.
 
Trotz positiver Stimmung fielen die harten Zahlen zuletzt eher verhalten aus.
Das stimmt. Noch materialisieren sich die Frühindikatoren nicht in mehr Wachstum. Aber angesichts der vielen positiven Indizien, zum Beispiel auch dem deutlichen Wachstum der Industrie im ersten Halbjahr, fühlen wir uns sehr wohl mit unserem optimistischen Ausblick.
 
Keine Risiken mehr also nach Jahren gefühlter Dauerkrise angesichts Euro-Schieflage und Frankenschock?

Es gibt eine Reihe an Risiken. Ganz aktuell etwa die Diskussion um Rechtsstaatlichkeit in den osteuropäischen Ländern. Oder in den Bankbilanzen in Italien: Diese sind noch immer in Schieflage. Hinzu kommt, dass dort 2018 gewählt wird. Im Extremfall droht wieder Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone. Das wiederum könnte den Franken für viele Investoren attraktiv und entsprechend aufwerten lassen.
 
Wie steht es um die hiesige Wirtschaftspolitik?
Man muss schon sagen, dass die Wirtschaftsaussichten nicht wegen, sondern trotz der politischen Entwicklungen so gut sind. Die Diskussion um die Unternehmenssteuerreform III hat die Firmeninvestitionen ausgebremst. Dass jetzt ein schneller Entwurf kommen soll, ist wichtig. Zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative wurde nun eine Lösung gefunden. Diese ist für Unternehmen zwar mit bürokratischem Aufwand verbunden, aber dennoch tragbar. Dass nun jedoch weitere Initiativen mit Blick auf die EU hängig sind, könnte neue Unsicherheit schüren und im schlimmsten Fall auch die Stimmung in den Unternehmen kippen lassen.
 
Sinkt die Arbeitslosigkeit in der Schweiz im kommenden Jahr weiter?

Seit dem Hochstand im Sommer 2016 ist die Zahl der Menschen ohne Job bereits gesunken. Für das kommende Jahr erwarten wir eine Arbeitslosenquote von nur noch 3 Prozent. Damit steuert die Schweiz in Richtung Vollbeschäftigung – obgleich Raten von 2 Prozent, wie es sie auch schon gab, heute kaum mehr erreicht werden können. Entsprechend steigen auch die Löhne 2018 stärker.
 
Wird dann die Nationalbank gefordert sein?

Es droht derzeit keine Lohn-Preis-Spirale mit hoher Inflation. Ohnehin wird die SNB erst reagieren können, wenn die Europäische Zentralbank ihre Politik anpasst. Für den Franken erwarten wird, dass er sich in den nächsten 18 Monaten weiter abschwächt.
 
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker will den Euro auf alle Mitgliedsstaaten ausbauen. Eine Schnapsidee?

Dass der Euro aus ökonomischer Sicht ein problematisches Konstrukt ist, wurde in den vergangenen Jahren vielfach diskutiert. Wichtig ist, dass Mitglieder einer Währungsunion eine hohe wirtschaftliche Konvergenz aufweisen. Eine etwaige und gut umgesetzte Euro-Erweiterung, die ja ohnehin frühestens in einigen Jahren kommen würde, könnte positive Effekte für Europa haben. Wichtig ist dann, eine gemeinsame Wirtschaftspolitik zu verfolgen, entweder mithilfe von greifenden Regeln oder einem gemeinsamen Wirtschaftsminister. Es bräuchte dann auch eine gemeinsame Bankenaufsicht und mehr Transfers zwischen den Regionen könnten hilfreich sein.

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