Aufhören, liquidieren, verkaufen – den Analysten reicht es: «Cytos hat sich in eine unmögliche Situation manövriert, da ist ein riesiger Schuldenberg und kaum Aussicht auf genügend Einnahmen», sagt Olav Zilian von Helvea. Sein Kursziel für das Biotechunternehmen hat er von neun auf einen Franken reduziert. Auch die Bank am Bellevue rechnet mit dem Schlimmsten und korrigierte das Kursziel von fünfzehn auf einen Franken.

Für Wolfgang Renner, CEO von ­Cytos, wird es eng: Er hat noch 71 Millionen Franken in der Kasse – das reicht für knapp drei weitere Jahre. Dann, im Jahr 2012, wird auch noch eine Wandelanleihe über 70 Millionen Franken zur Rückzahlung fällig. Mit andern Worten: Der ­Cytos-Chef braucht dringend Geld.

Dieses am Kapitalmarkt zu beschaffen, dürfte schwierig sein. Dort verliert man nämlich langsam die Geduld. Seit 14 Jahren verfolgt Renner die Idee, Impfstoffe zu entwickeln zur Prävention und Behandlung chronischer Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes und Allergien.

Sicher, aber wirkungslos. Selbst Laien leuchtet ein, dass solche Substanzen ein Bombengeschäft wären. Renner hatte denn auch nie ein Problem, Geld aufzutreiben. Erst war es Risikokapital, dann kam im Jahr 2002 der Börsengang, es folgten zwei Kapital­erhöhungen und schliesslich die Emission einer Wandelanleihe über 70 Millionen Franken. Renner konnte bis jetzt mehrere hundert Millionen Franken für seine Idee mobilisieren. Und mit den Pharmakonzernen Novartis und Pfizer hat er ­Kooperationsverträge für einzelne Sub­stanzen unterzeichnet: Da winken nochmals ein paar hundert Millionen Franken – im Erfolgsfall.

Doch genau da hapert es. Noch keine von Wolfgang Renners Substanzen hat es in die match­entscheidende Testphase III geschafft. Auch nicht NIC002, der Stoff gegen Nikotinsucht. Dabei hätte der Impfstoff 2011 als erstes Produkt aus den Cytos-Labors marktreif, ja zum Kassenschlager werden sollen. Das steht im Vertrag, den Renner 2007 mit Novartis abschloss. Er verkaufte damals den Anti­nikotinstoff an den Basler Pharmakonzern, und man stellte ihm im Gegenzug schwindelerregende 600 Millionen Franken in Aussicht plus Umsatzbeteiligung bis ins Jahr 2023.

Bei Vertragsabschluss erhielt er 35 Millionen Franken, weitere 45 Millionen Franken sollte Novartis nach Abschluss der klinischen Tests der Phase II bezahlen. Doch nun scheint der schöne Deal schon geplatzt, denn der Impfstoff erwies sich bei den von Novartis am Menschen durchgeführten Tests zwar als sicher und gut verträglich, jedoch als wirkungslos. «Novartis wird demnächst entscheiden, ob sie mit der Substanz weitermacht oder nicht», sagt Renner. Falls ja, will er den Impfstoff den neuen Erkenntnissen entsprechend modifizieren. Falls nein, wird das Mittel aufgegeben, wie davor bereits die Substanzen gegen Fettleibigkeit, Neurodermitis oder Schuppenflechten. Sie ­alle gaben einst Anlass zu Hoffnungen auf das grosse Los, entpuppten sich aber als Nieten.

Überlebenskampf. Die Wirkungs­losigkeit von NIC002 war bereits die zweite schlechte Nachricht in diesem Jahr. Im Frühling war Renner auch mit einer Sub­stanz gegen Bluthochdruck gescheitert. Darauf reagierte er scharf, entliess ein Drittel des Personals und legte mehr als die Hälfte der Projekte auf Eis, mit dem Effekt, dass sein jährlicher Geldbedarf von 40 Millionen auf 24 Millionen Franken gedrosselt wurde. Plan B hatte er in der Schublade, als im März 2009 die schlechte Nachricht kam. Die Massnahmen waren so angelegt, dass bei einem negativen Testergebnis der Antiniko­tinsub­stanz nicht nochmals das Messer angesetzt werden musste.

Renner war so gesehen gewappnet, die Anleger jedoch reagierten panisch. Als bekannt wurde, dass der Antinikotinimpfstoff bereits in der Phase II stecken blieb, sackte der Aktienkurs um rund 30 Prozent auf 15 Franken ab. Cytos, die 2007 an der Börse 900 Millionen Franken schwer war, ist heute noch 73 Millionen Franken wert. Auf den Vorwurf der Erfolglosigkeit reagiert Renner entnervt: «Wir sind dabei, eine komplett neue Therapieform zu entwickeln, das braucht einfach Zeit, und Rückschläge gehören dazu, das ist der Weg der Wissenschaft.» Ein Venture-Capital-­Geber sagt: «Das stimmt, und das weiss auch ­jeder, der in Biotech investiert, nur wird Misserfolg an den Kapitalmärkten einfach nicht akzeptiert.»

Das bedeutet, dass für Renner nun ein Produkterfolg überlebenswichtig ist. Von den Analysten mag allerdings keiner mehr daran glauben, dass er dies in der wenigen Zeit schafft, die ihm noch bleibt, bis er in die Nettoverschuldung rutscht.

Wolfgang Renner – ein Biotechinvestor betitelt ihn als «Ankündigungsminister» – glaubt, einen Stoff zu haben, mit dem er es schaffen könnte. CYT003 ist ­eine Monotherapie zur Behandlung von allergischer Rhinokonjunktivitis (Pollen-, Milbenallergie). Die Substanz gegen Al­lergien lieferte im Sommer positive Testergebnisse, was der Kapitalmarkt aber bis jetzt ignoriert hat. «Wir sind mit potenziellen Partnern für diese Substanz im Gespräch», sagt Renner, «das sollte nächstes Jahr spruchreif sein.» Mit wem er verhandelt, sagt er nicht. Nur so viel: «Wir haben mehr als zwei Interessenten.»

Käme ein solcher Deal zustande, so würde Cytos wieder zu Geld kommen. Das Worst-Case-Szenario? Nicht dass Renner dereinst die Bilanz deponieren, sondern dass er die Technologie verkaufen müsste. In den Augen der Analysten wäre dies zwar das Beste, was ihm noch passieren könnte. Allerdings zweifeln sie, ob sich tatsächlich ein Käufer fände. Unisono sind sie der Meinung, Wolfgang Renner sei am Endpunkt angelangt.

Und wie sieht es Renner selbst? Er schwebt in anderen Sphären und meint: «Der Grund, dass es uns bis heute gibt, ist, dass wir noch nicht aufgegeben haben. – Und wir werden das auch jetzt nicht tun. Es gibt dafür schlicht keinen Grund.»

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