Es sei «das erste seiner Art in der Lebensmittelindustrie», sprach Nestlé-Konzernchef Mark Schneider vor Wochen stolz, bevor er das Einweihungsband für das firmeneigene Institute of Packaging Sciences im hauseigenen Forschungszentrum bei Lausanne durchschnitt. Konzernpräsident Paul Bulcke hatte zuvor über gesellschaftliche Verantwortung seiner Branche gesprochen, Schneider verkündete gleich noch neue Umweltstandards für Nestlé: Bis 2050 sollen die Treibhausemissionen des Unternehmens auf null sinken, sollen alle Fabriken mit grünem Strom laufen – ein Doppelschlag in Sachen Umweltschutz. Und umgehend tritt Nestlé der Vereinbarung der Pariser Klimakonferenz bei, den globalen Temperaturanstieg nicht auf 2 Grad, sondern auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Der Nachhaltigkeits-Hattrick.

Anzeige
Anzeige

180 Forscher im Konzern tüfteln an neuen Verpackungen, wollen etwa Plastik durch natürliches Papier ersetzen, trotz rigoroser Lebensmittelschutzgesetze. Nestlé launcht im Wochentakt Produkte wie einen milchfreien Caffè Latte, Velos aus rezyklierten Nespresso-Kapseln oder aus Pflanzen hergestelltes Hackfleisch und Burger für die aufstrebende Nachhaltigkeits-Eigenmarke Garden Gourmet.

Bei Nestlé sind ganz neue Zeiten angebrochen. Noch vor drei Jahren war das eine von Selbstgewissheit durchdrungene Firma mit einer insularen, auf ihr eigenes Ökosystem im beschaulichen Vevey gerichtete Kultur, die für Maggi, Mövenpick und Wagner-Pizza stand (die alle weiterhin bei Nestlé sind). Inzwischen hat sie Augen und Ohren für gesellschaftliche Debatten geöffnet, spielt mit den globalen Nachhaltigkeits-Trends zu Food (gesundes Essen, lokale Produkte, wenig Fleisch) und Umwelt (Reuse, reduce, recycle) auf Ballhöhe und versucht, beim nächsten Megathema, der personalisierten Ernährung, in eine Führungsrolle zu kommen. So lancierte Nestlé 2018 in Japan Blut- und DNA-Tests. Kunden, die ihre Daten freigeben, erhalten eigens für ihre Bedürfnisse zusammengestellte Nahrungszusätze.

Nestle Yes-Riegel

Yes-Riegel von Nestlé zeigen ein weiteres Feld der Innovation: Sie sind nicht in Plastik, sondern in Papier verpackt.

Quelle: ZVG

«Big Pharma» ist abgehängt

Schneider, das wird je länger, je deutlicher, will Nestlé komplett neu ausrichten: vom Image des Gestrigen, des Tütensuppen- und Pizzaproduzenten befreien und durch das Besetzen der Zukunftsthemen bei den Investoren, aber auch bei den zuletzt oft kritischen Konsumenten neues Vertrauen in den Konzern schaffen. Das trägt Früchte: Nestlé hat, nach einer Phase der Skepsis, kräftig Fahrt aufgenommen und ist heute das Dreifache des Umsatzes wert. Mit einer Marktkapitalisierung nördlich von 300 Milliarden Franken wuchs sich der Blue Chip Nestlé zum Supertanker aus.

Seit Jahresbeginn schoss der Kurs der Nestlé-Aktie um 34 Prozent in die Höhe. Der Wert des Unternehmens steigerte sich bei dieser Kletterpartie vorübergehend um knapp 100 Milliarden auf 337 Milliarden Franken. Alleine der Zuwachs entspricht der Marktkapitalisierung von UBS und der Zürich-Versicherung zusammen. Lag Nestlé zuvor mit Schwergewichten wie Roche oder Novartis gleichauf, hat der Riese diese nun um 70 (Roche) und 100 Milliarden abgehängt.

«Paul und ich haben ein Prinzip: Wir führen die Firma, Investoren entscheiden, ob sie in Nestlé investieren möchten oder nicht.»

Marc Schneider

Paul Bulcke und Mark Schneider, die Könige der Kursfantasie? Die Intimfreunde der Investoren? Geht es um die Aktie des Arbeitgebers, bei obersten Bossen regelmässig auch eine Währung des Salärempfangs, gilt für die Teppichetage aber die übliche Schweigepflicht; «es wäre nicht angemessen, den Aktienkurs zu kommentieren», sagt Schneider auf Anfrage und ergänzt: «Paul und ich haben ein Prinzip: Wir führen die Firma, Investoren entscheiden, ob sie in Nestlé investieren möchten oder nicht.» Bulcke fügt, ganz grundsätzlich, hinzu: «Wir verfolgen konsequent unsere ‹Nutrition, Health and Wellness›-Strategie – diese liegt bei den Konsumenten im Trend, und auch der Finanzmarkt honoriert, dass wir sie konsequent umsetzen.» Das bekommen die Herrschaften neuerdings bei der einen oder anderen Roadshow gesagt. Analysten und Investoren sind letztlich auch nur Menschen, die mit gesunder Ernährung positive Assoziationen verbinden.

Tatsächlich weisen die Geschäftszahlen in die richtige Richtung. Für das erste Halbjahr meldete Nestlé das höchste organische Wachstum seit fast vier Jahren, Verbesserungen quer durch Geschäftsbereiche und weltweite Marktregionen, dazu einen Margensprung von 100 Basispunkten auf 17,1 Prozent beim operativen Gewinn, «das war die grösste Überraschung, fast ein Schock», kommentierte Andrew Wood von Bernstein Research.

«Kurzfristiges Cost Cutting kann jeder. Aber wie wir eine Produktpipeline zu haben, die das Wachstums-Momentum langfristig aufrechterhält, das ist anspruchsvoller.»

Paul Bulcke

Wachstum is King

Und während Schneider sachlich kommentiert, man orientiere sich an den operationellen Daten, denn «Wachstum, Profitabilität und Kapitaleffizienz sind die Dreifaltigkeit der geschäftlichen Performance», wird Bulcke einen Hauch emotionaler – ihm wurde über Jahre vorgehalten, dass der Konzern sein berühmtes «Nestlé-Modell» mit fünf bis sechs Prozent organischem Wachstum mehrfach verfehlt hatte. Mittlerweile ist das Ziel auf vier bis sechs Prozent gesenkt, sind die Zahlen im Aufwärtstrend, und Bulcke sagt: «Wachstum ist der Schlüssel», es müsse eben über die Zeit profitabel sein. «Kurzfristiges Cost Cutting von heute auf morgen kann jeder. Aber wie wir eine Produktpipeline zu haben, die das Wachstums-Momentum langfristig aufrechterhält, das ist anspruchsvoller und verlangt mehr Fingerspitzengefühl.»

Der Belgier, 2017 vom CEO-Sessel ins Präsidentenamt als Nachfolger von Peter Brabeck gewechselt, hat nicht vergessen, dass ihn die Finanzgemeinde zur Kopie des Modells Kraft Heinz treiben wollte. Mit brutalen Einschnitten wie verknappten Marketingbudgets und dem Streichen jedes fünften Arbeitsplatzes hatte 3G, die Private-Equity-Firma des brasilianischen Biermoguls Jorge Lemann, ihre Beteiligung Kraft Heinz zur Renditemaschine abzuschlanken versucht und dann zum Angriff auf Konkurrent Unilever angesetzt. Der Angriff scheiterte letztlich, während die Kürzungsorgien Kraft Heinz und ihre Brands längst geschwächt hatte – dennoch war Lemann mit seiner 3G jahrelang der Lieblingskünstler der Wall Street, die Lemanns Lieder bei jeder Gelegenheit den Nestlé-Bossen vorspielte und zur Nachahmung empfahl.

«Sympathien der Finanzmärkte und Zinsphasen kommen und gehen, die Strategie, wo man sich engagiert und was man akquiriert, bleibt hingegen.»

Paul Bulcke

Und so kann Bulcke heute, bestrahlt von geschmackvollen Zahlenkränzen, genährt von erstaunlich leckeren Pflanzenfaser-Burgern und beklatscht vom Umweltaktivisten und Solarflieger Bertrand Piccard, der Nestlé zum «Pionier» der Nachhaltigkeit geadelt hat, die Erwartungen der Finanzgemeinde nach ehrgeizigeren Finanzzielen oder grossen M&A-Transaktionen genüsslich kontern: «Sympathien der Finanzmärkte und Zinsphasen kommen und gehen, die Strategie, wo man sich engagiert und was man akquiriert, bleibt hingegen.» Und Schneider sekundiert, man sei «immer noch in der Umsetzungsphase» und beim Wachstum «noch nicht dort, wo wir sein wollen»; das Management müsse seine Arbeit machen, also «unabhängig davon, wie draussen am Finanzmarkt die Stimmung ist: wie ein Traktor Schritt um Schritt nach vorne gehen».

Sind also die Traktorfahrer Bulcke und Schneider zugleich die Barone der Börsenwertsteigerung? Ganz so einfach ist die Geschichte nicht. Denn die beiden haben mächtige Helfer.

Zwar wirken die Kräfte an den Finanzmärkten meist im Verborgenen, doch einen dieser Helfer bekamen die Investoren am 12. September zu Gesicht. Als EZB-Chef Mario Draghi in Frankfurt um kurz nach halb drei eine Verschärfung bei den Strafzinsen verkündete, schoss der Kurs in die Höhe. Binnen weniger Minuten blies sich der Börsenwert von Nestlé um weitere drei Milliarden Franken auf – allein dieser Zuwachs ist ein Wert, den stattliche Mid Caps wie Sulzer, Vontobel oder DKSH an Börsenwert auf die Waage bringen.

Die tiefen Zinsen sind derzeit vielleicht der wichtigste Kurstreiber der Nestlé-Aktie, zumindest genauso einschlägig wie die geschäftliche Performance. Der Hintergrund: Bei Negativzinsen verlieren die grossen Investoren Geld. Nicht nur für Bankguthaben legen Grossanleger drauf, auch die meisten Obligationen weisen inzwischen eine negative Rendite auf. Statt hier Geld zu verlieren, wird in solide defensive Aktien investiert. Je tiefer die Zinsen, desto ausgeprägter ist das Phänomen. Nestlé, noch dazu in einem positiven Wandel, steht auf den Kauflisten ganz weit oben.

Aktie statt Obligation

«Nestlé ist für Investoren teilweise ein Bondersatz. Je länger die Negativzinsen anhalten, desto mehr. Das Ausmass, das diese Entwicklung angenommen hat, ist spektakulär», sagt Patrik Schwendimann. Er ist bei der ZKB stellvertretender Leiter Research und für Nestlé und andere Konsumwerte verantwortlich. Seit Mitte April 2019 empfiehlt er Nestlé wegen der relativ stolzen Bewertung zum Marktgewichten.

Für die globalen Investoren und somit den Kursverlauf von Nestlé relevanter als die Negativzinsen in der Schweiz sind aber die Zinsen in den USA. Nach dem Börseneinbruch zum Jahresende hörte der Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, auf, von steigenden Zinsen zu reden, und vollzog in den folgenden Monaten bei der Geldpolitik eine 180-Grad-Wende. Statt einer Straffung stand nun plötzlich wieder eine Lockerung der Geldpolitik inklusive fallender Zinsen auf dem Programm. Die gesamten Aktienmärkte jubilierten und machten die Verluste vom Dezember in den ersten Monaten des Jahres in einer historischen Hausse mehr als wieder wett.

Die Auswirkungen auf die US-Staatsanleihen, US-Treasuries genannt, liessen nicht auf sich warten. Lagen die Renditen der sichersten und liquidesten Anlage der Welt Ende 2018 noch bei mehr als drei Prozent, rutschten sie im ersten Halbjahr 2019 immer weiter nach unten. Das vorläufige Tief wurde Anfang September mit 1,4 Prozent erreicht. Die Suche nach alternativen Anlagen ging wieder los. Die Anziehungskraft von Titeln wie Nestlé, die statt Verlusten mit einer Dividendenrendite von mehr als zwei Prozent locken, stieg. «Nestlé war früher bei noch deutlich höheren Zinsen nur beschränkt ein Bondersatz, dies hat sich in der jüngeren Vergangenheit stark verändert», sagt Analyst Schwendimann. Am 18. September hat Powell die Zinsen das zweite Mal in diesem Jahr gesenkt.

«Nestlé wird blind gekauft. Die Aktie ist der klassische sichere Hafen.»

Urs Beck, EFG Asset Management

Zu den fallenden Zinsen gesellen sich konjunkturelle Sorgen. Handelskrieg, Rezessionsgefahr und Brexit trieben die Anleger aus den zyklischen in defensive Werte. Gemäss dem Motto «Essen muss man immer» sind in unsicheren Zeiten nichtzyklische Konsumgüter gefragt. «Nestlé wird blind gekauft. Die Aktie ist der klassische sichere Hafen», sagt Urs Beck von EFG Asset Management. Beck managt den New Capital Swiss Select Equity Fund und zählt zu den renommiertesten Fondsmanagern der Schweiz. Bei rund 80 Franken schmiss er Nestlé wegen der zu hohen Bewertung aus seinen Depots. Heute muss er Investoren Fragen beantworten, warum sein Fonds hinterherhinkt.

In Sicherheit wiegen sich die Anleger, da es Nestlé über Jahrzehnte geschafft hat, auch schwierige Zeiten weitgehend unbeschadet zu überstehen. Drastische Umsatzeinbrüche blieben aus, die Dividende wurde selbst in der Finanzkrise nicht gestutzt. Zudem hilft, dass kein Wettbewerber geografisch (Nestlé bearbeitet 186 Länder) und punkto Produktportfolio so breit aufgestellt ist wie die Schweizer. Das mildert die Gefahr, dass ein punktueller Schock, wie ihn Nestlé etwa 2015 in Indien mit dem Streit um angeblich verunreinigte Maggi-Nudeln erlebte, den ganzen Konzern erfasst und die Bewertung in den Keller zieht.

GARDEN GOURMET Fleisch auf Basis von Pflanzen liegt im Trend

Fleisch auf Basis von Pflanzen liegt im Trend, die Märkte heben gerade ab. Die Nestlé-Tochter Garden Gourmet ist rechtzeitig am Start.

Quelle: ZVG

Nestlé mit dem Turbo

Während das Topmanagement zu solchen Themen öffentlich schweigt, diskutieren die Mitarbeiter beim Kantinengespräch ganz offen Schlagworte wie «high-quality-defensives Wertpapier» und «bond replacement». Und während sich die Fahrt ohnehin beschleunigt, hat Nestlé noch von sich aus den Turbo zugeschaltet – und kauft mitten in der Hausse im grossen Stil eigene Aktien zurück. Der Überhang bei den Kaufaufträgen wurde so noch weiter verstärkt. Ein 20 Milliarden Franken grosses Aktienrückkaufprogramm läuft noch bis Ende Jahr. Jede 13. Aktie wurde gekauft und vernichtet. Die schiere Zahl an Anteilscheinen sinkt, was den Wert der einzelnen Aktie steigen lässt. «Aus Aktionärssicht ist ein Rückkauf bei tieferen Kursen sinnvoller», sagt Schwendimann. Dann kann eine solche Aktion Schwung in den gelähmten Kurs feuern.

Ob das laufende Rückkaufprogramm und ein mögliches weiteres, das viele Marktbeobachter erwarten, angesichts der hohen Kurse Sinn macht, wird auch im Konzern kontrovers diskutiert. Einerseits, sagt ein Kader, der anonym bleiben möchte, habe es diese Debatte auch schon bei Aktienkursen von 50 Franken gegeben, und im aktuellen Zinsumfeld werde schliesslich Nestlé sogar Geld dafür bezahlt, sich Geld zu leihen – und letztlich schätzen viele Aktionäre das Instrument Rückkauf auch aus steuerlichen Gründen.

Andererseits gilt ein Rückkauf auch stets als einfallsloser Ausweg, wenn die Bosse im Kerngeschäft nichts mit ihrem Geld anzufangen wissen. Doch Nestlé, berichten Insider, habe zwar Assets im Wert von über 35 Milliarden Dollar evaluiert, aber kaum Passendes entdeckt. Die Preise guter Firmen sind inzwischen durch die Bank deutlich höher als die der grossen Übernahmen in Schneiders Amtszeit. Nahrungsergänzungshersteller Atrium für 2,3 Milliarden Dollar und die Starbucks-Produktlizenz für 7,2 Milliarden wurden mit Multiples von 15 auf den Gewinn, Stufe Ebitda, bewertet und damit vernünftig bepreist.

Schneiders Devestitionen, vor allem das US-Süsswarengeschäft für 2,8 Milliarden an Ferrero und Skin Health für 10,2 Milliarden an ein Private-Equity-Konsortium, gelten hingegen als finanzielle Erfolge. Vor allem mit Skin Health soll Bulcke nie warm geworden sein. Übernommen in der Ära Brabeck, enthielt die frühere Galderma mehr ästhetische Hautpflege als gesundheitlich ausgerichtete. Bulcke mit seinem Fokus auf Food & Beverage empfand die Tochter, wie ein Insider berichtet, immer als Fremdkörper.

Manufacturing site Alby-sur-Chéran (FR). This picture is part of a collection of photos taken in July 2012. For specific caption, please contact communication@galderma.com.

Health Science: Eine Akquisition, mit der Nestlé nie warm wurde; die Firma führt zu viele reine Ästhetik-Produkte. Der Verkauf bringt nun zehn Milliarden.

Quelle: Yann LE BORGNE

Sonderdividende statt «Big Bang»

Vor allem Analysten erwarten weitere grosse Transaktionen im Portfolio. Doch CEO Schneider, so ein Teilnehmer von Nestlé-Roadshows, mache Investoren keine Hoffnung auf einen «Big Bang». Schneider selbst sagt dazu nur, er habe sich «von Beginn an sehr vorsichtig im Hinblick auf grosse Deals geäussert». Die auf 34 Milliarden Marktkapitalisierung zusammengeschmolzene Kraft Heinz gilt bei Nestlé, so der anonyme Kader, nicht als interessantes Objekt: Kraft Heinz sei weniger im trendigen Gesundheitssegment als eher in «palmöligen» Produktkategorien unterwegs, und die Brands hätten unter dem sechsjährigen Sparkurs zu heftig gelitten. Der neue Konzernchef Miguel Patricio soll nun bei Kraft Heinz umsteuern.

Weil noch in diesem Herbst die Milliarden aus dem Verkauf von Nestlé Skin Health zur Auszahlung gelangen und ein offensichtlicher Mangel an Kaufgelegenheiten besteht, wird konzernintern nun ein Geldplatzierungs-Instrument in Betracht gezogen, das Nestlé noch nie benutzt hat: eine Sonderdividende. Ob es dazu kommt, soll derzeit noch nicht beschlossen sein – es würde die Attraktivität der Nestlé-Aktie aber weiter steigern. Ausserdem kursieren intern Pläne, die Konzernbrands mit höheren Marketingbudgets auszustatten sowie bestehende Produktinnovationen, etwa die neuen Starbucks-Kaffees für den Lebensmittelhandel, schneller und in mehr Märkten als geplant auszurollen. Auch so lässt sich schliesslich Geld ausgeben.

Nespresso coffee capsule made for Starbucks are pictured ahead of the 2018 full-year results press conference of the food and drinks giant Nestle, in Vevey, Thursday, February 14, 2019.(KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Starbucks: Kaffee der US-Kette vertreibt Nestlé in immer mehr Ländern via Supermarkt.

Quelle: Keystone

Ob letztlich die Bosse oder das Zinsumfeld Haupttreiber für die Nestlé-Hausse sind, ist umstritten. Eine Mehrheit der Analysten neigt wohl der zweiten Theorie zu. Eine Einzelstimme ist Julie Saussier-Clement von der Credit Suisse; sie rät für die Nestlé-Aktie zum «Untergewichten», also verklausuliert zum Verkauf – und dies schon seit Oktober 2017. Nestlé, sagt sie, sei «nicht unattraktiv, aber es gibt Unternehmen, die uns besser gefallen», wie die Spirituosenhersteller Pernod Ricard und Diageo: «Es ist eine relative Einschätzung.» Ihrer Empfehlung folgend, hätten Anleger die jüngste Nestlé-Hausse verpasst.

Alain Oberhuber, Analyst und CEO von MainFirst Schweiz, schreibt Mark Schneider den grössten Teil der Lorbeeren zu. Oberhuber empfiehlt die Nestlé-Aktie seit September 2016 zum Kauf und hat das Rally vorhergesehen. Vielen Investoren sei erst nach den Jahreszahlen am 14. Februar 2019 klar geworden, dass Nestlés Neuausrichtung durch Restrukturierung und Desinvestitionen funktioniere.

«Nestlé ist eine Selbsthilfegeschichte. Hut ab vor der Leistung Schneiders», sagt auch Meret Gaugler. Sie managt für Lombard Odier einen Fonds, der von der Überalterung zu profitieren versucht. Gaugler kannte den CEO schon vor seiner Nestlé-Zeit, als er noch Fresenius-CEO war, und hat sich früh positioniert. Was zudem hilft: Der Verwaltungsrat ist nun mit Adidas-Chef Kasper Rorsted oder dem CEO von Inditex (Zara), Pablo Isla, hochkarätig besetzt wie seit Jahrzehnten nicht. Und mit dem früheren Ahold-Boss Dick Boer hat Nestlé endlich auch einen Supermarkt-Experten an Bord. Erstaunlich daran ist vor allem, dass diese Lücke erst jetzt geschlossen wurde.

Glückliche US-Investoren

Zinsumfeld oder Bulcke/Schneider: Die glücklichen Profiteure können ja allen eine Kerze anzünden. Die grössten Nutzniesser der Nestlé-Hausse kommen aus den USA. Für Aktivist Dan Loeb und seine Third Point rechnet sich der viel diskutierte Einstieg bei Nestlé immer mehr. Seit Jahresbeginn verhalfen ihm seine gut 40 Millionen Nestlé-Aktien zu einem Buchgewinn von über einer Milliarde Franken.

BlackRock ist der grösste Nestlé-Eigner. Mehr als 121 Millionen Nestlé-Aktien im Wert von 12,9 Milliarden Franken hält der grösste Vermögensverwalter der Welt, treuhändisch für Tausende Anleger. Seit Jahresbeginn legte der Wert dieser Anteile um 3,23 Milliarden zu.

Mit einem Bestand an Nestlé-Aktien von über 95 Millionen Stück ist der BlackRock-Rivale Vanguard der zweitgrösste Profiteur. Im zweiten Quartal deckte sich der ETF-Riese mit 2,3 Millionen Nestlé-Aktien ein. 10,14 Milliarden Franken ist das Gesamte wert, 2,5 Milliarden mehr als am Anfang dieses Jahres. Fast die Hälfte der Nestlé-Aktien stecken im Vanguard Total International Stock Index Fund, dem grössten Fonds der Welt.

Der mit Ölgeld versorgte norwegische Staatsfonds schliesslich kaufte sich Ende 2012 bei Nestlé ein, hält mittlerweile Aktien im Wert von 8,13 Milliarden Franken. Allein der Zuwachs seit Januar bringt jedem der fünf Millionen Norweger einen Buchgewinn von über 400 Franken ein.

Ich bin auch ein Aktionär

Zu den Gewinnern zählen auch die Nestlé-Oberen selbst. Präsident Paul Bulcke hat in seinen Jahrzehnten Dienst am Unternehmen 1,39 Millionen Nestlé-Aktien angesammelt. Dieses Depot brachte ihm seit Jahresbeginn einen Buchgewinn von satten 37 Millionen Franken.

Noch deutlich mehr schlug die Hausse im Kassenschrank von Ex-Präsident Peter Brabeck ein. Der Wertzuwachs seiner gut 3,6 Millionen Aktien seit Jahresbeginn: fast 100 Millionen Franken. Doch weil die operativen Daten dem Kurs nicht folgen konnten, stieg das Kurs-Gewinn-Verhältnis rapide an. Anleger zahlen für Nestlé inzwischen das 34-fache des jährlichen Gewinns; das gilt als enorm teuer. Viel Hoffnung ist eingepreist, das Risiko für Rückschläge ist selbst bei diesem defensiven Titel inzwischen hoch.

«Steigen die Zinsen, schmilzt der Bewertungsaufbau schnell dahin.»

Patrik Schwendimann, ZKB-Experte

«Verschwinden die Emotionen aus den Märkten wieder und wächst die Zuversicht, dass es auch in Zukunft weiter globalen Handel gibt, werden sich die Investoren aus den superdefensiven Sektoren herausbewegen», sagt EFG-Fondsmanager Beck. Zudem hängen mögliche Zinsschritte wie ein Damoklesschwert über dem Nestlé-Kurs. Sie sind zwar gegenwärtig nicht in Sicht. Aber kommt die Konjunktur wieder auf die Beine, werden steigende Zinsen wieder zum Thema. Jenen Marktkräften, welche die Aktie zuvor befeuert haben, ist Nestlé dann hilflos ausgeliefert. «Steigen die Zinsen, schmilzt der Bewertungsaufbau schnell dahin», bestätigt ZKB-Experte Patrik Schwendimann.

Die Gefahr eines Kursrückschlags treibt auch Nestlé-Kaderleute um – zumal viele selbst ansehnliche Aktienpakete halten. Ja, «zu einem gewissen Grad ist der Druck auf uns gestiegen», sagt einer. Zwar hätten nicht sie selbst als Firma, heisst es, die Erwartungen hochgeschraubt und man werde den Druck schon gar nicht an die Mitarbeiter weitergeben – aber klar, das Management sei angestellt, um Aktionären Mehrwert zu verschaffen. Ein sinkender Aktienkurs, sei er auch von externen Faktoren getrieben, fällt nicht in diese Kategorie.

Konzernveteran und Präsident Paul Bulcke sagt, über die Zeit «sind zwei Drittel unseres Wachstums echtes organisches Wachstum von innen heraus»; Nestlé sei eine «long-term story». CEO Mark Schneider sekundiert: «Paul und ich haben immer gesagt, es ist ein kontinuierlicher Prozess.» Portfoliomanagement um seiner selbst oder der Investoren willen lehnen beide ab. Was nicht heisst, dass es an dieser Front nun still wird. Doch Preise und Objekte müssten stimmen, sagt ein Kadermann: Dann sei definitiv «more to come». Im nüchternen Schneider-Sprech heisst das: Nestlé will «bescheiden, aber hungrig bleiben».

Zu Deutsch: Bulcke und Schneider müssen weiter Traktor fahren.

Dieser Text erschien in der Oktober-Ausgabe 10/2019 der BILANZ.