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Das bedeutet der Brexit für den Schweizer Tourismus

Hotel Pilatus-Kulm: Fast 50'000 Briten fanden 2015 den Weg in die Vierwaldstättersee-Region. Keystone

Das Brexit-Votum erwischt die Schweizer Hotellerie kalt: Denn mit dem Pfund-Absturz könnten nun britische Touristen die Schweiz meiden. Dabei gehören die Briten zu den wichtigsten Gästen überhaupt.

Von Marc Iseli
28.06.2016

Die Briten haben für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt und damit das Gros der Beobachter auf dem falschen Fuss erwischt. Immerhin hatten Umfragen und Börsen im Vorfeld der Abstimmung auf einen Verbleib gedeutet. Selbst Schweizer Tourismusgiganten haben mit dem Verbleib gerechnet. Im Interview mit der «Handelszeitung» sagte Hotelplan-Gruppenchef Thomas Stirnimann noch Mitte Juni, dass sein Unternehmen keine Planspiele für den Fall einer Scheidung zwischen London von Brüssel angestellt habe.

«Sicherlich waren wir über das Abstimmungsresultat überrascht», sagt Hotelplan-Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir. Sie rechnet damit, dass nun weniger Briten den Weg in die Schweiz finden werden. Denn das Pfund hat im Nachgang zum Brexit-Votum massiv an Wert verloren. Mittlerweile steht die Währung sogar auf dem tiefsten Stand seit über 30 Jahren. Das verteuert den Schweiz-Urlaub massiv.

Wichtiges Tourismusstandbein

Für den hiesigen Tourismus ist das ein weiteres schlechtes Signal: Bleiben die Briten der Schweiz fern, reisst das ein weiteres Loch in die Kassen. Grossbritannien ist nach Deutschland und den USA der drittgrösste Auslandsmarkt. 2015 reisten über 700'000 Briten in die Schweiz. Beliebteste Destinationen waren die beiden Grossstädte Zürich und Genf. Von den Alpenregionen bevorzugen die Briten das Wallis und das Berner Oberland.

Im Winter sind die Briten sogar die zweitmeisten Besucher – nach Deutschen und vor den Franzosen. Besonders bitter: Grossbritannien ist einer der wenigen Märkte, die in der Wintersaison mit einer positiven Tendenz glänzen konnten. Die Zahl der Gäste stieg um 3 Prozent, die Übernachtungen legten um knapp 2 Prozent.

Schweiz als Nischendestination

Entsprechend investierte Hotelplan in den vergangenen Jahren massiv ins Geschäft in Grossbritannien und kaufte zu. 2015 resultierte unterm Strich ein Umsatz von 280 Millionen Franken. Den Inselbewohnern bietet die Migros-Tochter vor allem Skiferien in den Alpenregionen an. Wobei die Schweiz nicht erste Wahl bei den Briten ist, wie die Hotelplan-Sprecherin bestätigt. Die Briten reisen lieber nach Österreich, Deutschland, Frankreich oder Italien.

Vom Brexit positiv beeinflusst ist dagegen das Reisegeschäft nach Grossbritannien. «Da der Schweizer Franken nun wieder an Stärke gewinnt, werden Ferien in Grossbritannien für Schweizer günstiger.» Der aktuellen Pfundschwäche habe sich Hotelplan bereits angepasst und seit Samstag die Preise um fast zehn Prozent gesenkt.

Unklare Konsequenzen

Was der britische Entscheid unterm Strich bedeutet, bleibt vorerst offen. Das gilt vor allem auch, weil die Auswirkungen zum Teil noch «völlig offen» seien, wie es heisst. «Allfällige Konsequenzen werden sich erst nach den neuen Vertragsabschlüssen zeigen», so Huguenin-dit-Lenoir.

Bis dahin dauert es noch mindestens zwei Jahre. Die Briten müssen zunächst ein offizielles Austrittsgesuch in Brüssel deponieren, dann beginnt der Countdown. Am Ende müsste das Austrittsabkommen durch die verbliebenen Mitgliedsstaaten und das Europaparlament gebilligt werden.

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