Er hat es auf dem Finanzplatz ganz nach oben geschafft. ­Er gilt als stiller Strippenzieher im Hintergrund. Er hat den Ruf eines aggressiv-raffinierten Investors. Und in der Schlacht um die Kontrollmehrheit beim Baustoffkonzern Sika wird er auf der Seite des Widerstands gar als Rädelsführer betrachtet.

Doch Daniel Sauter, seit drei Jahren Verwaltungsratspräsident der Bank Julius Bär und somit eine ganz grosse Nummer am Zürcher Bankenplatz, hinterlässt in der Öffentlichkeit nur ein erstaunlich schemenhaftes Bild. Ein Mann, der es immer wieder geschafft hat, in den Hauptrollen um das Scheinwerferlicht herumzutänzeln. Wer ist dieser Mann, dem die BILANZ noch nicht einmal ein Kurzporträt in der Rubrik «Machtnetz» gewidmet hat?

Leicht zu unterschätzen

Man kann ihn leicht unterschätzen, so viel ist schon beim oberflächlichen Blick klar. So wie es kürzlich den Vertretern der Burkard-Familie erging, als sie ihr Aktienpaket am Sika-Konzern an die französische Saint-Gobain verkaufen wollten. Mit Bedenken konnten sie rechnen, gewiss auch mit Ängsten, sogar mit harten Diskussionen. Aber den Widerstand des einfachen Verwaltungsratsmitgliedes Sauter hatten sie wirklich nicht einkalkuliert. Schliesslich war er einmal ihr Mann gewesen: Sauter war vor 15 Jahren auf Bitten der Familie in den Verwaltungsrat eingetreten. Ohne die Familie hätte er die Position nie erreicht, die ihn nun mit der Macht des Neinsagers ausstattet. Eine Macht, mit der er ebenso ausgefuchst wie subtil operiert.

Nein, er selbst trat dabei nicht ans ­Mikrofon. Er liess bei den Kämpfen rund um die Sika die anderen vortreten. Den VR-Präsidenten Paul Hälg. Oder CEO Jan Jenisch. Oder Juristen. Oder PR-Leute. Es dauerte eine Weile, bis endlich klar wurde, wer der starke Mann im Hintergrund war, bis sich die Juristen der Burkard-Familie auf ihn einschossen. «Sauter befindet sich in einem eklatanten Interessenkonflikt», klagte Familienvertreter Urs Burkard im Juli. «Er organisiert tatkräftig den Widerstand, nutzt seine Kontakte als Bankpräsident zu Investoren und ist mit seiner schroffen Art zur Lösungsfindung nicht prädestiniert.»

Spielerisch beweglich

Diese ziemlich ­direkte Methode der ­Konfliktgestaltung erklärte Burkard mit einem Spruch aus dem Munde Sauters: «Das Beste, was die Familie in den letzten 20 Jahren gemacht hat, war, den Mund zu halten und sich nicht ins operative Geschäft einzumischen.»

Besonders apart in diesem Fall: Die Burkards sind privat und mit ihrer Holding Kunde der Bank Julius Bär – noch. Die Familie wollte Sauter loswerden, doch er blieb und gilt in ihren Augen nun als Anführer des Widerstands. Sauter sieht sich jetzt in der Rolle des unabhängigen Verwaltungsrates. Aber es ist keineswegs ausgemacht, ob und wie er den Kampf im Sika-VR fortsetzt. Freund und Feind sollten wissen: Sauter kann auch urplötzlich eine Volte schlagen.

Ein Blick zurück in die Zeit seiner ­Anfänge als Jungbanker illustriert eine Karriere mit spielerischer Beweglichkeit. 1957 ist er in Zürich-Höngg geboren. Eine unbekümmerte Kindheit mit zwei Geschwistern; die Mutter war Hausfrau, der Vater, ein Werbeunternehmer, lancierte die Marke Uncle Ben’s in der Schweiz («Der Reis, der niemals klebt»). Die Schulbank behagte dem Jungen nicht, er war nicht der mit den Büchern unterm Arm. Der Vater schickte ihn auf die Handelsschule nach Schwyz.

Es war eine harte Zeit für den Berufseinstieg. Der Schweiz ging es schlecht: Rezession, Arbeitslosigkeit, Rückwanderung der Ausländer. Der junge, sorglose Daniel erlebte erste Hindernisse. «Über hundert Bewerbungen habe ich geschrieben und nur Absagen erhalten», erinnert er sich. Nach ein wenig Vermittlungstätigkeit des Vaters bekam er 1976 eine Trainee-Stelle bei der Zürcher Gewerbebank. Sein Job: der ­Papierkram mit der Zahlungsabwicklung. 900 Franken im Monat. Beides nicht sehr aufregend für den «nervösen Siech», wie ein Vorgesetzter ihn beschreibt.

Salärorientiert

Nach zwei Jahren bewarb sich Sauter bei der Bank Leu und kam dort an der Bahnhofstrasse im ersten Stock in die Devisenabteilung. Vom Drehen der Wähl­scheibe der Telexmaschine bekam er bald Hornhaut am Finger. Auf die 2150 Franken Salär wollte er eine Lohnerhöhung. Man versprach ihm 50 Franken mehr.

Sauter kündigte ohne Plan, aber stramm salärorientiert und landete bei der Bank für Kredit und Aus­senhandel in Zürich – für 2500 Franken monatlich. Dort kam er in die Devisenabteilung zu zwei Händlern, die den Morgen über forsch arbeiteten, dann zum Mittag ins Gasthaus entschwanden und dort die Sache hin und wieder gründlich ausklingen liessen – die guten alten Zeiten. Als Assistent legte er im Geldhandel los, als Anfänger lernte er das Schwarzgeldgeschäft. Kundenbesuche am Starnberger See, Einmalversicherungen für Zahnärzte, solche Sachen eben. Sauter nutzte die Freiheiten im Handelsraum.

Kalkuliertes Risiko

Walter Geering, sein Mentor in der Bank, gewährte ihm berufsbegleitende Lehrjahre an der Bankschule, die aus ihm einen «eidgenössisch diplomierten Bankbeamten» machte – seinen einzigen Titel, den er mit Stolz erwähnt. Im Devisenbüro lernte er, seine Kompetenzen zu dehnen. Was sollte er auch tun? Seine Vorgesetzten sassen im Gasthaus. Als er ihnen dann stolz seinen Tagesgewinn von 250'000 Franken vermeldete, kassierte er beinahe die Kündigung – wegen der ­offensichtlichen Kompetenzüberschreitung. Sauter sah es anders: als kalkuliertes Risiko. Und nur das bringe ihn weiter.

Geering, seine schützende Hand, verliess die Bank und vermittelte den mutigen Jungbanker an den befreundeten ­Finanzchef beim Zuger Rohstoffhändler Marc Rich. Ahnungslos nannte sich Daniel Sauter nun «Treasury Manager», ohne zu wissen, worum es ging. Er musste schnell lernen.

Über Nacht wurden dort täglich 1,2 Milliarden Dollar angelegt. Aber das Unternehmen steckte tief im Schlamassel. Rich wurde von der US-Justiz wegen Steuerbetrugs verfolgt, sein Geschäft war das Durchbrechen der Handelsverbote mit Ländern wie Iran und Südafrika. Dem Unternehmen drohte, dass die Amerikaner die Zahlungen über Nacht abfingen. Sauter erlebte, wie die Finanzmanager in Windeseile das gesamte Zahlungssystem auf dollarfreie Wege umstellten. Es entstand ein Korpsgeist der Widerstandskultur gegen den mächtigen Gegner, der die Händler kämpferisch und verschworen zusammenschweisste.

Sauter im Glück

Aber Sauter erlebte auch, wie atemberaubend schnell Rich mit seinen Jungs eine Volte schlug, als er seine Machtlosigkeit erkannte. Blitzschnell reagierte Rich und schickte einen Businessjet mit Dokumenten in die USA zur Bundespolizei. Die Einsicht: Nur so konnte er das Unternehmen retten. Sauter lernte Kampf und Umkehr. «Hier habe ich meinen Ackerboden gefunden», sagt er.

Er heiratete seine Sabine, mit der er bis heute zusammenlebt. Ein Sohn und zwei Mädchen kamen auf die Welt. Fast 20 Jahre blieb Sauter bei den Rich-Unternehmen, kaufte eine Chrom­fabrik in Südafrika für die Tochter Südelektra, stieg im Management von Glencore und Xstrata auf. Hier kam er auch in den Genuss der Mitbeteiligung am Unternehmen und erlebte, wie rapide diese Werte steigen können. Seitdem sagt er: «Ich will die Suppe essen, die ich hier mitkoche.»

VR-Business

Im Jahr 2000 begegnete er in Zug dem Bürodesigner Urs Burkard. Der bescheiden auftretende Unternehmer hatte die Büros von Glencore-Chef Willy Strothotte eingerichtet und den Auftrag, 300 Büroarbeitsplätze für Xstrata zu liefern. Erst als Burkard ihn fragte, ob er sich für einen Verwaltungsratsjob bei der Sika erwärmen könnte, registrierte Sauter, wer ihm seine Büros gestaltete. Er war be­geis­tert, erbat eine Bewilligung bei Strot­hotte und wurde Sika-Verwaltungsrat.

Ein Jahr lang blieb er noch im Rohstoffgeschäft, dann baute er sein VR-Business auf: Alpine Select, Sulzer, Model und schliesslich Julius Bär. In die Garage seiner Zuger Villa wurden schicke Oldtimer gestellt, hinzu kam ein Domizil mit ­Motorboot am Lago Maggiore. Und stets investierte er. «Manche warnen mich vor dem Klumpenrisiko», sagt er, «für mich ist es aber eine Klumpenchance.»

Ich gebe, damit du gibst

Bei der Alpine Select stieg er mit Familienfreund Michel Vukotic ein, der schon Steuerberater seines Vaters war und als ausgebuffter Offshore-Banker bei Julius Bär Karriere machte. Die Familien Sauter und Vukotic kauften über ihre Beteiligungsfirma Trinsic fleis­sig Alpine-Select-Aktien. Sie kontrollieren immer noch 16 Prozent. Als Manager setzte Sauter seinen Mentor Geering ein – eine nette Revanche. Das «Do ut des» zählt unter Sauters Freunden. So stieg er beim Thurgauer Verpackungs­unternehmer Daniel Model in den VR, im Gegenzug kam Model in die Trinsic – obwohl Sauter mit den extremen politischen Ansichten Models nichts anfangen kann. Sauter ist Freisinniger und lehnt eine ausländerfeindliche Abschottungspolitik ab. Model ist ein libertär-radikaler Antidemokrat, der seinen eigenen Staat namens «Avalon» gegründet hat.

Aktien sind für Sauter Kampfmittel. Als Aktionär und VR legte er sich immer wieder mit anderen Investoren an, so bei Tuxedo, bei Sulzer und zuletzt bei Sika.

Giftiger Streit

Bei der Beteiligungsfirma Tuxedo forderte er 2002 die Senkung des Aktienkapitals. Den Grossaktionären warf er Falschinformation vor, es wurde giftig. Sein Ziel, wie immer: Börsenwert steigern, Aktienkurs pushen. Und im Hintergrund hatte er wieder einmal die Handelsabteilung von Julius Bär mit seinem Freund Vukotic. Er scheiterte aber an der Gegnerschaft, die vom hartnäckigen Anwalt Urs Schenker angeführt wurde. Die Ironie der Story: Bei der Sika hat Sauter wieder Schenker auf der Gegenseite.

Als Sulzer-Verwaltungsrat orchestrierte er 2009 einen Abwehrkampf gegen Investor Viktor Vekselberg. Wieder wurde der Streit laut, doch plötzlich lenkte Sauter ein. Vekselberg übernahm, Sauter wurde still und blieb, mit einem VR-Jahressalär von 200'000 Franken. Sein Mitkämpfer Ulf Berg flog dabei allerdings aus der Kurve.

Kränkung als Motiv?

Als die Burkhard-Familie im vergangenen Dezember den Sika-Präsidenten Paul Hälg und CEO Jan Jenisch über ihre Verkaufsabsichten informierte, erschienen die Manager zunächst kooperativ. Die Familie hatte allerdings Sauter unterschätzt, den sie in der ersten Runde nicht informierte. Die Burkards hatten aber gute Gründe: Sauter war ihnen längst entglitten und aufgefallen, wie er den Eintritt ihres Vertreters Fritz Burkard in den Verwaltungsrat hintertrieb.

Als Sauter endlich unterrichtet wurde, drehte die Stimmung blitzartig. Wieder erwachte seine Kampfeslust. Sein Motiv: eine Kränkung, weil er nicht gefragt wurde? Wir wissen es nicht, Sauter schweigt sich aus. Der Fall scheint ihm aber zu entgleiten: Gibt Saint-Gobain auf, dann hat er es mit der Familie zu tun, die hohe Schadensersatzansprüche geltend machen könnte. Scheitert der Widerstand, dann wird er mit einer donnernden Niederlage identifiziert. Eine Lose-lose-Situation, in jedem Fall bleibt von ihm nur noch «dead meat», wie er in solchen Fällen zu sagen pflegt.

Sauters Gegner empfinden diese Kämpfe als zermürbend und seine Mitkämpfer den Ausgang wiederum als überraschend. Denn bei den Spitzkehren hält sich einer ­zumeist in der Kurvenfahrt: Daniel Sauter. Doch jetzt, im Fall Sika, kann er nicht darauf hoffen.

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